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RADRENNEN Glaube nichts

Nach dem Dopingskandal soll das T-Mobile-Team neu erfunden werden. Als Manager hat sich der Konzern den amerikanischen Milliardär und Radsportfan Bob Stapleton ausgesucht. Sein Auftrag: saubere Siege.
aus DER SPIEGEL 38/2006

Der Satz stammt nicht einmal von ihm selbst, sondern von einem Rennfahrer, der ihm bloß einen Rat mitgeben wollte für den Job. Er lautet:

»Hör dir alles an - glaube nichts.«

Aber Bob Stapleton liebt diesen Satz, er sagt ihn ziemlich oft, manchmal lächelt er dabei, manchmal klingt der Satz sehr scharf. Aus dem Tipp hat er so etwas wie einen Slogan gemacht, den Slogan für seinen neuen Job.

Mit den Händen in den Hosentaschen schlendert Stapleton durch einen riesigen Konferenzraum in der Bonner Konzernzentrale von T-Mobile, ein schmächtiger Mann in dunkelblauem Anzug. Stapleton ist 48 Jahre alt, trägt Stoppelbart, er hat eine warme Stimme, neugierige blaue Augen und einen selbstbewussten Auftritt, der ihn auch in einem riesigen Konferenzsaal mit leeren Tischen nicht verloren wirken lässt. Er hat einen Auftrag, dessen Risiko größer erscheint als die Chance auf Erfolg. Mit dem Geld des deutschen Mobilfunkunternehmens, einem Jahresetat von zwölf Millionen Euro, baut er ein neues Radprofiteam auf, dazu sucht er Rennfahrer, Sportliche Leiter, Mechaniker, Pfleger, Mediziner, rund 70 Leute werden es am Ende sein. Zwei Monate hat er Zeit.

Hör dir alles an.

Fast täglich hat er von Amerika aus nach Europa telefoniert, meist stundenlang, frühmorgens, wegen der Zeitverschiebung, hat sich beraten mit dem Konzern und vertrauenswürdigen Leuten aus dem Radsport. Am Tag vorher ist er aus San Francisco eingeflogen, jetzt beginnen die Wochen mit Verhandlungen.

Stapleton ist das Gesicht des Umbruchs, und was seinen Job so heikel macht, sind die Umstände, unter denen er eine Mannschaft zusammenbekommen muss. Radsport, das scheint heute nur noch ein Festival des Dopings zu sein, ein Festival, bei dem Ganoven wie Caterer die Fahrer mit ihren Kreationen aus der Pharmaküche versorgen. »Doping ist die Wolke, die alles verdüstert«, sagt Stapleton. »Das macht klare Entscheidungen so kompliziert.«

Glaube nichts.

Einfach so Personal zu engagieren, das wäre leicht, schließlich ist der Markt voller Arbeitskräfte, die sich nach einem festen Einkommen sehnen. Aber Stapleton braucht Leute, die frei sind von dem Verdacht, etwas mit Manipulationen zu tun zu haben: Fahrer, denen man nicht nachsagt, sie spritzten sich angereichertes Blut. Masseure, von denen man annehmen darf, dass sie keine verbotenen Mittel besorgt und verabreicht haben. Rennleiter, bei denen man ausschließen kann, dass sie einen Betrug gedeckt haben. Ärzte, die dabei helfen, ein teaminternes Kontrollsystem zu betreiben. Aber wer gibt schon zu, jemals

etwas mit Doping zu tun gehabt zu haben, erst recht, wenn ihm Fahnder nie etwas nachgewiesen haben?

»Mein Job ist es, einen Schritt zurückzutreten«, sagt Stapleton. »Glauben wir wirklich das, was uns jemand da erzählt? Haben wir alles überprüft? Zu unserem Programm gehört es, die Leute vorher so intensiv wie möglich zu durchleuchten.«

Ein Fehler, ein einziger weiterer Dopingfall bei T-Mobile - und das Projekt Neuanfang scheitert. Sie wollen die Saubermänner sein, das ist ziemlich gewagt. Andere Sponsoren sind bereits ausgestiegen, um ihr Image nicht länger von Betrügern und deren Hintermännern ramponieren zu lassen.

Stapleton ist eigentlich Geschäftsmann, er gehörte zu den Pionieren des amerikanischen Mobilfunks. Gemeinsam mit Kompagnons hatte er in Seattle die Firma Voicestream Wireless gegründet, sie riskierten etwas und kauften 60 Konkurrenten auf und wuchsen. Bis zur Jahrtausendwende hatten sie ein nationales Unternehmen erschaffen, das im Nasdaq geführt wurde. Stapleton saß als Teilhaber im Vorstand und trug den Titel Chief Operating Officer, zuständig dafür, dass das Geschäft blüht. »Ich war der Regenmacher«, sagt er.

Voicestream war kein Gigant der Telefonbranche, aber attraktiv genug für ausländische Unternehmen, die auf den US-Markt drängten. Geschickt verhandelten Stapleton und seine Partner mit den Kaufinteressenten, und am Ende des Preispokers übernahm die Deutsche Telekom AG im Mai 2001 die Firma - für rund 35 Milliarden Euro. »Es war eine teure Akquisition. Es floss etwas Cash, aber überwiegend wurde der Handel durch Aktientausch abgewickelt«, sagt Stapleton beiläufig wie jemand, der es gewohnt ist, in großen Maßstäben zu agieren und davon zu profitieren. Seit dem Deal ist er vielfacher Millionär.

Eine Weile blieb er noch im Management von T-Mobile USA, wie das Unternehmen nun hieß, und machte weiter ein bisschen Regen, indem er internationale Strategien entwarf. 2002 begann er, sich zurückzuziehen, bald schon kam die Langeweile.

Ein befreundeter Investmentbanker sprach ihn darauf an, ob er nicht T-Mobile dazu bewegen könne, ein amerikanisches Team von Radsportlerinnen zu unterstützen, kein großes Ding, es ginge um ein paar Frauen, die ein paar Dollar benötigten, um ihre Rennen in den Staaten zu fahren. Stapleton fädelte den Vertrag ein und übernahm das Management, eine Fingerübung für ihn. »Es war mehr Vergnügen als Arbeit. Ich habe ein Auge drauf geworfen.«

Doch damit war eine Entwicklung in Gang gekommen, die Stapleton gar nicht im Sinn hatte, die ihn aber in eine zentrale Position manövrierte. Öfters kam er nach Europa, er wurde als Gast zur Tour de France eingeladen und pflegte den Kontakt nach Bonn. Das Profiteam um Jan Ullrich geriet in Nöte, nachdem es der ehemalige Rennfahrer Olaf Ludwig zu Jahresbeginn übernommen hatte. Mit Doping hatte das noch nichts zu tun, nur damit, wie schlecht manches organisiert war.

Nach der Frühjahrssaison beschwerten sich fast alle Fahrer in einem Brief bei dem Sponsor über Ludwigs Führungsstil. Über lange Strecken, die sie mit dem Auto fuhren, statt zu fliegen, weshalb sie übermüdet an den Start gingen. T-Mobile hatte dem im Management unerfahrenen Ludwig schon früh nahegelegt, sich von Stapleton beraten zu lassen, doch Ludwig schlug die Hilfe aus. Die Probleme wuchsen. Als zum Start der Tour de France Jan Ullrich fortgeschickt wurde, weil er in den Sog des spanischen Dopingskandals geraten war, trat Ludwig oft verdruckst auf, auch als es längst an der Zeit war, den Betrug zu verdammen, er wiegelte ab und murrte, wenn man ihn fragte, warum seine Rennfahrer sich von dubiosen Medizinern Trainingspläne erstellen ließen.

Dabei hatten die Verantwortlichen von T-Mobile längst erkannt, wie sehr das Image litt. Es gab nur zwei Möglichkeiten: entweder Rückzug - oder ganz neu anzufangen. Die Telekom hatte Stapleton reich

gemacht. Nun scheint es an der Zeit, dass Stapleton etwas zurückzahlt.

Christian Frommert sitzt in einem Bistro im Taunus, rührt in seinem Milchkaffee und raucht Lucky Strikes. Eigentlich ist heute sein freier Tag, aber freie Tage gibt es für ihn kaum noch. Als der Wirtschaftsjournalist 2005 bei T-Mobile anfing, um das Sponsoring als Sprecher zu betreuen, sah sein Job noch völlig anders aus. Es gab viele gute Nachrichten, vor allem bei der Tour, dank Ullrich. Schlechte News bestanden darin, dass ein paar Rennen verloren gingen. Dann kam die nächste Tour und mit ihr die Krise. Frommert musste sich plötzlich mit Ermittlungsakten der spanischen Polizei, mit Dopingtricks und immer neuen Zweifeln an den Fahrern, die Trikots in der Firmenfarbe Magenta tragen, herumschlagen.

Inzwischen hat Frommert, 39, an vielen runden Tischen gesessen und über die Zukunft des Radsports diskutiert, er hat häufiger mit Anwälten zu tun gehabt als jemals zuvor in seinem Leben. All das hat eine Kampfeslust in ihm geweckt. Um sie zu erkennen, braucht man ihm nur eine Frage zu stellen:

Warum steigt T-Mobile nicht aus?

Frommert nimmt ein Blatt Papier und zeichnet ein Dreieck. »Wir engagieren uns bei Sicherheitskonzepten, zum Beispiel für Kinderhelme. Wir haben Trainingsgruppen für unsere Angestellten im Konzern. Wir sponsern Jedermann-Rennen, an denen Hobbyfahrer teilnehmen können. Wir hatten ein Mountainbike-Team, wir haben ein Frauenteam. Unsere Profis sind die Spitze dieser Pyramide. Wir bringen jedes Jahr 700 Gäste zur Tour, sie ist eine Plattform für Geschäftsleute. Der Radsport ist in 15 Jahren im Konzern gewachsen, Telekom hat ihn in Deutschland groß gemacht.«

Er macht eine kurze Pause, um seine Worte und die Zeichnung wirken zu lassen. Dann sagt er: »Das hängt alles zusammen. Das kannst du nicht einfach aufgeben. Nicht ohne wenigstens versucht zu haben, es anders zu machen.«

Natürlich hat die Telekom mit ihren Millionen dabei geholfen, das Dopingfeuer zu entfachen. Und als 1999 erstmals Jan Ullrich verdächtigt wurde, prügelte sie auf die Kritiker ein, anstatt den Verdacht zu überprüfen. Frommert gehörte damals nicht dazu, aber er weiß, dass ein Rückzug auch ein Schuldeingeständnis wäre: Euch ging es nie um den Radsport, sondern nur um den Erfolg und Ullrichs Ruhm.

Jetzt verzichten sie auf den gefallenen Star, suchen unbescholtenes Personal und

unterstützen auch die Ermittlungsbehörden, wie bei der Razzia in der vergangenen Woche. Aber das allein reicht nicht. Sie brauchen ein Kontrollsystem.

Deswegen soll Stapleton eine Mannschaft formen. Radteams sind bislang ein eher lockerer Zusammenschluss einzelner Athleten, die sich fast nur bei den Rennen sehen, weil jeder für sich trainiert, irgendwo auf der Welt, so wie es ihm gefällt, nach Plänen, von denen sein Sponsor meist keine Ahnung hat, weil es ihn nicht interessiert, wie Leistung zustande kommt. »Wir wollen keine Teams im Team«, sagt Stapleton.

Bei T-Mobile soll nun alles zentral organisiert sein. Die individuellen Programme erstellen und kontrollieren eigene Trainer. Sportpsychologen nehmen sich der Rennfahrer an. Die Freiburger Universitätsklinik überwacht die komplette Leistungsdiagnostik. Und alle Fahrer verpflichten sich, sich von der Universität Bayreuth testen zu lassen. Dort wenden die Mediziner ein patentiertes Verfahren an, das mittels eines Atemgeräts und eines Piksers ins Ohrläppchen das Blutvolumen bestimmt. Schwankt die Menge im Körper zu stark, liegt der Verdacht nahe, dass ein Athlet seine Ausdauer erhöht, indem er sich Eigenblut spritzt. Dass er also dopt.

Vertrauen durch Misstrauen. Was aber, wenn ein Fahrer nur kommen mag, wenn er wie gewohnt weiterarbeiten darf?

»Wir sagen ihm: Wir wollen die Transparenz all dessen, was du machst«, so Stapleton. »Du willst deinen Arzt behalten? Okay, aber er muss sich unserem medizinischen Programm anschließen. Du hast deinen eigenen Trainer? Also müssen wir wissen, wer er ist, was er macht, wir wollen deine Trainingspläne und Daten sehen. Wir wollen keine totale Vereinnahmung, aber den direkten Zugang zu allem. Wir wollen genau wissen, was du tust. Das wird so in den Verträgen festgehalten.«

Ebenfalls darin stehen wird, dass im Dopingfall nicht nur fristlos gekündigt und kein Gehalt mehr gezahlt wird - sondern auch, dass der Fahrer Geld zurückzahlen muss. Womöglich ist das der größte Fortschritt im Anti-Doping-Kampf. Ullrich hat Millionen verdient, die er behalten kann, obwohl er nach Lage der Dinge jahrelang betrogen hat. Das Kalkül von Radprofis, vielleicht erst erwischt zu werden, wenn der Lebensabend finanziert ist, wird mit der Cashback-Klausel durchbrochen.

Vieles von dem, was T-Mobile und Stapleton sich vorgenommen haben, erscheint sinnvoll. Aber eine Rennmannschaft haben sie damit noch nicht. Stapleton wäre aufgeschmissen ohne einen knorrigen Westfalen, der wie ein Gegenentwurf wirkt zu dem smarten Manager aus Übersee.

Rolf Aldag wohnt auf einem wiedererrichteten Bauernhof in Beckum, ganz in der Nähe ist er geboren und aufgewachsen. Aldag hat sich 15 Jahre lang als Radprofi geschunden, immer zu Diensten für Siegertypen wie Ullrich oder Zabel. Einmal war er Deutscher Meister, 2000, aber nur weil Telekom damals das Feld dominierte und Aldag zum Sieger auserkor, als Dankeschön für die Fron als Helfer. Vor einem Jahr ist Aldag vom Sattel gestiegen, mit 37, ein blonder Schlaks, der ein bisschen krumm geht nach mehreren hunderttausend Kilometern auf dem Rennrad.

Stapleton ist der Kopf, Aldag die Seele des Projekts, und irgendwie haben sie es geschafft, Gefallen aneinander zu finden.

Vor fünf Jahren trafen sie sich erstmals, Stapleton war damals bei der Tour de France Gast der Telekom, auf dem Programm stand der Anstieg zum berüchtigten Tourmalet. Aldag betreute die Gäste. »Schieben tu ich dich nicht. Du sollst ruhig mal sehen, wie schwer Radsport ist«, raunzte er Stapleton am Fuß des Berges an. Stapleton kam aus eigener Kraft oben an, natürlich.

Diesen Sommer brachte T-Mobile die beiden wieder zusammen, um das Team zu retten. Aldag sagt: »Die Kombination ist ideal. Bob findet sich in der Geschäftswelt zurecht, ich kenn mich im Radsport aus.«

Vor allem besitzt Aldag etwas, was für T-Mobile angesichts des Generalverdachts, der über dem Radsport lastet, extrem wertvoll ist: Glaubwürdigkeit. Nie kam er in den Ruch, gedopt zu haben. »Ich bin«, sagt er, »wohl das kleinste Übel.«

Seitdem haben Stapleton und er stundenlang telefoniert, während Aldag in der Abendröte von Westfalen saß und Stapleton in der Morgensonne von Kalifornien. Sie sind Listen von Namen durchgegangen, die als Fahrer oder Sportliche Leiter in Frage kommen, sie haben diskutiert und geplant. »Unsere Schnittstelle«, sagt Aldag, »musste sich erst mal einspielen.« So musste er Stapleton überzeugen, dass es für die Stimmung im Team wichtig ist, früh den Mechanikern einen neuen Vertrag zu geben. Stapleton sah zunächst nicht recht ein, warum man über einen 40 000-Euro-Job nicht erst zum Schluss entscheidet.

Mehrmals kam Stapleton nach Bonn gereist, wo sie sich trafen und weiterdiskutierten und planten. Am 27. September werden sie nun auf einer Pressekonferenz ihr Projekt präsentieren. Junge Fahrer wie Linus Gerdemann, 24, und Gerald Ciolek, 19, werden statt eines Ullrich oder Andreas Klöden, 31, auf dem Podium stehen.

Ein Jahr lang wird es weniger um den Rennerfolg gehen als um das Image, ein sauberes Team geworden zu sein. Ein Jahr haben sie Zeit, sich zurechtzufinden in einer sich wandelnden Szene.

Falls sie sich wandelt. Und wenn nicht? Wenn munter weitergedopt wird im Rad-sport, so wie es bisher immer geschehen ist?

»Wenn wir die einzige Stimme da draußen sind und wenn alles wie früher bleibt«, sagt Stapleton und atmet kurz durch, »dann wird es für uns sehr hart.«

DETLEF HACKE

* Mit dem Sportlichen Leiter Rudy Pevenage (l.) und Jan Ullrich (r.) am 29. Juni.

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