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Großer Sprung

Die Briten schwärmen von zwei deutschen Jungstars: Steffi Graf und Boris Becker verblüfften in Wimbledon die Tenniswelt. *
aus DER SPIEGEL 28/1984

Du könntest auf dem Platz getrost auch einmal lachen«, sagte Richard Schönborn, Cheftrainer des Deutschen Tennis Bundes (DTB), zu Steffi Graf, 15. »Soll ich nun Tennis spielen oder lachen?« fragte der Teenager mit todernster Miene zurück.

Im Dienst lacht Steffi Graf sehr selten. Vorige Woche hat sie auf dem Centre Court in Wimbledon sogar geweint. »Ich hatte doch die Chance zu gewinnen«, sagte sie traurig, als sie im Achtelfinale des bedeutendsten Tennis-Turnieres der Welt der Engländerin Jo Durie nach drei Sätzen unterlegen war. Daß die älteste noch lebende Wimbledon-Siegerin, die 88jährige Kathleen McKane-Godfree - sie gewann 1924 und 1926 - sie hernach lobte: »In zwei Jahren dürfte dieses Mädchen schwer zu schlagen sein«, war kein Trost für Steffi.

Auch nicht die ungewöhnlich positive Resonanz, die ihr 98-Minuten-Auftritt »von Charakter und Klasse« ("Daily Telegraph") in der englischen Presse fand. »Ich will die Nummer eins in der Welt, die Nachfolgerin von Martina Navratilova, werden«, sagt Steffi Graf. Deshalb hat sich die Gymnasiastin für vorläufig ein Jahr vom baden-württembergischen Kultusministerium von der Schule befreien lassen und deshalb betreibt sie ihren Sport mit einer Verbissenheit, die in der Fachwelt mit Erstaunen registriert wird.

So bemerkte die »Times« respektvoll: »Die jungen Deutschen sind auf dem Vormarsch.« Gemeint sind Steffi Graf und Boris Becker, 16, der in Wimbledon die dritte Runde erreicht hatte und wegen eines während des Spieles erlittenen Bänderrisses im linken Fußknöchel vor dem Amerikaner Bill Scanlon kapitulieren mußte.

Die deutschen Männer haben Komplimente vom »Times«-Kaliber seit Jahren nicht mehr zu hören bekommen. Rolf Gehring oder Uli Pinner galten zwar in jungen Jahren auch als Talente, doch die frühzeitige Verhätschelung durch die Industrie, ließ sie in ihrer Entwicklung stagnieren.

Gesättigt durch hochdotierte Werbeverträge, die ihnen pro Jahr 200 000 Mark und mehr garantierten, scheuten sie schon früh davor zurück, sich bei großen internationalen Turnieren der Konkurrenz zu stellen.

Der ehemalige deutsche Daviscupspieler Hans-Jürgen Pohmann sagt dazu: »Ein Jimmy Arias, Nummer fünf der ATP-Computer-Weltrangliste, oder ein Andres Gomez, Nummer sieben, sind ja keineswegs talentiertere Tennisspieler als die besten Deutschen. Aber ihnen war es nicht möglich, die schnelle Mark zu machen. Sie haben sich quälen müssen, und deshalb sind sie heute erfolgreiche Spieler.«

Was die Berufsauffassung anbelangt, waren die deutschen Tennisspielerinnen ihren männlichen Profi-Kollegen in den letzten Jahren stets um etliches voraus. Sylvia Hanika, Bettina Bunge, Claudia Kohde können internationale Erfolge vorweisen, doch in punkto Ehrgeiz werden sie noch übertroffen von der 1,67 Meter großen, 47 Kilogramm schweren Steffi Graf. Die »Stuttgarter Nachrichten« zitierten unlängst einen Dialog zwischen Vater Peter Graf, 46, Besitzer einer Tennisanlage in Brühl bei Mannheim und Manager seiner Tochter, und Steffi, der einiges aussagt über den Stellenwert, den der Sport in ihrem Leben hat.

Vater: »In zwei Jahren hast du sowieso einen festen Freund, und dann ist dir alles andere egal.« Tochter: »Nein, bestimmt nicht.« Vater: »Und mit 20 bist du verheiratet.« Tochter: »Auf keinen Fall.« Vater: »Und dann willst du Kinder ...« Tochter: »... ich will keinen Freund, ich will nicht heiraten und ich will keine Kinder. Bestimmt nicht.«

Sie will ein Top-Star werden. Anfang des Jahres war sie noch auf Platz 97 in der Weltrangliste, jetzt hat sie bereits den Sprung unter die besten 40 geschafft.

Auf die Frage, wieviel Geld er in die Karriere seiner Tochter investiert habe, und ob es sich womöglich um eine sechsstellige Summe handele, antwortete Peter Graf: »Wenn man unter sechsstellig 100 000 Mark versteht, kann ich sagen, daß es viel, viel mehr ist.«

Allmählich kann Tennis-Vater Graf auch Einnahmen verbuchen. Seine Tochter ist von der Firma Dunlop unter Vertrag genommen worden.

Noch rasanter verlief der Aufstieg des Boris Becker. Als Neunjähriger bekam er nach einem Test von DTB-Cheftrainer Schönborn schriftlich, daß er »für Leistungstraining auf Bundesebene ungeeignet« sei. Das hinderte ihn nicht im mindesten daran, täglich weiter mit dem 57 Gramm schweren Tennisball zu trainieren. Mit 14 war der Architektensohn aus Leimen bei Heidelberg bereits badischer Hallenmeister in der Erwachsenen-Klasse, zu Beginn des Jahres stand er auf dem Weltranglistenplatz 720, vor dem Wimbledon-Turnier immerhin schon auf Platz 174 und nun macht er abermals einen gewaltigen Satz nach vorn.

»Becker kann«, so Pohmann, »bald unter die ersten Zehn der Weltrangliste kommen. Er schlägt sehr variantenreich und begnügt sich nicht mit dem Top-Spin-Gewürge der Borg- und Vilas-Imitatoren. Er kann Slice und Drive und auch einen guten Volley spielen.«

Das imponierte sogar den Größen der Branche. John McEnroe favorisierte ihn als Trainingspartner, »weil du so ein großer Kämpfer bist«, und Ion Tiriac schloß mit ihm einen Manager-Vertrag über die nächsten vier Jahre ab.

Der Rumäne Tiriac, der den Wimbledon-Finalist Ilie Nastase großgemacht hat und der als Berater des einstigen Gefährten von Monacos Prinzessin Caroline, des Argentiniers Guillermo Vilas, mit 20 Prozent an allen Einnahmen beteiligt war, gilt als »ganz ausgebufftes Schlitzohr« (Pohmann). Die ersten PR-Pfründen hat er seinem neuen Schützling bereits zugeschanzt: Werbeverträge über zwei Jahre, die Becker rund 250 000 Mark einbringen dürften.

Tiriac nennt Becker ein »Riesentalent«, der ehemalige polnische Doppel-Weltmeister und Berater von Ivan Lendl, Wojtek Fibak, schwärmt sogar: »Selbst Lendl war mit 16 Jahren nicht so weit wie Becker.«

Die Schule hat Becker mit der Mittleren Reife abgeschlossen, die Berufsausbildung findet auf dem Tennisplatz statt. Das Ziel ist abgesteckt: Unter Tiriacs Regie wird Becker nicht den bequemen Weg wie seine Landsleute nehmen.

Sein Manager sagt: »Er kann ein Weltklassespieler werden. Aber nur, wenn er sich bei den großen internationalen Turnieren durchbeißt.«

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