Sieg der Handballer gegen Österreich Auf einmal Flügel

Timo Kastening auf rechts, Lukas Mertens auf links: Beim zweiten EM-Erfolg zeigt die deutsche Nationalmannschaft ihr großes Potenzial auf den Flügeln. Auch im Mittelpunkt: ein junger und ein sehr alter Keeper.
Timo Kastening (neun Tore) war der erfolgreichste Werfer gegen Österreich

Timo Kastening (neun Tore) war der erfolgreichste Werfer gegen Österreich

Foto: Marijan Murat / dpa

Szene des Spiels: Im Handball geht es manchmal so schnell, dass man sich gerade nur noch so an den Wurf zum Tor erinnern kann. Der Pass zuvor? Schon vergessen. Doch jenes Zuspiel, das vom deutschen Nationalspieler Philipp Weber in der 47. Minute kam, konnte man nicht vergessen. Die österreichischen Gegner schoben ihn, Weber fiel und lag schon fast auf dem Boden, da verließ der Ball seine Hand, und er flog, von links nach ganz rechts, zu Timo Kastening, der zum 26:23 verwandelte. Es war eines der vielen schönen Tore, die die deutsche Mannschaft an diesem Abend erzielte.

Ergebnis: 34:29 gewinnen die Handballer in ihrem zweiten EM-Spiel gegen Österreich. Es gab Schatten, aber mehr Licht bei diesem zweiten EM-Erfolg. Da Gruppengegner Polen sich am späteren Abend gegen Belarus durchsetzen konnte (29:20), sind die Deutschen und Polen bereits sicher in der Hauptrunde. Lesen Sie hier den Spielbericht zum DHB-Erfolg.

Der Schreck: Am Samstagabend vermeldete der DHB mit Leitungsträger Julius Kühn (sechs Treffer gegen Belarus) seinen ersten Coronafall bei dieser EM. Zunächst gab es keine Anzeichen, dass es zu weiteren Ansteckungen innerhalb des Teams gekommen ist. Alle weiteren PCR- und Schnelltests beim Rest der DHB-Delegation fielen anschließend negativ aus. Bisher zeige Kühn, der bereits einen Impfbooster erhalten habe, keine Symptome. Auch ist sein positiver Test nicht gleichbedeutend mit dem EM-Aus: Mit zwei negativen PCR-Testergebnissen könnte er seine Isolation nach fünf Tagen wieder beenden.

Endlich angekommen: Vielleicht wollte Bundestrainer Alfred Gíslason seinem jungen Torwart Till Klimpke nach seinen null Paraden gegen Belarus eine zweite Chance (und Selbstvertrauen) geben. Vielleicht war es auch die Sturheit des Isländers, dass er an seiner Idee festhielt und den 23 Jahre alten Klimpke erneut als Nummer eins (und nicht Routinier Andreas Wolff) zu Spielbeginn nominierte. Immerhin, der Bundestrainer handelte sich anschließend keine Diskussionen ein – Klimpke zeigte eine starke Leistung (14 Paraden insgesamt). »Ich bin überwältigt«, sagte Klimpke nach seinem Auftritt in der ARD.

Mit Speed zum Tor: Die Deutschen kamen schlecht ins Spiel, wie schon gegen Belarus fehlte das Tempo im Angriff. Dann aber, nach 6:08 Minuten, ging es schnell – und dann war es so weit: Sebastian Heymann beendete die deutsche Torlosigkeit und verkürzte zum 1:3. Bei seinem ansatzlosen Wurf aus dem Rückraum (Geschwindigkeit: 125 km/h) ließ der 23-Jährige aus Göppingen aufblitzen, warum er als eines der Toptalente im deutschen Handball gilt. Shooter Heymann gehörte auch das letzte Tor im ersten Durchgang – zum 15:16.

Der alte Mann: Die Österreicher verdienten sich ihre Halbzeitführung auch dank eines überragenden Keepers. Golub Doknić, neun Paraden in der ersten Hälfte und eine Torvorlage, ist bereits 39 Jahre, gegen Deutschland feierte der Keeper seinen fünften Länderspieleinsatz. Der geborene Montenegriner wurde vor zwei Jahrzehnten beim Topklub Vardar Skopje ausgebildet und 2021 in Österreich eingebürgert, um kurz vor seiner Handballrente noch das nationale Torwartproblem zu lösen. Man kann sagen: Das ist gelungen.

Hat auch mit fast 40 noch große Lust auf Handball: Österreich-Torwart Doknić

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Foto: Marijan Murat / dpa

Der Spaßmacher: Lukas Mertens könnte längst einer der aufregendsten deutschen Handballer sein, hätten ihn in der Vergangenheit nicht die vielen Verletzungen zurückgeworfen. Nun aber, mit inzwischen 25 Jahren, spielt Mertens seine erste Endrunde – und gegen Österreich zeigte er seine Unterhalter-Qualitäten: Kempa-Tricks, Flugeinlagen, Sprints. Als er den Ball spektakulär zum zwischenzeitlichen 13:13 versenkte, rief ARD-Experte Dominik Klein »Boom« in sein Mikrofon. Es wundert jedenfalls nicht, dass der Nachfolger von Uwe Gensheimer in der DHB-Auswahl Stammspieler beim deutschen Handball-Spitzenreiter Magdeburg ist.

Spätzünder: In der zweiten Hälfte verwandelten Mertens und Co. beinahe 80 Prozent ihrer Würfe – eine herausragende Quote. Aber die ganz große Anspannung löste sich erst im letzten Drittel des Spiels, erst nun rückte die DHB-Auswahl davon. Österreich ist im Handball weit davon entfernt, eine wichtigere Rolle zu spielen – gegen Deutschland hielt das Team allerdings lange Zeit gut mit.

Einer der Stärksten war Mertens

Einer der Stärksten war Mertens

Foto: PETTER ARVIDSON / imago images/Bildbyran

Der Flitzer: Kastening war mitverantwortlich, dass die DHB-Auswahl am Ende ihren zweiten (und auch klaren) Sieg feiern durfte. Neun Treffer gelangen dem pfeilschnellen Rechtsaußen, der schon zuletzt bei vorherigen Turnieren zu den stärksten Deutschen gehörte. Mit ihm auf der rechten und Mertens auf der linken Seite scheint die DHB-Auswahl eine Flügelzange zu haben, die viele Gegner vor Probleme stellen kann. Damit die schnellen Außen aber in Szene gesetzt werden können, muss sich die deutsche Abwehr steigern und Mertens und Kastening mit mehr Balleroberungen füttern.

Ausblick: Die DHB-Auswahl ist mit vielen Debütanten in dieses Turnier gegangen und nun konnten Neulinge wie Klimpke, Mertens oder auch Heymann zeigen, dass sie ihren Platz im Team berechtigterweise haben. »Viel Positives«, habe Bundestrainer Gíslason gesehen. Am Dienstag gegen Polen, dem stärksten Vorrundengegner, können die deutschen Handballer in ihrem Entwicklungsprozess den nächsten Schritt gehen. Das Team hat noch viel Arbeit vor sich, aber der Start war gut.