Trennung von Handballtrainer Prokop Störfeuer von oben

Die Erwartungen hoch, der Rückhalt gering: Christian Prokop hatte als Handballbundestrainer nicht viel zu gewinnen. Bei seiner Trennung sieht aber vor allem der Verband um Vizepräsident Hanning schlecht aus.
Eine Analyse von Jan Göbel
Für Christian Prokop ist nach drei Turnieren Schluss als Handballbundestrainer

Für Christian Prokop ist nach drei Turnieren Schluss als Handballbundestrainer

Foto: REUTERS

Mit dem Aus für Christian Prokop als Bundestrainer der deutschen Handballer endet ein großes Missverständnis. Auf der einen Seite bleibt ein Trainer zurück, der 2017 mit 37 Jahren und ohne größere Erfahrung in den wichtigsten Job des deutschen Handballs gekommen war. Der danach die Rolle im Mittelpunkt nie so ausfüllen konnte, wie viele das von ihm erwartet haben. Er war kein Heiner Brand und kein Jürgen Klopp, das ist kein Makel, aber oft genug waren genau das die Trainertypen, mit denen Prokop verglichen worden war, sogar aus den eigenen Reihen. Viel zu gewinnen gibt es da nicht.

Am Ende konnte Prokop aber auch sportliche Vorgaben nicht vollends erfüllen, auch wenn man sagen muss, dass die Erwartungen in ihn zumindest bei der EM 2020 hoch waren.

Aber auf der anderen Seite dieses Missverständnisses steht auch ein Verband, der diesen jungen Trainer unbedingt haben wollte. Der für ihn eine Ablöse von 500.000 Euro in Richtung des Bundesligaklubs DHfK Leipzig ausgab und Prokop mit einem Fünfjahresvertrag ausstattete. Im Handball ist das viel Geld. Und die Erinnerung an diese Summe wird bleiben, weil die DHB-Spitze zu einem überraschenden Zeitpunkt von der teuren Idee Prokop abgerückt ist.

Bob Hanning war einst Förderer von Bundestrainer Prokop, das änderte sich bei der EM in 2020

Bob Hanning war einst Förderer von Bundestrainer Prokop, das änderte sich bei der EM in 2020

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Robert Michael/ dpa

Wenn man von der DHB-Spitze spricht, redet man eigentlich von Vizepräsident Bob Hanning, der eher im Alleingang Prokop die Rolle des Bundestrainers anvertraut hatte. Und Hanning war es nun auch, der Prokops Zukunft als Bundestrainer schon während der Europameisterschaft im Januar öffentlich zur Diskussion gestellt hatte. "Was macht diese Mannschaft nun mit ihrem Trainer?", fragte Hanning nach der dramatischen EM-Niederlage gegen Kroatien. Das kann man natürlich mit der Vorgeschichte (nach dem Hauptrunden-Aus bei der EM 2018 waren Team und Trainer im Zwist auseinandergegangen) fragen. Aber normalerweise klärt man das intern, Hanning wählte den Weg in die Öffentlichkeit - als Medienprofi wohl ganz bewusst.

Einen Tag später sagte Hanning, er habe bloß die Mannschaft vor dem nächsten Spiel gegen Österreich kitzeln wollen. Alles andere seien Interpretationen der Medien. Diese Darstellung ist spätestens jetzt als ziemlich verzerrt überführt worden. Und natürlich war auch schon damals klar: Mit seiner Aktion hat Hanning keinen Sieg gegen das eher zweitklassige Österreich eingeleitet. Er hat allein Prokop geschadet und einen angezählten Bundestrainer hinterlassen.

Dieses Schauspiel ging während der EM noch weiter. Nur wenige Tage später schwor man Prokop zwar nicht die ewige Treue, aber man versprach ihm das wichtige Olympia-Qualifikationsturnier im April. "Wir werden natürlich mit Christian in Richtung Olympia gehen und die Sommerspiele anpeilen", hatte DHB-Sportvorstand Axel Kromer gesagt. Die EM endete anschließend mit dem Maximum, was zu diesem Zeitpunkt noch möglich war: Deutschland belegte den fünften Platz. Kromers Worte sollten sich als Lippenbekenntnis erweisen. Zwei Wochen später wurde es einkassiert.  

Mannschaft war erst gegen Prokop, zuletzt aber für den Coach

Natürlich muss man bei dieser Trennung auch über den Trainer sprechen: Prokop ist fachlich ausgezeichnet, er hat auf Rückschläge meist gute Lösungen gefunden. Das war auch zuletzt bei der EM so, als ihm im Vorfeld des Turniers die wichtige Achse im Rückraum weggebrochen war. Platz fünf mit der ersatzgeschwächten Mannschaft - das ist keine Sensation und auch keine Bewerbung als Ideallösung für den Bundestrainerposten. Aber ein ordentliches Ergebnis. Der große Wurf, er fehlte in der Ära Prokop.

Denn jedes ordentliche Ergebnis war für Prokop eigentlich eine Stufe zu niedrig. Er kam ohne Rückhalt ins Amt und trug von Beginn an einen schweren Rucksack mit sich. Man schätzte danach zwar seine Lernfähigkeit, aber nicht das Bild, das er in der Öffentlichkeit abgab. Zu pädagogisch, zu unerfahren und zu unemotional sei dieser Coach, seine Ansprachen in Auszeiten würden die Spieler nicht mitreißen, das durfte man oft lesen und hören, wenn sich mal wieder frühere Handballer in die Diskussionen um Prokop eingeschaltet hatten. Dass im Welthandball andere Nationen Deutschland einen Schritt voraus sind, wurde nur selten erwähnt.

Die Attacken einiger Experten waren für Prokop aber nur ein Störfeuer. Prokops Hauptproblem kam jedoch von innen, aus der Ecke, aus der man Unterstützung für den Trainer erwartet. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit war es die eigene Mannschaft, die bei der EM 2018 frustriert vom Trainer und dessen Ideen war. Beinahe hätte der Streit schon damals für die Trennung gesorgt. Aber die Mannschaft und Trainer rauften sich zusammen. Wer sich während der EM bei den Spielern nach dem Verhältnis zu Prokop erkundigte, hörte keine kritischen Stimmen. Im Gegenteil: Kapitän Uwe Gensheimer sagte: "Ich kann nicht verstehen, dass Druck auf den Trainer ausgeübt wird." Das letzte Feuer legte der eigene Verband.

Nun folgt Alfred Gíslason. Der isländische Trainer hat mit dem THW Kiel zahlreiche Titel gewonnen und jahrelange Erfahrung. Er kommt mit dem Rückhalt der Handball-Branche, den Prokop nie gewinnen konnte. Das ist schon mal kein schlechtes Vorzeichen.

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