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Go West

Der Deutsche Sportbund will Trimmsportler in die USA verschicken. Von New York bis San Francisco können sie joggen und golfen, Tennis spielen und reiten.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Ganz Amerika bangte um seinen Präsidenten. 1955 zwang ein Herzinfarkt Ike Eisenhower vom Weißen Haus in die Intensivstation. Seine politische Karriere schien beendet zu sein.

Aber Ike kehrte ins Weiße Haus zurück -- dank eines Fitneß-Programmes, das die Ärzte für den Weltkrieg-II-Haudegen ausgearbeitet hatten. Ein Jahr später, 1956, gründete Eisenhower den »President's Council on Physical Fitness and Sports« -- eine ihm unmittelbar unterstellte Organisation für den Breiten- und Gesundheitssport.

Jimmy Carter joggt täglich fünf Kilometer. Bei einem Volkslauf übernahm er sich 1979 dennoch und ging live vor TV-Kameras in die Knie.

»Präsidenten werden im Amt gesünder«, freute sich jedoch Dr. William Lukash, Chefarzt im Weißen Haus, über die Wirkung der Fitneß-Maßnahmen. Vor allem machte das Beispiel der Regierenden bei den Regierten Schule: 61 Prozent der US-Bürger treiben inzwischen Sport (Bundesrepublik: 49 Prozent). Allein 30 Millionen Amerikaner joggen.

Mit einigen Jahren Verzögerung schwappte die Gesundheits-Welle nach Europa. 1970 startete der Deutsche Sportbund (DSB) seine Trimm-Aktion; längst hat sie sich zur Millionen-Bewegung entwickelt. Aber schon lange blickte der DSB neidvoll auf den Automobilisten-Klub ADAC, der mit touristischem Service Millionen einsackt.

Da entwickelten Fachleute aus verschiedenen Branchen die Idee, statt nur einiger Dutzend Top-Athleten Tausende von Trimmsportlern zu Sport- und Besichtigungs-Programmen einzuladen. Die US-Fluggesellschaft Pan Am suchte Ersatz für die amerikanischen Touristen, die sich wegen des abgesackten Dollar-Kurses keine Europareisen mehr leisteten. Sportfan Heinz Radeschadt vom Kölner Rhein-Ruhr-Reisebüro versuchte ebenso wie der DSB, aus der Trimmwelle Gewinn zu filtern.

»Wir haben reichlich Wettkampf-Verkehr mit den Ostblock-Ländern«, begründete DSB-Sprecher Karl Bellmer die Go-West-Aktion in die USA, »daß es mal Zeit wird für die andere Richtung.«

Nirgendwo finden Trimm- und Gesundheitssportler reizvollere Bedingungen als in den USA. Der DSB tritt erstmals als Reisevermittler auf, bürgt mit seinem Namen und brachte Trimmy, das Symbol der Trimm-Aktion, in den Werbespruch ein: »Trimmy trifft Micky Maus.«

Eine Million Prospekte erreicht über Verbände und Vereine jeden bundesdeutschen Sportbürger. Vorsichtig rechnet Reisebüro-Radeschadt vom Juni an mit etwa 6000 Sportreisenden in diesem Jahr. Der Deutsche Sportbund kassiert, zweckgebunden für den Breitensport, 50 Mark für jede Buchung.

In Amerika garantiert die Präsidenten-Kommission für Fitneß und Sport die Qualität der angebotenen Sportanlagen. Je ein Reisebüro in New York und San Francisco organisieren die Trips. Sie haben Vierjahresverträge mit mehr als 50 prominenten Klubs und Sporthotels abgeschlossen.

In der Klinik des Astronauten-Arztes Dr. Kenneth Cooper in Dallas (Texas) werden die Gäste gründlich auf ihre Leistungsfähigkeit getestet und erhalten aufgrund des Ergebnisses einen individuellen Trainingsplan. Danach üben sie auf den klinikeigenen Sportanlagen. S.227 Die jeweils erbrachten Leistungen tippen sie in einen Computer ein, der sie unverzüglich bewertet.

Falls sie nach der von Cooper entwickelten Tabelle mehr als 150 Punkte (ausreichend: 30 Punkte) erreichen, dürfen sie ein T-Shirt mit der Aufschrift »Fitneß-Fanatiker« tragen. Wer will, erfährt in Nachmittags-Kursen die wissenschaftlichen Voraussetzungen des zweckmäßigen Trimmens.

Der Schwimmklub Santa Clara (Kalifornien), dessen Mitglieder schon mehr als 50 olympische Medaillen erschwommen haben und der 1982 die Weltmeisterschaften ausrichten will, erwartet schwimmende Trimmer.

Tennis-Fans können in Forest Hills, einem der bekanntesten Tennisklubs der Welt, lobben und schmettern oder ihr Schlagrepertoire bei Paul Navratil im Rancho Bernardo Inn bei San Diego (Kalifornien) verbessern, über deren Vorzüge die »Los Angeles Times« schrieb: »Außerhalb der realen Welt.«

Alle Klubs und Sporthotels bieten mehrere Sportmöglichkeiten an. Auf Segelkurse sind das »Vacation Village Hotel« an der Mission Bay in San Diego und unweit davon das Coronado-Hotel eingestellt, in dem einst die Marylin-Monroe-Filmkomödie »Manche mögen's heiß« entstand. Die Lodge an der Pebble Beach bei Monterey (Kalifornien) verfügt über drei Golf-Kurse.

Unheilbare Jogger haben im Golden Gate Park in San Francisco ebenso wie auf Washingtons Mall Gelegenheit zum Kilometerfressen. In New York drückt ihnen das selber joggende Personal im Sheraton-Hotel einen Plan des Central Parks mit Laufstrecken zwischen 1,5 und 15 Kilometern in die Hand. Lauf-Autor und Langstreckler Bob Glover leitet das Training. Gerannt wird vorwiegend auf gelenkstauchendem Asphalt; bei Windstille droht zudem Jog im Smog.

Niemand braucht ohne Sportorden heimzukehren: Den deutschen Sportgästen steht es frei, das US-Sportabzeichen -- den Presidential Sports Award für Physical Fitness -- zu erwerben. Die amerikanischen Gesundheitssportler leben freilich keineswegs billig. Der Fitneß-Sport befindet sich in den USA fest in den Händen privater Unternehmer und geriet zum Big Business. Weekend-Gäste müssen etwa im Pebble Beach Inn 100 Dollar pro Person und Tag mitbringen. So kosten die Sporttrips bei Gruppen von mindestens 30 Personen zwischen 1797 und 2418 Mark Grundpreis für zehn Tage -- ohne Verpflegung, Tennis spielen ist inbegriffen, ein Trainer kassiert extra.

Doch die ersten Bundes-Trimmer sind schon fest eingeplant: Die bundesdeutschen Bausparkassen wollten 3000 bewährte Mitarbeiter mit einer Reise zum Olympia in Moskau belohnen. Wegen der ungewissen Boykott-Lage haben sie auf Amerika umgebucht.

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