Handballtorwart Carsten Lichtlein Der Rekord-Hüter

Carsten Lichtlein spielt seit fast zwei Jahrzehnten Handball auf höchstem Niveau. Doch oft stand der Torwart dabei im Schatten anderer. Nun hat er sich in der Bundesliga einen Rekord geholt.
Carsten Lichtlein: "Womöglich stand ihm seine Nettigkeit lange im Weg"

Carsten Lichtlein: "Womöglich stand ihm seine Nettigkeit lange im Weg"

Foto: imago images /Zink

Als Carsten Lichtlein noch Schüler war, begegnete ihm immer mal wieder Dirk Nowitzki. Beide gingen auf das Röntgen-Gymnasium in Würzburg. Beide waren talentierte Sportler in der Startphase ihrer Karrieren. Doch während Nowitzki später in 21 Jahren in der NBA zu einer Basketball-Lichtgestalt aufstieg, stand Lichtlein in seiner nun 20 Jahre langen Laufbahn als Handballtorwart oft im Schatten anderer. Nur selten trat er selbst ins Licht - so wie jetzt.

Lichtlein ist mittlerweile 39 Jahre alt. Er war schon beim WM-Titel der deutschen Mannschaft 2007 dabei, und man könnte fast übersehen, dass der Unterfranke immer noch spielt, weil er so oft in der zweiten Reihe steht. Am Donnerstag ist Lichtlein nun zum alleinigen Rekordspieler der Bundesliga aufgestiegen: Im Spiel seines Vereins, dem HC Erlangen, gegen die TSV Hannover-Burgdorf, löste er mit 626 Spielen seinen nicht mehr aktiven Torwartkollegen Jan Holpert (625) ab. Für ihn sei es zwar eine Ehre, eine neue Bestmarke aufzustellen, hatte Lichtlein vor dem Spiel gesagt. Aber der Sieg habe Vorrang - geklappt hat das dann aber nicht, Hannover setzte sich in Lichtleins Rekordspiel 29:25 (11:16) durch.

Aber vielleicht liegt in dieser Zurückhaltung auch der Grund, warum Lichtlein nicht noch eine größere Karriere hingelegt hat.

Lange nur der dritte Mann

Lichtleins Erfolge lesen sich eigentlich eindrucksvoll: 2004 wurde er Europameister und 2007 Weltmeister im eigenen Land unter Trainer Heiner Brand. 2006 und 2010 kamen die EHF-Pokalsiege mit dem TBV Lemgo und der EM-Titel 2016 unter Dagur Sigurdsson hinzu. In der Bundesliga hält er den Rekord für die meisten parierten Siebenmeter (523).

Bei genauerem Hinsehen aber stand Lichtlein bei den meisten Triumphen im DHB-Trikot aber kaum zwischen den Pfosten. Er war nie die klare Nummer eins. Sowohl bei der WM 2007 als auch bei der EM 2004 gehörte Lichtlein als dritter Torwart zum deutschen Kader.

"Er hatte das Pech, dass einer immer noch besser war", erzählt Christian Schwarzer, Weltmeister von 2007, im Gespräch mit dem SPIEGEL. Lichtlein, 2,02 Meter groß, kam nicht an den Torhütern Henning Fritz, Christian Ramota oder Johannes Bitter vorbei. "Viele hätten wahrscheinlich aufgeben, doch er war immer ein Teamplayer. Carsten ist jemand, der wahrscheinlich noch länger durchhält als ich, weil er sich dem Sport noch mehr unterordnet", sagt Bitter, in dessen Schatten Lichtlein 2007 Weltmeister wurde.

Wichtiger in der Nationalmannschaft wurde Lichtlein erst ab 2014, als der Bundestrainer Dagur Sigurdsson hieß. Bei der WM 2015 in Katar spielte Lichtlein gut und wurde im Achtelfinale gegen Ägypten (23:16) gar zum Hauptdarsteller. 13 Jahre lang übernahm er im DHB-Team geduldig die Nebenrolle; erst mit 34 Jahren stand er erstmals in der Nationalmannschaft im Rampenlicht.

"Er wurde im Alter immer besser", sagt Matthias Reckzeh, der Lichtlein als Torwarttrainer beim VfL Gummersbach betreut hat. "Er hat nie rumgemeckert und hat die Rolle als dritter Mann ausgefüllt. Die sportliche Enttäuschung war immer sein Ansporn. Womöglich stand ihm seine Nettigkeit lange im Weg. Aber er wusste, dass seine Zeit kommen würde." Lichtlein war lange ein Wartender. Insgesamt kam er auf 220 Länderspiele.

Weniger extrovertiert als andere Torhüter

Handballtorhüter sind oft auf und neben dem Platz spezielle Typen: So war es bei Fritz, so ist es auch bei Silvio Heinevetter oder Andreas Wolff. Lichtlein war stets weniger extrovertiert.

Er studierte akribisch Videos seiner Gegner, notierte sich Wurftechniken, Laufwege und Absprungpunkte der Angreifer, um die richtige Ecke zu ahnen. Er wusste immer wie jeder Spieler seinen Wurf veränderte und führte sogar Buch über die Jahre, erinnert sich sein Torwarttrainer Reckzeh. Zu dieser Zeit arbeitete der gelernte Steuerfachangestellte zweimal in der Woche in einer Kanzlei.

Seit September ist Lichtlein zusammen mit Fritz und Bitter Teil eines Kompetenzteams , mit dem der Deutsche Handballbund (DHB) eine einheitliche Torwartausbildung erarbeiten will. Deutschland war auch im Handball zumeist ein Torwartland - und das soll so bleiben.

Ans Ende seiner aktiven Karriere denkt Lichtlein aber noch nicht: "Es geht noch ein paar Jahre. Solange ich fit bin und Spaß habe, werde ich weiterspielen", sagt er. Die Rekordmarke wird wohl noch ein bisschen weiter verschoben.

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