Golf-Major-Sieger Mickelson 50 ist das neue 31

Phil Mickelson beweist, dass er wahrlich noch nicht zum alten Eisen gehört. Der US-Profi hat das PGA-Majorturnier für sich entschieden – weil er sich im Alter von 50 noch einmal neu erfunden hat.
Phil Mickelson hat es noch einmal allen gezeigt

Phil Mickelson hat es noch einmal allen gezeigt

Foto: TANNEN MAURY / EPA

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Wie hat sich der Golfsport doch verändert: Früher, da kam es nicht auf Fitness an, sondern auf gute Nerven, Mut, ein besonders feines Händchen. Da sahen manche Champions aus, als würden sie eher am Grill stehen und ein paar Bier trinken, statt ihre Zeit im Fitnessstudio zu verbringen und anschließend Proteinshakes in sich hineinzuschütten, auf dass die Muskeln wachsen.

Tiger Woods, Rory McIlroy, Bryson Dechambeau, Brooks Koepka, Dustin Johnson: fantastische Golfer, atemberaubende Athleten und Major-Champions. Man konnte den Eindruck gewinnen, für einen anderen Typ Golfer sei kein Platz mehr auf den Siegertreppchen der großen Turniere, verdrängt von solchen Muskelpaketen.

Koepka war erneut ganz vorn mit dabei, als in den vergangenen vier Tagen an der Atlantikküste von South Carolina auf dem Ocean Course von Kiawah Island um die Wanamaker Trophy gespielt wurde, den Wanderpokal der PGA Championship.

Der fitteste Mickelson, den es je gab

Dass der 31-Jährige dem fast 20 Jahre älteren Phil Mickelson unterlag, ist dennoch kein Beleg dafür, dass Athletik im Golf überschätzt wird. Eher im Gegenteil.

Mickelson ist vielleicht nicht der fitteste 50-Jährige der Welt. Aber er ist wahrscheinlich der fitteste Mickelson, den es jemals gab. In den vergangenen Jahren hat er sich gewandelt: Er war ein etwas rundlicher und linkisch wirkender Publikumsliebling mit einem unbeschreiblichen Ballgefühl rund ums Grün. Nun ist er ein Gesundheitsfanatiker mit Pilotensonnenbrille, dicken Oberarmen und gemeißelten Waden, die er sehr gern auf Social Media herzeigt.

Nie echt ohne Pilotensonnenbrille: Phil Mickelson 2021

Nie echt ohne Pilotensonnenbrille: Phil Mickelson 2021

Foto:

Chris Carlson / AP

Mit seinem sechsten Major-Triumph krönte sich der Kalifornier zum ältesten Spieler, der eines der vier ganz großen Turniere gewinnen konnte. Dieser Sieg rangiert in der Kategorie der größten Sensationen auf einem Niveau mit den Masters-Siegen von Tiger Woods 2019 nach Comeback und von Jack Nicklaus 1986 im Alter von 46 Jahren. Triumphe, die so eigentlich nicht mehr hätten passieren dürfen.

1991 feierte er seinen ersten Triumph

Im Januar 1991 gewann Mickelson zum ersten Mal auf der PGA-Tour, als damals 20-jähriger Amateur. Da war Brooks Koepka ein Dreivierteljahr alt. Danach kamen für Mickelson noch 44 weitere PGA-Tour-Siege dazu, elf Pokale auf der European Tour, die schon erwähnten Major-Triumphe. Zwölfmal gehörte er dem US-Ryder-Cup-Team an (drei Siege) und wurde schon 2012 in die Hall of Fame seines Sports aufgenommen. Als Ü50 darf er inzwischen auf der Champions Tour mitspielen, wo die Alt-Stars immer noch um stattliche Summen spielen. Auch dort gewann er schon zweimal.

Mit seinen sechs Siegen zieht Mickelson gleich mit Nick Faldo und Lee Trevino und hat sogar schon Legenden wie Severiano Ballesteros überholt. Sich 30 Jahre lang in einem Sport zu behaupten, in dem es so sehr auf Nuancen und Feinheiten ankommt, dass Weltklassespieler manchmal wegen kleiner Änderungen an ihrem Schwung plötzlich auf Nimmerwiedersehen verschwinden – das ist schon eine besondere Leistung. Mickelsons Karriere aber ist ein Gesamtkunstwerk, die Pokale und Trophäen sind nur der Rahmen drumherum.

Über keinen anderen Spieler gibt es so viele Anekdoten, so viele Momente, in denen man als Zuschauer vor Ort oder am Bildschirm das Gefühl hatte, einen unverfälschten Einblick in das Innenleben dieses Sportlers zu bekommen. Der Supertalentierte, der Woods-Widersacher, der Zocker, der mit Kumpels schon mal um sechsstellige Summen spielen soll. Er kann es sich leisten, bei rund 94 Millionen Dollar an Karrierepreisgeld.

Mickelson hat immer Nähe zugelassen

Tiger Woods, der schon als Kleinkind im TV auftrat, ist der größere Star, doch über den Menschen hinter der Weltmarke weiß man wenig. Woods hat sein Innerstes schon früh abgeriegelt. Mickelson hingegen ließ die Menschen immer nah an sich heran und war nie einer dieser Golf-Roboter, die scheinbar leidenschaftslos ihre Schläge abspulen. Er ist bekannt dafür, mit Engelsgeduld jeden Autogrammwunsch zu erfüllen, für Fotos zu posieren, mit seinen Fans kurz ins Gespräch zu kommen.

Mickelson hat immer Nähe geschaffen, im echten Leben und auch in den sozialen Netzwerken, wo er regelmäßig Videos postet. Mickelson beim Kaffeetrinken, Mickelson beim Tanzen, Mickelson mit Weihnachtsgrüßen. So ist er stets im Gespräch geblieben, auch als es sportlich langsam bergab ging. 2013 gewann Mickelson noch einmal The Open Championship, schon damals eher eine Überraschung. Danach wurde sein Spiel noch wilder als zuvor schon. Kreuz und quer schlug er die Bälle, da konnte ihn auch sein spektakulär gutes Kurzspiel nicht mehr retten. Vor dem Turnier jetzt in South Carolina war er ein 200:1-Außenseiter.

Gerade auf diesem Platz, lang und mit fiesen Hindernissen, hatte Mickelson niemand einen Sieg zugetraut. Doch er spielte gut, schlug die Bälle oft weiter als seine deutlich jüngeren Kontrahenten und schob sich allmählich nach vorn. Selbst vor der Schlussrunde waren sich die Experten aber sicher: Für noch mal 18 gute Löcher fehlt Mickelson die Ausdauer.

Doch Mickelson spielte weiter, nicht fehlerfrei, dafür ohne ganz große Ausrutscher – und mit einem typischen Mickelson-Schlag: Auf der fünften Bahn, einem Par 3, landete sein erster Schlag im Bunker. Sein Schlag aus dem Sand erwischte genau die richtige Spur und rollte zum Birdie ins Loch. Die Fans, die diesmal wieder zahlreich auf die Anlage durften, schrien vor Begeisterung.

Auf den ersten neun Löchern der Schlussrunde wechselte die Führung immer mal wieder zwischen Mickelson und Koepka. Dann begann die Phase des größten Drucks – und Mickelson hielt am besten stand. Auf der zehnten Bahn landete seine Annäherung vier Meter neben der Fahne. Mickelson lochte zum Birdie ein, während Koepka und der ebenfalls noch in Schlagdistanz spielende Südafrikaner Louis Oosthuizen jeweils Bogie spielte.

Dieses Polster reichte Mickelson, um den Sieg ins Ziel zu bringen. Einen der außergewöhnlichsten Triumphe in der Geschichte dieses Sports.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.