Deutscher Handball-Kapitän Golla »Ein sehr gut erzogener Junge«

Johannes Golla ist der vielversprechendste deutsche Handballer bei der EM – fleißig und entwicklungsfähig. Auch Bundestrainer Gislason schwärmt. Hier erzählt Golla, wie er für einen neuen Teamgeist sorgen will.
Starker Defensivspieler, stark auch in der Offensive: Johannes Golla

Starker Defensivspieler, stark auch in der Offensive: Johannes Golla

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Gerhard Koffler / imago images/Kessler-Sportfotografie

Manchmal wisse er gar nicht, ob es sich hier gerade um eine Trainingseinheit handelt oder bereits um ein EM-Duell. Die Intensität in der Vorbereitung sei im Kreise der deutschen Handball-Nationalmannschaft »unglaublich hoch« gewesen, erzählt Johannes Golla am Telefon. Als Kapitän führt der Kreisläufer aus Flensburg das Team mit ihren neun Turnier-Debütanten bei der EM an. Am Abend (18 Uhr, TV: ARD) wartet der zweite Vorrundengegner – Österreich.

Ein ehrgeiziger Haufen sei es, der bei der Endrunde in der Slowakei und Ungarn für eine Überraschung sorgen will. Ein Haufen unter anderem mit Talenten, Spätstartern und Spielern, die bereits abgeschrieben worden waren.

Manchmal treffen sich einige von ihnen an der Dartscheibe, auch, um sich überhaupt erst mal in der neuen Runde kennenzulernen. Ansonsten wird sich aber wegen Corona viel isoliert – und noch mehr trainiert. »Jeder will sich hier beweisen und zeigen, dass er zurecht im Kader steht«, sagt Golla.

Er klingt so, als wäre das in der Vergangenheit nicht immer so gewesen.

Golla, 24, ist der derzeit vielversprechendste deutsche Handballer, fleißig, entwicklungsfähig, jung. Wie kaum ein anderer steht er für Aufbruchsstimmung, und die kann der deutsche Handball gut gebrauchen: Das Jahr 2021 war mit dem desolaten Abschneiden bei der WM und Olympia ein historischer Tiefpunkt.

Am Freitag, im EM-Auftaktspiel gegen Belarus, hat der neue deutsche Motor kräftig geruckelt. Die schwache Abwehr musste vom Angriff gerettet werden. Es liegt noch viel Arbeit vor der DHB-Auswahl, aber der 33:29-Sieg war ein guter Start, um den Wiederaufbau entspannter fortzuführen.

Für Golla war es der 32. Einsatz im Trikot der Nationalmannschaft, der erste als Kapitän im Turnier. Er gehört nun zu den Wortführern im deutschen Handball.

Sein Ziel: Es soll wieder »Lust machen«, zur Nationalmannschaft zu kommen, die zuletzt im voll gepackten Kalender mit bis zu 60 Pflichtspielen für die Topprofis zunehmend als Belastung angesehen worden ist. Der deutsche Handball muss wieder Spaß bringen, sagt Golla, den Spielern selbst, und auch den vielen neuen Zuschauern, die Jahr für Jahr im Januar einschalten, wenn die Handballer auf die Platte gehen. »Wenn wir das bei der EM schaffen, haben wir viel erreicht«.

Mit seiner enormen Spannweite wird Golla zum Abwehrblock

Mit seiner enormen Spannweite wird Golla zum Abwehrblock

Foto: Gerhard Koffler / imago images/Kessler-Sportfotografie

Gollas Einstellung und Hingabe für den Handballsport schätzen sie in Flensburg und beim DHB. Er ist nun das Aushängeschild, gibt fast täglich Interviews, kürzlich war er im ZDF-Sportstudio zu Gast. Im Gespräch ist Golla ein ruhiger Typ, er trifft keine Aussagen, die polarisieren. Wahrscheinlich gehört er nicht zur Sorte Spieler, die die einstige Ikone Stefan Kretzschmar so sehr vermisst, die wilden Charaktere von einst, die »echten Typen«.

Aber muss er das?

»Was soll ein echter Typ sein?«, fragt Golla. »Ist das einer, der über das ganze Feld schreit und dann besondere Interviews gibt? So bin ich nicht.« Er wolle ein Typ sein, der eine gute Einstellung hat und taktische Vorgaben erfüllt. »Ich will meine Rolle als Kapitän so erfüllen, dass hier jeder in der Truppe ein gutes Gefühl hat und seine Leistung bringen kann.«

Er ist der Chef für das gute Gefühl, und er geht mit viel Einsatz voran. Auf der Platte wird Golla die »Kampfsau« genannt, Erik Wudtke, Gislasons Assistenztrainer, hat ihm den Spitznamen verpasst. Mit seinen 1,95 Metern und 110 Kilogramm ist Golla einer dieser Schränke, für die der Handball Kultstatus genießt. Er ist eine Kante wie die einstige Kreisläufer-Legende Christian Schwarzer, die 2007 unter Heiner Brand den WM-Titel gewann.

Mit seiner enormen Spannweite lässt Golla dem Gegner nur wenig Lücken im Angriffsspiel – kaum ein anderer DHB-Profi blockt so viele Bälle wie er.

Der Musterschüler von Gislason

Doch Golla ist nicht nur groß und stark, sondern auch athletischer. Auf der Platte sprintet Golla von Kreis zu Kreis. Hinten verrichtet er die mühevolle Abwehrarbeit, im Angriff bringt er sich mit seinem Stellungsspiel immer wieder in gute Positionen – und erzielt erstaunlich viele Tore. In der laufenden Bundesliga-Saison ist er der viertbeste Torschütze auf der Kreisläufer-Position.

Und er scheut keine Herausforderungen. Mit 21 Jahren wechselte Golla nach Flensburg, er tauschte das beschauliche Melsungen gegen einen Handball-Weltklub. So einen Schritt wagen die wenigsten deutschen Talente. In Flensburg oder auch Kiel muss man sich mit etlichen internationalen Topspielern messen, mit Superstars aus skandinavischen Ländern, die im Handball den Ton angeben.

Hier kann man untergehen – oder wie Golla wachsen.

»Er ist sehr fokussiert, bescheiden, ein sehr gut erzogener Junge«, sagt Gíslason im SPIEGEL  über Golla. Er hat ihn zum Kapitän aufgebaut. Golla sei ein Typ, der »immer zuerst ans Team« denke.

Das Rampenlicht nimmt zu: Golla Anfang des Jahres im ZDF-Sportstudio

Das Rampenlicht nimmt zu: Golla Anfang des Jahres im ZDF-Sportstudio

Foto: Martin Hoffmann / imago images/Martin Hoffmann

Manch einem deutschen Spieler ist der enge Terminplan mit einer jährlichen EM oder WM im Wechsel zu viel geworden. Hendrik Pekeler vom THW Kiel wird bei der EM fehlen; er wäre als Stammkraft gesetzt gewesen. Doch der 122-malige Nationalspieler möchte seinem Körper eine Auszeit gönnen, seit Jahren kämpft er mit Achillessehnenbeschwerden.

Auch Fabian Wiede, eine Hoffnung für den inzwischen fast historisch schwachen deutschen Rückraum, verzichtet auf die EM. Die Routiniers Steffen Weinhold, 35, und Uwe Gensheimer, 35, haben ihre Karrieren in der DHB-Auswahl beendet. Und Toptalent Juri Knorr will sich vorerst nicht impfen lassen und ist dadurch bei der 2G-Veranstaltung in Ungarn und der Slowakei nicht spielberechtigt.

Doch, es scheint, als würden all die Absagen gar keine Rolle spielen. Golla spricht von einer fantastischen Stimmung, andere bestätigen das. »Es fühlt sich anders als in den vorherigen Jahren«, sagt Rückraumspieler Julius Kühn, der schon mehrere Turniere mitgemacht hat: »Es liegt etwas Besonderes in der Luft bei uns.« Kühn wird wegen eines positiven Coronatests gegen Österreich allerdings fehlen.

Kai Häfner, der Matchwinner im Auftaktspiel gegen Belarus, gestand allerdings auch: »Ich wusste vor der EM nicht, wo wir stehen. Und jetzt weiß ich es immer noch nicht.« An ihrer neuen Rolle im Welthandball werden Golla und seine Teamkollegen noch arbeiten müssen.

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