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Gleitende Wirbel

»Sport ist Mord«, klagte Turnerin Hertha öowenberg und gab vor den Spielen auf. Beim Olympia erwies sich: Die Grenzen der Belastbarkeit sind teils erreicht, teils überschritten.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Sechs Tage lang beobachtete ein entzücktes TV-Publikum olympische Akrobatik in der Turnhalle: Honma-Rolle, Healy-Quirl oder Doppelsaltoschraube. Was der Japaner Honma an den Ringen vorführte, der Amerikaner Healy am Barren zeigte oder der Japaner Mitsuo Tsukahara beim Abgang vom Reck vollbrachte, lag an der Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit -aber auch an der Grenze zwischen Medaillenruhm und Sportinvalidität.

Denn die Zahl der Turner, die beim Einüben extremer Akrobatik verletzt zurückblieben, ist größer als die Zahl der Experten, die ihre Kunstfiguren noch identifizieren können.

Die Turner, doch keineswegs sie allein, schwangen und sprangen unter den fünf Ringen schon über die Grenzen erträglicher Höchstleistungen hinaus. Der Olympia-Slogan »Citius, altius, fortius« bedeutet 1972: Schneller wird vor allem der Verschleiß, höher die Belastung, stärker die Konkurrenz.

Von den 121 teilnehmenden Mannschaften erkämpften schon 48 mindestens eine Medaille -- das sind 40 Prozent. Nur fünf Länder verbuchten mehr als zehn Goldmedaillen. Die Folgen der olympischen Abnutzung zeichnete das Mediziner-Team des Hamburger Professors Dr. Ernst Gadermann im Ärzte-Zentrum des Olympischen Dorfes auf.

»Der Bandapparat ist der schwächste Punkt«, stellte der Frankfurter Orthopäde Treumann fest. Schmerzende Achillessehnen und Risse gehören längst zum Alltag einer Sportärzte-Praxis. Durch Verletzungen fielen während der Wettkämpfe allem in der bundesdeutschen Leichtathletik-Equipe alle drei Zehnkämpfer aus, dazu die 400-Meter-Läuferin Christel Frese und die Sprinterin Elfgard Schittenhelm.

Doch wiesen die Forscher auch schon Berufsschäden für bestimmte Sportarten nach. So führten bei Wasserspringern, die aus zehn Meter Höhe häufiger schräg ins Wasser prallen, die ständigen Stauchungen in vielen Fällen zu schmerzhaftem Wirbelgleiten. Nur eine schwierige Operation vermag die Schäden zu beheben.

Bei Ruderern, die stets auf einer Seite ihre Riemen eingetaucht haben, war die Wirbelsäule allmählich seitwärts abgewichen. Oft stützt bei Kraftathleten nur ein Muskelkorsett das überlastete Rückgrat. Wenn der Sportler seine Karriere beendet und die antrainierten Muskelstränge sich zurückbilden, kann sich dauernder Schmerz einstellen.

Besonders das sogenannte Drücken der Gewichtheber halten Ärzte für gefährlich: Aus Schulterhöhe müssen die Stemmer ihre Hantel ohne Bein- und Körperhilfe empordrücken. Dabei fallen sie gewöhnlich ins Kreuz, zentnerschwerer Druck zerrt an den Bandscheiben. Die Heber drückten in München zum letztenmal: Sportmediziner setzten durch, daß der Internationale Gewichtheber-Verband den Olympischen Dreikampf um das Drücken kappte.

Noch mehr gefährdet sind jedoch Turnerinnen und Turner der Weltspitze. Der gegenwärtige Leistungsstand nötigt ihnen das Risiko auf, vorzeitig Rückgrat, Achillessehnen und Füße zu verschleißen. Beim Absprung etwa vom Stufenbarren mildern nicht einmal federnde Spezialsohlen den Druck. Turnerinnen treten traditionell mit hauchdünnen Ballettschuhen an -- .fast barfuß, Orthopäde Treumann: »Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich ihr vom Turnen abraten.«

In einem besonderen Test wollte das Ärzteteam auch die Hirnströme der Amateurboxer messen (EEG). Es erhoffte Aufschluß darüber, ob und wieweit Boxhiebe sich auf die Hirnfunktionen auswirken. Doch das Präsidium der Internationalen Amateurbox-Union (AIBA) lehnte ab. Die Boxer stoppen weiter mit ihren Köpfen rammende Fäuste und schlagen sich gelegentlich sogar tot. Der EEG-Test hätte vermutlich Schäden dokumentiert und womöglich die Forderung nach Schutzmaßnahmen, etwa nach Sparringshelmen verursacht.

Offensichtlich zieht der Hochleistungssport immer mehr Athleten an, die sich psychisch weit von der Norm entfernt haben. Zwanghafter Ehrgeiz treibt viele, sich durch Doping-Drogen selbst zu ruinieren. Obwohl in München strenge Kontrollen. angekündigt worden waren, ertappten die Chemiker sieben Doping-Frevler. Sogar einen Olympiasieger, den US-Krauler Rick Demont, disqualifizierten sie.

Dennoch brachen in München, anders als 1968 in der sauerstoffarmen Höhenluft Mexikos, selten Sportler so spektakulär zusammen wie der Schweizer Turner Hans Ettlin; nach der mißglückten Hechtrolle schafften ihn Helfer mit einer Schädelprellung und Genickstauchung ins Krankenhaus.

Die meisten Verletzungen hatten schon das wenigstens vierjährige Olympia-Training und die unbarmherzigen, nationalen Qualifikations-Wettkämpfe gefordert.

Olympia-Tote dagegen verzeichnet die Chronik nur in älteren Kapiteln: Der portugiesische Marathonläufer Francisco Lazaro starb 1912 am Hitzschlag, der dänische Radrennfahrer Knud Enemark Jensen 1960, nachdem er das Aufputschmittel Ronicol geschluckt hatte.

Sogar von den elf Box-Endkämpfen fiel nur einer aus: Der Rumäne lon Alexe meldete sich kampfunfähig. Aber er wollte sich, wie Insider erfuhren, nur nicht unnötig den Hammerhieben des Kubaners Teofilo Stevenson aussetzen, der schon drei Konkurrenten k.o. geschlagen hatte. Die Silbermedaille war Alexe ohne weiteren Kampf sicher.

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