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DAWN FRASER Großmutter für Tokio

aus DER SPIEGEL 14/1964

Das Mädchen steckte in einem Stützkorsett und durfte sich nur vorsichtig bewegen. Doch aus dem Spitalbett versicherte die Patientin: »Ich werde in Tokio Olympiasiegerin.« Anders als bei Cassius ("Großmaul") Clay regte sich kein Zweifel an dieser Voraussage. Sogar die behandelnden Ärzte trauen Dawn Fraser im Oktober eine Goldmedaille zu.

Seit acht Jahren ist die Australierin aus Sydney schnellste Kraulschwimmerin der Welt. Seit 1956 schwamm sie 27 Weltrekorde. In der zweiten Märzwoche dieses Jahres prallte Dawn Fraser mit ihrem Auto gegen einen Lastwagen. Ihre Mutter starb. Sie selbst verletzte sich einen Halswirbel.

Kurz vor dem Unglück hatte Dawn Fraser zum elften Male den Weltrekord auf der - im Schwimmsport am höchsten eingeschätzten - 100-Meter -Kraulstrecke in 58,9 Sekunden verbessert.

»Sie schwimmt schneller als 'Tarzan'«, verglich die Hamburger »Welt«. Hollywoods populärster Tarzan-Darsteller Johnny Weissmüller hatte 1924 zu Olympiasieg und Weltrekord 59 Sekunden gebraucht.

Die Fachleute bestaunen an dieser beispiellosen Leistung, daß sie, gemessen an der Jugend anderer Weltklasseschwimmerinnen, von einer »Großmutter« ("Sports Illustrated") vollbracht wurde. Das Durchschnittsalter der gegenwärtig schnellsten Weltrekordlerinnen aller Stilarten (zur Zeit ihrer Bestleistung) ergibt 17 Jahre. Dawn Fraser aber ist 26. Sie ist einziger Twen unter Teenagern.

Seit Jahrzehnten dominieren im Schwimmsport blutjunge Mädchen, von denen manche Altersgenossinnen Lolitas sind. Die Amerikanerin Marjorie Gestring gewann 1936 mit 13 Jahren die Goldmedaille im Kunstspringen. Ihre Mitbürgerin Donna de Varona war 14 Jahre alt, als sie 1961 eine Weltbestleistung im 400-Meter-Lagenschwimmen aufstellte.

Kindliche Mädchenkörper liegen dank ihres leichteren Gewichts höher im Wasser als ausgewachsene junge Damen; Teenager verbrauchen zur Überwindung des Widerstandes beim Schwimmen weniger Energie als Erwachsene. In den USA, Japan, Australien und im Ostblock richtete man als Konsequenz aus diesen Erfahrungen »Kindergärten« ein, in denen schon Achtjährige auf spätere Rekordleistungen getrimmt werden.

Auch Dawn Fraser, die Jüngste von acht Geschwistern, schloß sich mit zwölf Jahren einem Klub an - nicht um Rekorde zu brechen, sondern um gesund zu werden. Schwimmen hatte ihr der Arzt als Allheilmittel zur Besserung ihrer schwächlichen Konstitution verordnet. Zwei Jahre später fiel sie Trainer Harry Gallagher auf. Ein strapaziöses Training begann.

1956, drei Jahre darauf, kraulte Dawn Fraser ihren ersten Weltrekord. Im selben Jahr gewann sie bei den Olympischen Spielen in Melbourne zwei

Goldmedaillen - mit 19 Jahren schon die älteste Schwimmerin im australischen Team. Als sie 1960 in Rom wiederum Olympiasiegerin wurde, schwamm sie schon gegen die zweite Teenager-Welle. Von ihren Konkurrentinnen aus Melbourne trat keine mehr an.

Bei den meisten frühreifen Rivalinnen Dawn Frasers bricht die sportliche Entwicklung in einem Alter ab, in dem sich etwa in der Leichtathletik überdurchschnittliche Leistungen erst ankündigen.

Einige schwimmende Teenager werden von Sportfreunden von Bassin und Trainer weggeheiratet. Wachsende berufliche Pflichten hindern andere am

unerläßlichen Training. Und der Mehrheit wird die physische Belastung zuviel.

Den Weltklasse-Schwimmerinnen werden täglich bis zu zehn Trainings -Kilometer im Wasser zugemutet. Sagt Dawn Fraser: »Mädchen, die im Alter von neun oder zehn Jahren mit Wettkämpfen beginnen, verlieren mit 15 oder 16 oft die Lust, weil sie zu hart angepackt wurden.«

Auch Dawn Fraser war hart angepackt worden. Nach dem Morgentraining hatte sie tagsüber in einer Kleiderfabrik, abends nach dem Training in einer Milchbar gearbeitet. Zimmernachbarn beschwerten sich über sie, weil sie nachts im Bett noch Startsprünge übte.

Die Überbeanspruchung begann ihre Konzentration zu beeinträchtigen. Bei einem Schwimmfest verhinderte nur ein wachsamer Funktionär einen unfreiwilligen Striptease Dawn Frasers. Als sie auf das erste Startkommando ihren Bademantel ablegen wollte, entdeckte der Funktionär, daß sie vergessen hatte, ihren Schwimmdreß anzuziehen.

Der Arzt verbot ihr zeitweilig Training und Wettkampf. Trainer Gallagher verpflanzte seine Musterschülerin nach Melbourne in eine neue Umgebung und einen neuen Beruf. In einem Sportzentrum leitet sie nun Kinder an.

Dennoch wurde Dawn Fraser mit zunehmendem Alter zunehmend kritisch. »Früher gehorchte ich meinem Trainer aufs Wort. Heute richte ich mich mehr und mehr nach eigenem Urteil.«

Je schneller die Namen der Kraulsprinterinnen von Jahr zu Jahr in der Weltrangliste wechselten, desto unangefochtener behauptete Dawn Fraser die Spitze - gegenwärtig vor der 2,6 Sekunden langsameren Europarekordlerin Ann-Christin Hagberg, 16, aus Schweden.

Die verblüffende Dauer-Form des australischen Kraul-Phänomens verführte Kritiker zu phantasievollen Theorien. So führte die »Deutsche Zeitung« die sportliche Langlebigkeit Dawn Frasers auf die »Zähigkeit ihrer englischen Vorfahren« zurück.

Die wirkliche Ursache ist noch herzergreifender: Unter der ständigen Belastung eines zwölfjährigen Trainings wuchs Dawn Frasers Sportler-Herz derart, daß es nur zweiundvierzig- bis vierundvierzigmal schlägt, während ein normales Herz etwa funfundsiebzig- bis achtzigmal pocht. Es ist fast doppelt so leistungsfähig - wie ein untrainiertes Normalherz.

Gleichieitig vergrößerte sich das Fassungsvermögen, ihrer Lunge so sehr, daß sie mit dreißig Atemzügen während eines 100-Meter-Kraulrennens auskommt.

Miß Frasers großes Herz ist Australiens letzte Hoffnung.- Denn der Glanz der einstigen Schwimmer-Großmacht Australien (Olympia Melbourne: acht Goldmedaillen; Olympia Rom: fünf Olympiasiege) - verblaßt. Unter den schwimmenden Teenagern des Fünften Erdteils zeigt sich kein Anwärter auf olympisches Gold.

Erleichtert nahm daher die australische Nation Kenntnis von den ärztlichen Bulletins über die schwimmende Veteranin: Sie kündigten eine baldige Wiederaufnahme des Trainings an. Kraulschwimmerin Dawn Fraser

Mit zweiundvierzig Herzschlägen...

Kraulschwimmerin Ann-Christin Hagberg

... schneller als alle Teenager

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