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Goldene Ringe

Eine Boykott-Serie schien Olympia zu ruinieren. Heute drängen sich die Bewerber um Olympische Spiele bis ins Jahr 2000. Denn inzwischen winkt risikoloser Gewinn. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Die halbe Welt hielt den olympischen Traum für ausgeträumt, als nach dem Boykott der Moskauer Spiele durch die USA und einige Verbündete der kommunistische Block im Gegenzug die Olympia-Kür 1984 verweigerte. Doch jetzt liefern sich zwölf Städte Werbeschlachten um die Spiele für 1992, und ein Profi wie Tennis-Topverdiener John McEnroe wünscht 1988 »in Seoul um olympisches Gold zu spielen - auch für Null«.

Juan Antonio Samaranch, der spanische Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), verglich den Aufschwung der Olympischen Bewegung mit ebenso unvorhersehbaren Wetterumstürzen. Die »vielen dunklen Wolken« hätten sich zerstreut, sagte er zur Eröffnung der 90. IOC-Session im frisch renovierten Schinkel-Schauspielhaus in Berlin. Nun »strahlt der Himmel wieder blau«.

Wie zu einer symbolischen Versöhnung empfing DDR-Staatsratsvorsitzender Erich Honecker das wundersam erstarkte IOC erstmals in seiner Hauptstadt. Als die IOC-Mitglieder zu einer Exkursion ins historische Potsdam aufbrachen, kamen Vergleiche mit Preußens Friedrich II. auf, den ja auch glückliche Umstände vor einer Welt von Widersachern gerettet hatten.

Kaum glänzte das IOC wieder vor aller Welt in goldener Farbe, da festigte der Präsident seine Autorität im eigenen Unternehmen. Er trennte sich von der IOC-Direktorin Monique Berlioux, 61, der mancher nachgesagt hatte, sie sei der einzige Mann im IOC. Die einstige französische Olympia-Schwimmerin und Journalistin war 1967 vom amerikanischen IOC-Präsidenten Avery Brundage eingesetzt worden. Madame Berlioux hielt ihm in der IOC-Zentrale in Lausanne den Rücken frei.

Während der Amtszeit des liberalen Iren Lord Killanin (1972 bis 1980) vollzogen sich zugleich der Abstieg der Olympia-Organisation und der Aufstieg von Frau Berlioux. Das stimmungsarme Olympia 1976 in Montreal begann mit dem Boykott der Afrikaner und endete in einer Milliarden-Pleite. Die Nachfrage nach dem einzigen IOC-Produkt, den Olympischen Spielen, sank fast auf Null. Für 1984 blieb einzig Los Angeles.

Frau Berlioux jedoch gewann Statur als energische IOC-Sprecherin. Niederlagen verstand sie als Erfolge darzustellen und kritische Fragen mit dem Charme eines Haifisches zu beantworten - das alles in französisch, englisch und notfalls noch auf deutsch.

Bei den Spielen 1980 in Moskau übernahm Spaniens ehemaliger Botschafter in der UdSSR die IOC-Präsidentschaft. Alsbald, so berichteten Insider, stoben zwischen Samaranch und Monique Berlioux die Funken. Der neue Präsident hielt alle Fäden selber in der Hand und duckte seine Direktorin, die sich längst angewöhnt hatte, selber zu entscheiden.

»Mangelnde Übereinstimmung« in einer Organisation mit vielen »unterschiedlichen Persönlichkeiten«, so erklärte die scheidende Direktorin, dazu »Divergenzen mit dem Exekutiv-Komitee« des IOC, besonders wohl auf dem Kurs zur Kommerzialisierung, hätten zur Trennung geführt. Nun geht es um die Abfindung; im Gespräch sind 1,5 Millionen Schweizer Franken. Nicht zuviel angesichts ihrer Intimkenntnisse vom IOC. Madame Berlioux, Autorin mehrerer Bücher, drohte schon Memoiren an.

Schon gar nicht übertrieben scheint die Summe, wenn das IOC seine Kassenlage überschaut: Zu den 35 Millionen Dollar, die laut Samaranch als Notgroschen solide angelegt worden sind, werden sich weitere Millionen ansammeln.

An Los Angeles überwies allein der US-Konzern ABC 225 Millionen Dollar TV-Lizenzgebühren, die Winterspiele 1988 in Calgary läßt sich ABC 309 Millionen Dollar kosten, ebensoviel das Sommer-Olympia in Seoul. 200 Millionen legt ABC noch drauf, falls Entscheidungen im Boxen, Schwimmen und in der Leichtathletik auf morgens verlegt würden, wegen der Zeitverschiebung in den USA die günstigste Sendezeit. Mit etwa elf Prozent vom TV-Segen ist das IOC immer dabei.

Von Boykottlust ist kaum mehr etwas zu spüren, obwohl die Sowjet-Union keine diplomatischen Beziehungen zu Südkorea unterhält und der Verbündete Nordkorea heftig gegen die Aufwertung des Rivalen opponiert. Die Sowjets signalisierten bereits, daß ihre besten Athleten 1985 in der südkoreanischen Olympiastadt Seoul an Weltmeisterschaften im Judo und Bogenschießen teilnehmen werden. Nach DDR-Sportchef Manfred Ewald erklärte auch Honecker, DDR-Sportler bereiteten sich intensiv auf die Spiele 1988 vor.

Samaranch trachtet das finanzielle Gewicht des IOC weiter zu erhöhen. Künftig wird der Werbekonzern »International Sports, Culture and Leisure« (ISL) dem IOC die Ringe vergolden. Hochgerechnet auf bisherige Sponsoren-Verträge könnte die Vermarktung der IOC-Symbole bis 1988 insgesamt 300 Millionen Dollar einbringen.

Den Segen teilen sich das IOC und die NOKs nach einem Schlüssel, der noch entworfen wird. Zehn Prozent fallen an ISL. Die Nationalen Olympia-Komitees der wirtschaftlich potentesten Länder sind schon in den Werbezug eingestiegen. ISL-Teilhaber sind der japanische Werbekonzern Dentsu und die deutsche Sportartikel-Firma adidas, die demnächst auch noch in die Kosmetik-Branche einsteigt.

So ganz geheuer erscheint dem Ostblock der Marsch in den kapitalistischen

Kommerz allerdings nicht. »Besorgniserregend ist vor allem die zunehmende Professionalisierung der Olympischen Spiele und der wachsende kommerzielle Mißbrauch«, nörgelte die DDR-Zeitschrift »Theorie und Praxis der Körperkultur«.

Die Kritik verpufft, die Forderung des Ostblocks, das IOC zu demokratisieren, allen NOKs eine Stimme einzuräumen und eine »UNO des Sports zu schaffen«, klingt nur noch nach Pflichtübung. In Berlin diskutierte der exklusive Klub, der seine Mitglieder selber auswählt, nicht einmal darüber.

Der olympische Markt weist überdurchschnittliche Zuwachsraten auf. Die 215 Millionen Dollar, die Los Angeles jetzt als offiziellen Gewinn meldete, haben zwölf Städte darin bestärkt, sich um die Spiele 1992 zu bewerben. Der australische Medienzar Rupert Murdoch zahlte einen hohen Anteil der etwa vier Millionen Mark, die Brisbane für seine Kandidatur ausgibt; Murdoch spekuliert auf die TV-Weltrechte. In Berlin ließ er für den exklusiven Olympier-Klub ein Buffet auffahren, zu dem Delikatessen eigens aus Australien eingeflogen worden waren.

Berchtesgaden versprach im Fall des Zuschlags für die Winterspiele eine »Aktion des ersten Schnees": Auf Kosten der Bayern sollen Sportler aus tropischen Ländern, die Schnee nur von Bildern kennen, »die Faszination des Wintersports« erleben. Für die schwedische Konkurrenz aus Falun ließ Königin Silvia das IOC zum Dinner nach Schweden einfliegen.

Ein Kandidat ließ sich sogar schon optimistisch für das Jahr 2000 vormerken: Chinas Hauptstadt Peking.

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