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FUSSBALL / FRAUEN Hand am Busen

aus DER SPIEGEL 44/1970

Die Herren in Europas Fußballverbänden fürchten, daß ihnen die Damen durchbrennen.

Jahrzehntelang hatten sie kickenden Mädchen ihre Plätze gesperrt. Noch vor Monaten verbot Deutschlands populärster Stürmer, Gerd Müller aus München, seiner Ehefrau den Kampfsport: »Oder ich versohle ihr den Hintern.« Doch als im Sommer die Getränkefirma Martini & Rossi die erste Frauen-Weltmeisterschaft aufzog, beschloß die etablierte Männergesellschaft, den Apéritif-Werbern die Mädchen auszuspannen.

»Es wäre nicht entschuldbar«, warnte Generalsekretär Hans Bangerter von der Europäischen Fußball-Union, »wenn der Frauenfußball Managern in die Hände getrieben und zum Zirkus ausarten würde.« Tatsächlich zahlten italienische Ankäufer für talentierte Ballmädchen zwischen Nordkap und Sizilien bis zu 46 000 Mark, »um weibliche Waden und baumelnde Busen« zu zeigen, wie sich die Zürcher »Weltwoche« mokierte. Betroffen vergaßen nun selbst die ehrwürdigen Fußballherren in England und in der Schweiz ihre Frauenfurcht und hoben das Spielverbot auf.

Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) will jetzt die unorganisierten Gespielinnen zu ordentlichen Mitgliedern ernennen. »Schon der Vernunft wegen kommen wir nicht daran vorbei«, urteilte Vizepräsident Hermann Neuberger. Am Sonnabend in Travemünde beim DFB-Bundestag soll die Vernunftehe geschlossen werden.

Schon vor 15 Jahren hatten auch in der Bundesrepublik Manager versucht, am Damen-Kick zu verdienen. Entgegen dem DFB-Verbot veranstalteten sie in West-Berlin eine Europameisterschaft. Aufwendig quartierten sie die Ballerinen ein. Reporter enthüllten, daß sie »wie die Kerle qualmten und soffen«. Noch vor Turnierende entwichen die Veranstalter, ohne die Hotelrechnungen zu begleichen.

Aber »Frauen kann man alle Scheußlichkeiten einreden«, resignierte der Wiener Sportjournalist Martin Maier. Svend Aage Pedersen, Trainer der dänischen Weltmeister-Mannschaft, flüsterte seinen Kickerinnen ein, daß der Modetanz Kasatschok die Oberschenkelmuskeln stärke. Außerdem ließ er sie vor Spielen in Pornoheften schmökern.

Die Italienerin Patrizia Rocchi, 18, vom Damenverein »Gomma-Gomma« in Mailand verriet: »Sportliche Frauen tragen den Schmerz der Mutterschaft leichter und lenken mit größerer Bestimmtheit die Familie.« »Statt Kinder, Küche, Kirche -- jetzt Kämpfen, Kicken, Köpfen«, klagte Leserin Martha Enders in der »Hamburger Morgenpost«. Damentrainer Wolfgang Schüler vom Sport-Club Sperber Hamburg berichtete allerdings über den Widerwillen der Mädchen vor Kopfbällen: »Wir spielen deshalb flach.« Er fand auch heraus, daß die Fußballsprache offensichtlich nur für Männer geschaffen worden ist. Jargon-Ausdrücke wie »Pille für Ball« und »Klebe« für harten Schuß verstanden die Mädchen nicht.

Nun propagieren deutsche Männer den sauberen Rasen. »Frauen sollten nie bei Schlamm und Dreck spielen«, wetterte der bayrische Funktionär Ernst Knösel. Als der ASV Gaustadt vor 900 meist belustigten Männern kickte, rügte Trainer Herbert Winkler: »Die Frauen verlieren die Lust, wenn sie dauernd ausgelacht werden.«

Während die verbandsfremden Manager weiter mit Geld um die Treue ihrer Balidamen buhlen, tüftelten die Funktionäre bereits Regeländerungen aus. So sollen nur 60 statt 90 Minuten gespielt und kleinere Bälle benutzt werden. DFB-Präsident Dr. Hermann Gösmann empfahl leichteres Schuhwerk. Jugoslawische Funktionäre wünschten ein Spielverbot wenigstens während der Schwangerschaft, und der französische Verband sorgte sich um den Schutz der Busen: Damen ist hierbei ausdrücklich das im Fußball verpönte Handspiel erlaubt.

»Wenn Bälle von oben auf den Busen fallen, ist das nicht so schlimm«, berichtete Helga Waluga vom SC Bad Neuenahr. »Aber direkt von vorn oder von unten tut es verdammt weh.« Wie die meisten legte sie bei Gefahr die Hand an den Busen.

Allzu übertriebene Ritterlichkeit freilich weisen Sport-Suffragetten zurück. Vor allem möchten sie die Männerherrschaft in den Verbänden brechen und weibliche Schiedsrichter anfordern. In England (52 Damenklubs mit 2600 Spielerinnen) leiten bereits 220 Schiedsrichterinnen Frauenspiele. »Ein Mann ist zu empfänglich für die Reize einer Frau, die soeben ein Foul begangen hat«, mutmaßt die englische Nationalspielerin Eve Finney.

Die DFB-Bosse sind nicht abgeneigt, Frauen über Frauen entscheiden zu lassen. Geduldig hörte sich Bayerns Verbandspräsident Hans Huber bei einem Hearing in der Münchner Sportschule Grünwald die Damenwünsche an. »Die Mädchen nehmen die Sache sehr ernst«, berichtete er über das Fußball-Fräuleinwunder.

Wie ernst, zeigte sich am vorletzten Wochenende bei der ersten Hamburger Meisterschaft. Ein Mädchen brach sich ein Bein -- über den Turniersieg entschied ein Foulelfmeter.

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