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FRANZ KELLER Gold nach Plan

aus DER SPIEGEL 8/1968

Früh um 6.30 Uhr stapften Betreuer in der blauen Olympia-Uniform der Bundesdeutschen durch die Wälder bei Autrans. Halbstündlich maßen sie mit Spezial-Thermometern neben der Langlauf-Loipe, wie kalt der Schnee und wie warm die Luft sei. Über Sprechfunk meldeten sie die ansteigenden Temperaturen ins Ski-Stadion.

Drei Stunden bevor der Gebirgsjäger-Unteroffizier Franz Keller, 23, zum Langlauf der Nordischen Kombination startete, analysierten Wachsexperten schon die Schneeverhältnisse, um für seine Ski den gleitgünstigsten Belag zu ermitteln.

Das Skispringen, der erste Teil des Kombinations-Weltbewerbes, hatte dem gelernten Maurer aus Nesselwang im Allgäu die Führung eingebracht. Im 15-Kilometer-Rennen, dem zweiten und letzten Teil des Ski-Mehrkampfes, löste er sein Anrecht auf die Goldmedaille ein, vor allem, weil ihn die perfekteste Helfer-Mannschaft unterstützte.

Vor vier Jahren war der Deutsche Georg Thoma als Olympia-Favorit gestartet. Doch seine Helfer versagten. Sie trugen ihm ein Wachs auf, das bei jedem Anstieg bremste. Außerdem vermochten sie Thoma nie genau über den Abstand zu seinen Konkurrenten zu unterrichten.

Die deutschen Streckenposten benutzten in jenem Jahr japanische Sprechfunkgeräte, in denen Wortfetzen fremder Mannschaften die eigenen Informationen der Deutschen überlagerten. Thoma erhielt so verwirrende Lage-Berichte, daß er um eine Sekunde auch die Silbermedaille verpaßte. Keller erlebte das Debakel als Zuschauer an der Strecke.

Damals erfaßten die Deutschen, wie entscheidend die eigenen Hilfsposten an der Loipe die Langlauf-Ergehnisse beeinflussen. Bei den Ski-Weltmeisterschaften 1966 in Oslo erprobten sie Siemens-Funksprechgeräte mit einer weniger gebräuchlichen Wellenlänge. Mit deutscher Gründlichkeit prüfte die Funktionärsmannschaft dann während des Trainings für Grenoble auf zwei Wellen -- eine benutzte sie schwarz -, ob ihr nicht neuerlich Wellensalat die Olympiachancen zerstören konnte. Und am Entscheidungstag erhielten die mit Funksprechgeräten des gleichen Typs ausgerüsteten Deutschen an den übrigen olympischen Wettkampf-Stätten bei Grenoble strikte Order, während des Keller-Kampfes Funkstille zu wahren.

25 Helfer, darunter auch den von Olympia ausgeschlossenen DDR-Flüchtling Ralph Pöhland, postierten die Deutschen mit acht Sprechfunk-Geräten an der Loipe. Alle waren mit gewachsten Ski ausgerüstet, die zu Kellers Stiefeln paßten. Notfalls hätte er im Falle eines Ski-Bruchs innerhalb von Sekunden auf gleitgriffige Ersatz-Ski umschnallen können. Zudem hielten die Pisten-Posten mit Kognak versetzten Kaffee für Keller bereit.

Nach acht Kilometern in stark ansteigendem Gelände führte der Pole Józef Gasienica vor Keller. Da brach sein Ski. Der Pole vermochte ihn nicht rechtzeitig und gleichwertig zu ersetzen er verlor seine Medaillenchance.

Erst beim zwölften Kilometer -- drei Kilometer vor dem Ziel -- erreichte der dreieinhalb Minuten nach Keller gestartete Schweizer Alois Kälin den Deutschen nahezu. Hätte der Schweizer den Deutschen überholt, wäre das Gold verloren gewesen. Doch auf den letzten Kilometern folgten mehrere Abfahrten, die Kälin keine Chance mehr boten, dem Deutschen den Sieg zu entreißen.

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