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HALLENHANDBALL / SCHMIDT Hand aufs Haupt

aus DER SPIEGEL 52/1970

Ich bin ein kleiner Romantiker«, -- verriet der Gummersbacher Hallenhandball-Nationalspieler Hans-Günther Schmidt, 28. Ständig versucht er seine wahre Größe zu verniedlichen. Der erfolgreichste Bundesstürmer mißt 1,96 Meter und wiegt fast zwei Zentner. Fans und Presse nennen den Athleten, der im Klub und in der Nationalequipe oft die Hälfte aller Tore wirft, »Hansi-Bär«.

Dennoch findet der gutmütige Goliath auf dem Spielfeld keinen Frieden. Gegnerische Trainer setzen auf ihn stets die härtesten Verteidiger an. An diesem Mittwoch will der Göppinger CDU-Stadtrat Horst Singer, 35, mit seinem Verein Frischauf das fast geschlossen mit der FDP sympathisierende Schmidt-Team VfL Gummersbach (Mitglied: FDP-MdB Gerhard Kienbaum> aus dem Europapokal katapultieren.

Im ersten Spiel streckte Schmidt ("Ich habe nur meine Hand auf seinen Kopf gelegt"> Singer mit einem Faustschlag zu Boden. Der Göppinger klagte darauf über Kopfschmerzen und fürchtete, daß er sich beim Sturz die Hand gebrochen habe. »Die hat er sich wohl verletzt, als er mir gegen die Brust schlug«, wiegelte Schmidt ab. »Hätte ich ihn voll getroffen, wäre er überhaupt nicht mehr aufgestanden.« Die Gummersbacher siegten 20:12 -- Schmidt allein erzielte zwölf Tore.

Zum Rückspiel in Göppingen am Tag vor Heiligabend, das wiederum im Fernsehen übertragen wird, kündigte CDU-Singer an: »Vor mir braucht sich Hansi nicht zu fürchten, aber unser Publikum wird ihn richten.« Tatsächlich riefen bei Schmidt Tag und Nacht schwäbische Fans an. »Am 23. Dezember ist der Tag der Rache«, grollten einige. Andere wollen ihn »totschlagen«. Gemäßigtere Fans zischten nur dreimal »Göppingen« in die Muschel. 200 Polizisten sollen den Saalschutz übernehmen.

»Es gibt wohl keine Parallele im deutschen Sport für verbissenere Feindschaft«, klagte die »FAZ«. Doch nicht nur zwischen Gummersbach und Göppingen herrscht Fehde. »Wenn es in diesem Stil weitergeht«, rügte Otto Seeber, Präsident des Deutschen Handball-Bundes, »dann ist unser Sport bald tot,«

Seit zu Europacupspielen oft mehr als 10 000 Zuschauer in die Hallen drängten und bis zu 120 000 Mark zahlten, hatte auch die Verrohung im Hallenhandball zugenommen. Beim letzten deutschen Endspiel zwischen Göppingen und Gummersbach verhängten die beiden Schiedsrichter neun -- dem Elfmeter im Fußball entsprechende -- Siebenmeter-Strafwürfe. Göppingen siegte. Beim Bundesligaspiel THW Kiel gegen den Hamburger SV nahmen sogar die Schiedsrichter im Streit um ihre Entscheidungen gegeneinander Kampfstellung ein.

Die Spieler vervollständigten ihr Faul-Repertoire. Einige Trainer probten sogar Karate- und Freistilübungen. Hallenhandball, urteilte der frühere Nationalspieler und heutige Trainer von Frischauf Göppingen, Bernhard Kempa, erfordere »mehr Energie und Kraft als Fußball und Eishockey«. Allein in der Südgruppe der Bundesliga brachen sich in einer Saison sechs Spieler Daumen, Hände oder Beine. Auch Schmidt riß einmal ein Fausthieb die Augenbraue so weit auf, daß sie wie eine Boxverletzung geklammert werden mußte.

Nach Meinung des Volksschullehrers Schmidt erfüllen die Fouls im Spiel oft den Tatbestand einer »vorsätzlichen Körperverletzung«. Der in Geschichte und Sport unterrichtende Schmidt lehnt an Schulen die Prügelstrafe strikt ab, liebt Spaziergänge und bevorzugt ein zurückgezogenes Familienleben. Erlebnisberichte aus dem rauhen Handballalltag vermeidet er beim Unterricht.

Doch für den Ballkampf rüstet er sich so hart wie Catcher und Boxer. Er beherrscht beim Wurf mehr Tricks als seine Rivalen. So schraubt er sich wie ein Hochspringer mit abwärtsgestreckten Armen in die Höhe und reißt erst dann die Wurfhand nach oben. So gewinnt er weitere Zentimeter an Sprunghöhe. Außerdem vermag er den Sprung so zu verzögern ("Nennen Sie mich einen Luftsteher")« daß er erst auf das Tor wirft, wenn die Verteidiger bereits wieder zu Boden gehen.

»Wenn du vom Torwurf herunterkommst«, spöttelte einmal der Hamburger Nationalspieler Fritz Bahrdt über den Torriesen, »dann hast du Schnee auf dem Kopf.« Dem Banater Schwaben Schmidt brachten seine Kraft und Tricks beim Torschuß in Rumäniens Nationalmannschaft den Leutnants-Rang ein, obwohl er nie Militärdienst geleistet hatte.

Als seine Bukarester Klubmannschaft 1963 in der Bundesrepublik gastierte, setzte er sich zum VfL Gummersbach ab. Angebote aus Hamburg wies er zurück, weil er die ländliche Idylle im Bergischen Land schätzte und der Gummersbacher Möbelfabrikant Eugen Haas ihm das Studium an der Pädagogischen Hochschule in Bonn ermöglichte.

Nach der Erfüllung seiner Berufswünsche wurde sein Sporteifer freilich immer mehr gedämpft. Besonders in den Europacupspielen litt der Gummersbacher Goliath unter Sticheleien kampfeslustiger Davids. 1969 bei einem Spiel im slowakischen Presov schmähten und bespuckten ihn die Zuschauer. Nach dem Schlußpfiff trat ihm ein Junge gegen das Schienbein. Der Muskelmann gab ihm dennoch gequält lächelnd die Hand und strich ihm über das Haupt. »Er ist sehr kinderlieb«, unterstrich auch Frau Karin seinen sanften Charakter.

Gegen die Stichel-Taktik des Göppinger Rivalen Singer entlud sich jedoch des Riesen Zorn. Nach Schmidts Faustschlag forderten besonders süddeutsche Zeitungen eine längere Sperre für die »Heilige Kuh« ("Münchner Merkur"). Als die Nationalmannschaft jüngst zu einem Turnier nach Tiflis reiste, trug Bundestrainer Werner Vick dem zerknirschten Schmidt auf, sich mit Singer zu versöhnen. Trost spendeten Schmidt die Russen, die ihm als erfolgreichsten Torschützen des Turniers (37 von 75 deutschen Toren in vier Spielen) einen Pokal verliehen.

»In Göppingen würde mein Mann am liebsten nicht spielen«, teilte Karin Schmidt mit. Doch um die Gummersbacher Mannschaft nicht im Stich zu lassen, reiste er mit. Sozusagen zum Nachsitzen -- denn auch Rivale Singer ist Lehrer,

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