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FUSSBALL Gütiger Größenwahn

Der Emir von Katar investiert Milliarden, um aus seinem Land eine Sportnation zu machen. Spätestens im Jahr 2022 soll dort die Fußball-WM stattfinden - um konkurrenzfähig zu sein, werden in einem globalen Talentwettbewerb die Stars von morgen gesucht.
aus DER SPIEGEL 8/2009

Ivan Sekazza rückt die weißen Fußballstutzen zurecht, auf die er mit Filzstift »Jesus« geschrieben hat. Auf seinem Rücken trägt er die Zehn, die Nummer der Spielmacher. »Football Dreams Final« steht auf einem riesigen Banner im Aspire Dome von Doha. Vom Spielfeldrand sieht Ivan aus wie ein kleiner Profi, aber der Junge aus Uganda ist erst 13 Jahre alt.

Ivan kommt aus Kampala, seine vier älteren Brüder haben ihn aufgezogen, seit vor fünf Jahren auch noch die Mutter starb. Er will Profi werden, um seinen Brüdern irgendwann alles zurückgeben zu können, was sie für ihn getan haben.

Vor der Reise nach Katar hat der Priester für ihn gebetet. Er könne, glaubt Ivan, den Heiligen Geist herbeirufen, damit Lahme wieder gehen. Der Priester hat ihm auch gesagt, dass er die Worte des Herrn studieren soll. Nun liest Ivan jeden Abend in der Bibel, mitten in der Nacht um vier und morgens nach dem Aufstehen gleich wieder, Psalm 119: »So will ich reden von deinen Wundern.«

Vor ein paar Monaten hörte Ivan, dass Männer aus einem Land namens Katar nach Uganda gekommen waren, um die besten Fußballer des Landes zu finden. Sie haben Ausscheidungsspiele organisiert, und Ivan spielte dort besser als die anderen Jungs aus seinem Viertel, aus seiner Stadt und seinem Land. Er stieg zum ersten Mal in ein Flugzeug, um sich in Nairobi mit den 50 Besten seines Jahrgangs 1995 aus Tansania, Kenia und Uganda zu messen. Nun gehört er zu den letzten 25 von 544 000 Jungs des Jahrgangs 1995 aus neun Ländern Afrikas sowie aus Paraguay und Vietnam.

Das Finale dieses größten Talentwettbewerbs in der Geschichte des Fußballs dauert vier Wochen. Katar sucht den Fußballstar von morgen. Dafür werden die Kinder ausgiebig getestet und untersucht. Sie trainieren täglich, und in sechs Partien spielen sie um ihre Zukunft, denn die besten drei dürfen in Doha bleiben und bekommen eine Ausbildung zum Profi-Fußballer. Im sechsten, dem entscheidenden Testspiel geht es gegen eine Jugendauswahl des AC Mailand. Ivan macht den Anstoß.

Für ein Kind aus Kampala muss Katar das Paradies sein. Es gibt hier keine Slums, die Straßen sind geteert, die Wohnungen haben Strom und Wasser, die Ärzte kosten nichts, die Schulausbildung ist umsonst, und wenn im Sommer draußen die Sonne alles Leben verbrennt, sind in der größten Sporthalle der Welt 18 Grad.

Das Fußballstadion im Aspire Dome hat Platz für 8000 Zuschauer, die Leichtathletikarena fasst 3000, daneben gibt es noch Fechtbahnen, Squash-Courts und ein Schwimmstadion. Eine Milliarde Dollar hat die Sporthalle gekostet. Als in Doha vor gut zwei Jahren die Asien-Spiele ausgetragen wurden, hatte der Emir von Katar, Scheich Hamad Bin Chalifa al-Thani, drei Milliarden Dollar investiert. Bei der Eröffnungsfeier entzündete sein Sohn Mohammed auf einem schwarzen Araber-Hengst die Flamme.

Katar ist pro Kopf eines der reichsten Länder der Welt und wird es lange bleiben. Das Erdgas aus den Feldern im Persischen Golf reicht noch für mehr als hundert Jahre. Der Staatsfonds, mit dem die Herrscherfamilie ihre Investitionen steuert, ist über 50 Milliarden Dollar schwer, das Geld steckt in Unternehmen auf der ganzen Welt, in Banken, aber auch bei Airbus. Während andere Herrscher der Arabischen Halbinsel Shopping Malls bauen oder Kunst sammeln, träumt der Emir von Katar davon, aus seinem Land eine Sportnation zu machen. »Sport ist der beste Weg, um jedermann auf dem Globus zu erreichen«, sagt der Emir. Sein Sohn, der Thronfolger Prinz Tamim, der dem Nationalen Olympischen Komitee vorsteht, glaubt, dass es wichtiger sei, Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee zu sein als bei der Uno.

Ehrgeiz und Größenwahn scheinen grenzenlos in dem Land, das halb so groß

wie Hessen ist und abseits der Hauptstadt aus Wüste besteht. Überall werden teilweise spektakuläre Sportanlagen gebaut, beispielsweise das »Laptop-Stadion«, das zu zwei Dritteln unter der Erde liegt und dessen Haupttribüne wie ein aufgeklappter Computerbildschirm aufragt.

Seit 1993 hat Doha ein Tennisturnier der ATP-Tour, Preisgeld heute eine Million Dollar. Das erste Turnier gewann damals Boris Becker, in diesem Jahr hieß der Sieger Andy Murray. Bei den Katar Masters, seit 1998, spielen die Golfprofis der European Tour um 2,5 Millionen Dollar, und ebenfalls im Winter, wenn die Temperaturen einigermaßen erträglich sind, lassen die Katarer die Radprofis durch die Wüste fahren.

Sogar für die Olympischen Spiele 2016 hat sich Katar beworben. Und weil sie aus klimatischen Gründen schon in der Vorauswahl scheiterten, wollen sie nun die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 oder 2022 ins Land holen.

Der Aspire Dome ist das Herz der fürstlichen Ambitionen und das Zentrum einer Akademie. 300 Experten aus mehr als 60 Ländern sollen die Sporttalente von Katar zur Weltklasse führen, gefördert werden Leichtathleten, Tischtennis- und Squash-Spieler, Segler und Fußballer. Das Problem ist nur, dass es gerade mal so viele Katarer wie Oberhausener gibt. Von den eineinhalb Millionen Einwohnern hat nur jeder siebte die Staatsbürgerschaft.

Sie haben schon viel versucht. Im Fußball zum Beispiel wurden vor ein paar Jahren die besten jungen Talente des Landes zu Vereinen in Europa geschickt und scheiterten. Sie holten dann Stars wie Mario Basler oder Stefan Effenberg ins Land, um das Niveau der Liga in Katar zu heben, doch die teuer eingekauften Altstars engagierten sich nur in Maßen. Oder aber sie machten ausländischen Profis wie den in Deutschland spielenden Brasilianern Ailton oder Dede das Angebot, für 1,5 Millionen Euro die Staatsangehörigkeit zu wechseln, was schließlich vom Weltfußballverband verboten wurde.

»Football Dreams« ist so etwas wie ein Neuanfang, ein Versuch, die besten Talente ins Land zu locken. Der ehemalige spanische Profi Josep Colomer hatte die Idee dazu. Er war Assistenztrainer des brasilianischen Nationalteams, das 2002 im Finale der Weltmeisterschaft Deutschland besiegte, er hat an der französischen Fußball-Eliteschule Clairefontaine gearbeitet und die Nachwuchsabteilung beim FC Barcelona geleitet. Colomer ist der Mann, der Lionel Messi entdeckte, als er so alt war wie heute Ivan Sekazza.

Der Fußball in Europa, sagt Colomer, lebe in einer Blase aus zu viel Geld und zu viel Hysterie. Seit 2006 reist er an 250 Tagen im Jahr durch Entwicklungsländer, um die Talentsuche zu organisieren, in mehr als 800 Orten hat er im vergangenen Jahr Ausscheidungsspiele veranstaltet, 6000 Freiwillige haben ihm geholfen. Rund zehn Millionen Euro soll es gekostet haben, um aus mehr als einer halben Million Fußballern die besten 25 zu finden.

In Afrika reisten die Kinder aus entlegenen Dörfern schon am Vortag an und übernachteten am Spielfeldrand, weil sie ihre Chance nicht verpassen wollten. Im Süden Nigerias, auf einer Insel im Niger-Delta, schützten die Einwohner die Scouts vor den allgegenwärtigen Kidnappern, um die Auswahlspiele nicht zu gefährden. In Ghana drohten Bewaffnete Colomer mit seiner Erschießung. Und in Kamerun fehlte plötzlich am zweiten Tag der Sichtung ein ganz besonders begabtes Kind, weil es über Nacht gestorben war.

Für den Spanier ist das Scouting zur Mission geworden. Dabei hatte er die Idee 2006 von der Casting-Show »American Idol« abgeleitet, die hier »Deutschland sucht den Superstar« heißt. Die Marketingabteilung von Aspire wollte das Finale in einem saudiarabischen Sportkanal entsprechend aufbereiten. Colomer verhinderte das, weil er schon bei der Vorbereitung zur ersten Ausgabe der »Football Dreams« 2007 die existentielle Dimension verstand. »In Europa spielen die Kinder Fußball zum Spaß, in Afrika um ihr Leben.«

Die Katarer glaubten, ihre Nationalmannschaft auf diese Weise zu einem Dreamteam des Weltfußballs machen zu können. Schließlich hatten sie vorher bereits Leichtathleten wie den Kenianer Stephen Cherono eingebürgert, der dann über 3000 Meter Hindernis zweimal die Weltmeisterschaft für Katar holte. Im Fußball ist das inzwischen nicht mehr so leicht möglich, weil der Weltfußballverband seine Statuten geändert hat. Ivan Sekazza wird, wenn überhaupt, erst mit 23 für Katar spielen dürfen. Bis dahin sollen die Kinder aus der Dritten Welt die einheimischen Talente fordern und fördern: Die Armen aus Afrika können den Kindern der Satten zeigen, was Willen und Entschlossenheit im Sport ausmachen.

Der Deutsche Andreas Bleicher ist der Sportdirektor von Aspire. Er war früher Leiter des Olympia-Stützpunkts Rheinland, und für ihn ist das Projekt »Football Dreams« auch eine humanitäre Geste, mit der Stipendien an Hochbegabte aus Entwicklungsländern vergeben werden. Er sagt, dass es keine kommerziellen Interessen gebe an den Kindern. Aspire ist kein Fußballclub und damit sowieso nicht im Besitz der Transferrechte. Bleicher sieht die Aufgabe darin, Aspire zur besten Sportakademie der Welt zu machen. »Wir wollen die sein, die den nächsten Messi oder Ronaldinho gefunden haben.«

Für die Kinder ist der Wechsel der Welten schwierig. Den Gewinnern des vergangenen Jahres fiel es schwer, sich an das Leben im Internat anzupassen. Sie mussten sich erst daran gewöhnen, allein in ihren Zimmern zu sein. Es gab Jungs, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine Toilette mit Wasserspülung gesehen haben. Und im Schulunterricht wurde ihnen beigebracht, was ein Reisepass ist, wie ein Bankkonto funktioniert und wie ein Flugticket zu lesen ist. Aus Angst vor dem Neid verzichteten einige in den Ferien sogar auf die kostenlose Heimreise nach Hause, weil sie es nicht ertragen konnten, wieder ständig wegen Geschenken angebettelt zu werden.

Aber sie spielen Fußball wie kleine Götter. Samuel aus Kumasi in Ghana ist schneller als alle seine Gegenspieler. Innocent aus Gboko in Nigeria könnte der neue Roberto Carlos werden. Seinen Landsmann Solomon nennen sie »Master«, weil er das Spiel lenkt wie ein Dirigent. Und Ivan? »Sehr schnell, gute Auffassungsgabe und ein Linksfüßler, davon gibt es nicht so viele«, sagt »Football Dreams«-Erfinder Colomer, »aber er muss sich technisch noch verbessern.«

Sie treffen heute zum zweiten Mal auf die Nachwuchsspieler des AC Mailand. Vor dem ersten Spiel gaben sich die Vereinskameraden von Weltfußballer Kaká und Ronaldinho selbstbewusst, fast arrogant, und verloren dann 0:7 gegen die Kinder aus der Armutszone. Stefano Eranio, der Mailänder Trainer, war fassungslos und begeistert. »Sie sind technisch unglaublich und physisch sensationell, meine Jungs hätten sie erschießen müssen, um sie zu stoppen.«

Nun, beim zweiten Spiel, dem entscheidenden für die 25 Auserwählten, wollen die Italiener nicht noch einmal untergehen. Die Kinder aus Mailand mauern. Zur Halbzeit steht es 0:0, Ivan wird ausgewechselt, am Ende gewinnen die Aspire-Kinder 2:0. Er gibt sich Mühe, seine Enttäuschung nicht zu zeigen. Keine Tränen, keine Wut, er redet cool wie ein Profi.

Sein Fußballtraum Katar ist zu Ende, aber er muss nicht zurück nach Kampala. Zusammen mit den meisten anderen, die es nicht unter die ersten drei geschafft haben, wird er nun im Senegal leben. 30 Kilometer außerhalb von Dakar hat Aspire einen Ableger der Akademie gegründet. Ivan soll dort auf sein Leben als Profi vorbereitet werden, er wird zur Schule gehen und sein Spiel verbessern, er wird Französisch lernen und die elementaren Dinge des Lebens. Und er wird so oft wie möglich in der Bibel lesen, Psalm 119: »Ich erzähle Dir meine Wege und Du erhörst mich.«

CHRISTOPH BIERMANN

* Mit Ivan Sekazza aus Uganda (2. v. l.).

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