Zur Ausgabe
Artikel 57 / 84

Gutmütige sind keine Siegertypen

SPIEGEL-Redakteurin Bettina Musall über die Tennisfamilien Graf und Kohde-Kilsch *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Mit diesem Gratulanten hatte Jürgen Kilsch, der Stiefvater der Tennis-Weltranglisten-Vierten Claudia Kohde-Kilsch, wirklich nicht gerechnet. Zum 47. Geburtstag am Maifeiertag las ein Freund ein Glückwunschtelegramm von Peter Graf vor, dem Vater der Rivalin Steffi: »Alles Gute, wir bereiten uns auf unseren nächsten Sieg vor, Ihr dürft Zweite werden, herzliche Grüße.«

Claudias Mutter Ursula sah sich in ihren Vorbehalten wieder bestätigt: »So überheblich kann der Graf sein.«

Der Glückwunsch war frei erfunden. Der Freund, der beide Tennisfamilien gut kennt, hatte Graf die abgefeimte Herzlichkeit in den Mund gelegt.

Jürgen Kilsch selbst hätte sich den Spaß auf Kosten des Konkurrenten nicht erlaubt. Wenn Steffis Vater sauer ist, kann es schon mal vorkommen, daß seine Tochter Claudia drei Tage nicht grüßt - wie letztes Jahr beim Turnier in Filderstadt.

Claudia leidet, wie Jürgen Kilsch bestätigt, »unter persönlichen Attacken außerhalb des Courts«. Nach Filderstadt schrieb sie in ihr Tagebuch, Steffi müsse sich »von Ihrem Umfeld lösen«. Vater Graf, der den Rat später im »Stern« las, fühlte sich hinterrücks angegriffen. Kilsch gewährte Satisfaktion - Kleinkrieg zweier Tennisfamilien.

Steffi hat in den vergangenen Wochen sogar Boris Becker aus den Schlagzeilen verdrängt. In den USA jagt sie von einem Grand-Prix-Sieg zum nächsten, fegt die Eminenz Chris Evert-Lloyd vom Platz, die ihr »die beste Damen-Vorhand der Welt« bescheinigt.

»Die Steffi ist auf Sieg programmiert«, meint Klaus Hofsäss, ehemaliger Bundestrainer der Damen, sie sei »ein Jahrhundert-Talent«. Einmalig ihre »Fähigkeit, Emotionen völlig auszuschalten« und konzentriert auf Sieg zu spielen, ihr »Killerinstinkt« eben.

Wenn der »nette Killer« Steffi (Peter Graf) in Bedrängnis gerät, verschwindet jede Gefühlsregung aus dem Kindergesicht. Je weiter sie zurückfällt, desto entschlossener drischt sie ihre Vorhand ins gegnerische Feld, nimmt ihr Gegenüber kaum noch wahr, scheint nur noch den Ball und die Linien zu sehen.

Als sie gegen Claudia Kohde nach zwei zermürbenden Stunden am Rande einer Niederlage stand, hatte sie Tränen der Wut in den Augen, mobilisierte alle Reserven und spielte ihre riskantesten Schläge - bis zum Sieg.

Claudia bringt soviel Verbissenheit nicht auf, flachst selbst nach Satzverlusten noch mit der Gegnerin. Stiefvater Kilsch wundert sich, »daß sie so weit oben steht, weil sie dafür eigentlich zu gutmütig ist«.

Gutmütigkeit ist im Profitennis eine Behinderung, fast so schlimm wie ein Tennisarm. Wer gutmütig ist, zeigt Nerven, nimmt Rücksicht, hat Skrupel. Gutmütige sind keine Siegertypen.

Claudia »muß zuerst immer gegen sich selbst gewinnen, bevor sie die Gegnerin packen kann«, sagt Jürgen Kilsch, »sie muß ihre nervlichen Schwächen durch technische Stärken wettmachen«.

Im Sommer sollen Steffi Graf und Claudia Kohde, Nummer drei und vier der Weltrangliste, auf Wunsch des Deutschen Tennis-Bundes das Federation-Cup-Team verstärken - eine Art Daviscup der Damen.

Aber die Stars halten nur nach außen die offizielle Version aufrecht, sie könnten »einander gut leiden« (Steffi Graf). Tatsächlich ist es Claudia manchmal gar nicht recht »mit den Grafs in einen Topf geworfen zu werden«. Auch wenn sich Lebensweg und Alltag ähneln - austauschbar will sie nicht werden.

Bei Turnieren, wie zuletzt den Internationalen Deutschen Tennismeisterschaften in Berlin, tauchen die Mädchen mit Papi auf. Kein Freund, keine Freundin, kein Liebhaber.

Peter Graf läßt Steffi nicht aus den Augen. Hektisch, aggressiv, fast panisch

hält er alle auf Distanz. Er hat sich hochgekämpft im Tennisgeschäft. Gelassen hat ihn der Aufstieg nicht gemacht. Journalisten, die Steffi befragen wollen, müssen sich erst selbst fragen lassen: »Sie schreiben doch positiv, oder?«

Wer der Tochter Fragen stellt, bekommt bei Grafs die Antwort vom Vater. Erst solle sie »einen Rhetorikkurs besuchen«. Selbst Fragen nach ihren Gefühlen für den Vater beantwortet lieber er: »Das kann doch das Kind so einfach nicht sagen.« Im Englischen plappert die 16jährige unbekümmert drauflos. »Da hab ich viel weniger Hemmungen«. Und das - Graf wundert sich wirklich - »obwohl ich ihr da kaum helfen kann«.

Peter Graf hat genug mit sich selbst zu tun. Ständig ist er bemüht, die passende Figur zu machen: selbstbewußt beim Turnierleiter, jovial mit dem Klubwirt, herrisch, wenn die Bedienung trödelt, süßlich mit Steffi.

Die nimmt Papas Rollenspiel gar nicht wahr, mißversteht seine Unsicherheit als Cleverness: »Im Tennis muß er so sein, zu Hause ist er ganz anders«.

Der Autohändler aus Brühl, der »Motor von Steffis Erfolg« (Kilsch), ist mit dem Rummel sichtlich überfordert. Alles würde er für seine Tochter tun, aber Arbeit abgeben, delegieren an andere? Damit hat er sich von Anfang an schwergetan.

Der Selfmademan lebt ständig in der Furcht, ein noch gewiefterer Geschäftspartner konnte ihn über den Tisch ziehen. Überall sieht er sich von Leuten umstellt, die »von unserem Erfolg profitieren« wollen, die seinen Anteil am Ruhm der Tochter schmälern könnten.

Wie üblich, wenn er von Steffi spricht, fällt Graf in die »wir«-Form: »Wir haben gewonnen«. Steffis Erfolge sind seine Erfolge, sein Second-hand-Life. Das erinnert an die Eislauf-Muttis der sechziger Jahre, die nach dem Training vermeldeten: »Wir springen jetzt schon den doppelten Rittberger«.

Schließlich war er es, der seinen Autohof mit einer Tennishalle vertauschte, als die achtjährige Steffi ihr erstes wichtiges Kinderturnier gewonnen hatte. Er war es, der seinen kleinen Tennis-Mozart täglich drei Stunden trainierte, das Kind »buchstäblich vom Platz tragen« mußte, weil Steffi freiwillig nicht aufhörte.

Niemand in Grafs Umgebung behauptet, er habe sein Kind zum Tennis gezwungen. Trainer Hofsäss: »Die Kleine muß man dauernd bremsen«

Doch daß sportliche Leistung belohnt wird, hatte ihr der Vater schon beigebracht, als sie erst vier war. Zwanzig Treffer mit dem Ball an die Wohnzimmerwand brachten ihr einen Lolli ein. Inzwischen hat der Erfolg der Tochter der ganzen Familie den gesellschaftlichen Aufstieg in die Tennis-Schickeria zwischen Filderstadt und Florida ermöglicht.

Auch wenn das Mädchen nicht zum Training gezwungen wurde - in ihrer Art zu spielen spiegelt sich die Lebens-Aggressivität des Vaters: sich nicht aufhalten, schon gar nicht unterkriegen lassen. Außerhalb des Platzes wirkt Steffi Graf kindlich und fast schüchtern. Freunde nennen sie »das Mädchen mit den zwei Gesichtern«.

Claudia Kohde hat keine Tennismiene und kein zweites privates Gesicht. Wenn sie verärgert ist, sieht sie auch so aus, egal ob sie einen Ball verschlägt oder ihr Bikinioberteil nicht finden kann. Als Jürgen Kilsch seine Stieftochter »zum Leistungssport überredet« hat, wußte er, daß sie kein Temperamentsbündel ist.

Zwar schoß auch Klein Claudia wie Steffi schon mit knapp vier stundenlang Bälle an die Tenniswand neben dem Platz, auf dem Mutter Ursel sich bei Verbandsspielen quälte. Zwar zeigte auch die Schülerin Kohde mehr Neigung, Aufschläge zu üben, als Aufsätze zu schreiben. Aber Jürgen Kilsch, bis vor einem halben Jahr in einer Anwaltskanzlei in Saarbrücken etabliert, ließ sie die mittlere Reife machen und handelte die Berechtigung aus, das Abitur nachzuholen. Vor vier Jahren, als Claudia volljährig wurde, adoptierte er sie.

Natürlich, gibt Kilsch zu, hätten »persönliche Eitelkeit und Ehrgeiz« bei ihm mitgespielt, die Filzball-Karriere seiner Tochter voranzutreiben. Die Belastung aber der Druck, es schaffen zu müssen, entfiel beim Gespann Kohde-Kilsch.

Für den Anwalt war es ein Wagnis mit Rückversicherung, als er sich 1980 entschloß, mit Claudia durch die Welt zu fliegen. Die Kanzlei daheim lief weiter. Der bürgerliche Klassenerhalt stand nie in Frage. Für den damals 41jährigen war das Profi-Abenteuer seiner Tochter eine gute Chance, dem Midlife-Frust im Büro zu entfliehen.

Der neue Job fiel dem Juristen leicht. Den Umgang mit Managern war er gewohnt, er spricht ihre Sprache, wirkt unaufdringlich selbstbewußt.

Bei Claudia ließen die Erfolge auf sich warten. Sie war den Existenzkampf nicht gewohnt, und der lebensfreudige Vater, der »manches Mal lieber an der Bar als auf der Tribüne« hockt, verkörpert auch nicht gerade preußischen Durchhaltetrieb und Entbehrungslust.

Claudia braucht gute Rahmenbedingungen: ein nettes Publikum und keine Intrigen im Umkleideraum. Kilschs wichtigste Rolle: »Ich mußte den Seelsorger spielen, Optimismus verbreiten«.

Claudias Gutmütigkeit und ihre Nervenschwäche machten ihr von Anfang an zu schaffen. »Wenn's mir darum ginge, schnelle Siege zu kassieren«, meint Kilsch, »dann müßte ich mir eine Tochter wie Steffi Graf wünschen.« Andererseits gefiel ihm das gerade an Claudia: »daß sie bereit war, sich so zu quälen«.

Willig fügt sich die zurückhaltende, phlegmatisch wirkende Sportlerin auch heute noch in den monotonen Rhythmus von Turnier und Training. In Marbella, wo die Familie Kohde-Kilsch wohnt, soll Claudia sich zwischen den Weltreisen erholen, soll abschalten und auftanken.

Doch auch hier knüppelt sie vier Stunden täglich auf die neongelben Filzkugeln

ein. Leicht sieht das Spiel bei ihr nicht aus. Wenn der Ball an der Netzkante hängenbleibt, kracht der Schläger auf den Boden. »Fucking volley«, rutscht es ihr heraus. Claudia leistet im Tennis Schwerarbeit, auch wenn »ich den Sport so liebe, daß ich verrückt würde, wenn ich nicht mehr spielen dürfte«.

Was sie reizt an diesem Job, können die Mädchen übereinstimmend »schwer beschreiben«. Steffi Graf, seit zwei Jahren auf Reisen, hofft, »irgendwann mehr als nur die Tennisplätze zu sehen. Claudia Kohde winkt ab. Gern hätte sie in New York mal ein Broadway-Musical besucht. Aber nach dem Turnier ist sie »meist zu kaputt«.

Jürgen Kilsch ist überzeugt, daß »den jungen Mädchen tatsächlich ein Stück unbeschwerter Jugend verlorengeht«. Andererseits glaubt er: »Tennis prägt den Charakter.« Mit den Erfahrungen, die Claudia gesammelt hat, habe sie gute Voraussetzungen, eine Persönlichkeit zu werden, auch außerhalb des Tennisplatzes.

Peter Graf wäre vorerst zufrieden, wenn Steffi eine »Tennis-Persönlichkeit« nach amerikanischem Vorbild würde. Schon machen sich Werbestrategen im Land des Zahnpasta-Charmes Gedanken über Steffis Image: Welche Frisur macht sich gut im Fernsehen? Sollte sie vielleicht einen Ohrring tragen?

Vater Kilsch erkennt, daß Claudia »im Beruf reif und erwachsen« ist, charakterlich aber häufig »noch sehr kindlich« - Problem vieler Wunderkinder.

Sie können zwar in jedem Luxushotel beim Zimmerservice die Getränke auf deutsch, englisch oder französisch bestellen, aber eine Fahrt, allein mit der U-Bahn, jagt ihnen Angst ein. Weltgewandtheit und Hilflosigkeit zugleich. Selbständigkeit, die nur im Kokon lebt. Gerade diese Mädchen, meint Kilsch, bräuchten »festen emotionalen Halt«.

Claudia hat, was Freundinnen angeht, »fast resigniert«. Echte Freundschaften, glaubt sie, »gibt es beim Tennis nicht«. An einen Freund mag sie trotz ihrer 22 Jahre kaum denken. Die enge Verbindung zum Stiefvater, versichert sie, habe »bestimmt nichts damit zu tun«, daß sie noch nie verliebt war. »Ich war immer ein Spätzünder«.

Vater Graf hat die Frage der Familienplanung mit Steffi schon geklärt, als sie dreizehn war. Vor Journalisten kam es zu einem Dialog zwischen Vater und Tochter.

Peter Graf: »In zwei Jahren hast du sowieso einen festen Freund, und dann ist dir alles andere egal.« Steffi: »Nein, bestimmt nicht.« Vater: »Und mit 20 bist du verheiratet.« Steffi: »Auf keinen Fall.« Vater: »Und dann willst du Kinder.« Steffi: »Ich will keinen Freund, ich will nicht heiraten, und ich will keine Kinder, bestimmt nicht.« Vater: »Da haben Sie es selbst gehört, meine Damen und Herren!«

Zur Ausgabe
Artikel 57 / 84
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.