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Beachvolleyball Großer Kick

Olympia reizt: Athleten, Medien und Sponsoren entdecken Volleyball am Strand.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Angelockt von den Werbejingles aus dem Lautsprecher, haben die Urlaubsgäste ihren Platz im Strandkorb mit einem Sitz auf der Stahlrohrtribüne eingetauscht. Am Südstrand von Burg auf der Ostseeinsel Fehmarn umrahmen die Zuschauerränge ein Volleyballfeld, auf dem zwei Teams mit je zwei Spielern um die Wette pritschen, baggern und schmettern: Beachvolleyball heißt die Touristenattraktion.

Bis zur Erschöpfung springt Jörg Ahmann, 28, vor 1500 Schaulustigen durch den knöcheltiefen Sand. Nach wenigen Ballwechseln ist seine braungebrannte Haut mit feinen Körnern paniert, nach dem ersten Satz ist auf seinem ergrauten Shirt der Schriftzug des Turniersponsors kaum noch zu erkennen. Aufmerksam streift Ahmann ein frisches, blütenweißes Hemd über.

Mag dem Beachvolleyball bei Unkundigen noch das Image eines fröhlichen Sonntagvergnügens lässiger Strandjugend anhaften: Für Ahmann und seinen Partner Axel Hager, 30, ist es ein Job, der nicht nur tägliches Training, sondern auch Sponsorpflege verlangt. Weil sich die so locker daherkommende Knochenarbeit im Sand vorzüglich als Trendsport der neunziger Jahre verkaufen läßt, haben die beiden Hamburger schon drei Ausrüsterverträge für Sonnenbrille, Uhr und Bermuda-Shorts abschließen können.

Beachvolleyball sei »Lebenseinstellung, Lifestyle und Urlaubsflair«, will das Programmheft der »Beach Masters«, einer acht Turniere umfassenden Serie, weismachen - vor allem ist die Tournee das totale Gegenprogramm zum klassischen Volleyball, der den säuerlichen Mief gebohnerter Turnhallen atmet und unter dem schwindenden Interesse von Jugendspielern, Zuschauern, Medien und Sponsoren leidet.

Bei der Strandvariante nimmt die Bereitschaft der Geldgeber hingegen zu: Rund eine Million läßt es sich der Lebensmittelkonzern Unilever kosten, daß der Name seines Eisteegetränks auf den Werbebanden und Spielertrikots zu lesen ist. Animiert vom Erfolg der Turniere von Fehmarn bis München (dort auf einem künstlich angelegten Strand), hat eine Agentur die Fernsehrechte bereits für 1995 zum Preis von rund einer Million Mark erworben.

Dem Deutschen Volleyball-Verband (DVV) dienen die populären Sandspieler fast schon als Vorbild. Um das Hallenspiel attraktiver zu gestalten, wurden einige Regeln auf Beachniveau versimpelt: Sogar mit dem Fuß darf der Ball künftig gespielt werden.

Die Reformen kommen womöglich zu spät, Beachvolleyball ist viel mehr auf der Höhe der Zeit: Das Strandtreiben, bei dem es mehr auf Action als auf saubere Technik und feingesponnene Angriffszüge ankommt, wird permanent mit Popmusik berieselt. Die Spieler - ausgestattet mit schrillen Sonnenbrillen und modischen Bermudas - pflegen das ritualisierte Abklatschen nach jedem Ballwechsel nicht mit dem Pfadfinder-Habitus der Hallenteams, sondern betont beiläufig-cool. Die Verkehrssprache auf dem Court ist englisch: »Sunserve« heißt ein extrem hoher Aufschlag, »Cut« ein kurzer Diagonalschlag.

Während die klassischen Volleyballer in der Kollektivarbeit einer Sechser-Crew anonym bleiben, steht das Sand-Duo gleichermaßen für Teamgeist und Individualität. Ahmann/Hager haben ihre Rollen identitätsstiftend verteilt: Abwehrspezialist Ahmann ist der heißspornige Wühler, Hager ist der ruhige Riese, der am Netz blockt und mit weichen Lobs punktet.

»Die neue Disziplin« (Hager) eröffnet den Deutschen Beach-Meistern von 1993 ungeahnte Möglichkeiten: Olympia in den USA. Günstig für die beiden, daß die Sommerspiele 1996 in einem Land stattfinden, in dem Beachvolleyball längst zu den etablierten Sportarten gehört und Spitzenstars über eine Million Dollar pro Jahr verdienen.

Der US-Fernsehsender NBC und der Coca-Cola-Konzern investieren Millionenbeträge in die amerikanische Beach-Profiliga. Und da beide Firmen auch in Atlanta zu den größten Geldgebern gehören, gab es für das Internationale Olympische Komitee gute Gründe, der jungen Sportart im Eilverfahren die olympischen Weihen zu verleihen.

Vom DVV sind Ahmann und Hager, die in der Hallen-Bundesliga nur Durchschnittsspieler sind, offiziell zum Nationalteam berufen worden. Acht Monate werden sie vom Verband bezahlt und sollen sich bei internationalen Turnieren in Frankreich, Puerto Rico oder Acapulco auf das Weltniveau der Amerikaner und Brasilianer trimmen.

Wenn die Beach-Saison ruht, helfen sie als Teilzeitkräfte beim SC Norderstedt in der Halle aus. »Dieses Jahr«, sagt Betriebswirtschaftsstudent Hager, »können wir vom Beachvolleyball leben.«

Für ihren Sieg auf Fehmarn mußten sich die deutschen Ranglistenersten am vorvergangenen Sonntag noch mit bescheidenen 2500 Mark zufriedengeben. Doch für die Zukunft erwartet der DVV satte Steigerungen. Bereits jetzt tummeln sich rund 1000 Aktive auf deutschen Turnieren, in Berlin hat jüngst die erste Halle für Beachvolleyball eröffnet.

DVV-Beach-Wart Harald Schäfer: »Mit Atlanta '96 kommt der große Kick.« Y

Popmusik, schrille Sonnenbrillen und modische Bermudas

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