Deutsche Handballer verlieren auch gegen Norwegen Zum ersten Mal sehen sie traurig aus

Das EM-Aus droht: Wille und Einsatz der deutschen Handballer haben auch gegen Norwegen nicht gereicht. Aufbauende Worte gab es vom Bundestrainer – das coronageplagte Team sehnt sich nach Normalität.
Geschlagen, enttäuscht: Die deutschen Handballer um Johannes Bitter (2.v.l.)

Geschlagen, enttäuscht: Die deutschen Handballer um Johannes Bitter (2.v.l.)

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Marijan Murat / dpa

Szene des Spiels: Sie standen auf der Platte und klatschten in Richtung ihrer Fans, die sich während der 60 Minuten in Bratislava kaum eine Verschnaufpause gegönnt hatten. Das hatten auch die deutschen Handballer nicht. Doch erstmals blickte man bei dieser Handball-Europameisterschaft in traurige Gesichter bei den deutschen Spielern. Wie schon gegen Spanien fiel auch die Niederlage gegen Norwegen deutlich aus. Bundestrainer Alfred Gíslason sagte im ZDF dennoch: »Ich bin stolz auf meine Jungs.« Es klang nach dem Anfang vom Ende einer kuriosen Endrunde.

Ergebnis: Doch noch ist es nicht so weit. Die wegen Corona ersatzgeschwächte DHB-Auswahl hat bei der EM allerdings den nächsten Dämpfer im Duell um das Halbfinale erlitten – auch im zweiten Hauptrundenspiel hat sie verloren. 23:28 (12:14) hieß es am Ende gegen Norwegen. Die vielen Coronafälle, die wenigen Trainingseinheiten – all die Folgen sieht man gegen immer stärkere Gegner. Lesen Sie hier den Spielbericht.

Unerwünschte Kontinuität: Fast kein Tag verging zuletzt ohne neuen positiven Coronabefund. Auch dieser Freitag nicht: Zwar kam im Krankenlager kein positiver Spieler zu den elf infizierten Profis hinzu, allerdings wurde Gislasons Co-Trainer Erik Wudtke nach einem unklaren Ergebnis am Donnerstag nun eindeutig positiv getestet. Julius Kühn, der erste Coronafall im Team, konnte sich für das Norwegen-Spiel doch noch nicht freitesten und stand nicht zur Verfügung.

Der Start: Gislason standen damit erneut jene 16 Spieler zur Verfügung, die bei der klaren Niederlage gegen Europameister Spanien an ihre Grenzen gekommen waren. Aber immerhin, es gab nach den vielen Wechsel der Vortage nun ein Gerüst. Und die deutschen Spieler rafften sich auf, die Abwehr war sehr beweglich, Johannes Golla positionierte sich clever am Kreis und kam direkt zu zwei schnellen Toren.

Das Problem: Doch man merkte auch, wie hart die DHB-Auswahl um jedes einzelne Tor kämpfen musste, wie sehr die eingespielten Abläufe im Umschaltspiel in die Offensive fehlten. Aus dem Rückraum entstand kaum Druck, und für knapp acht Minuten blieb die deutsche Mannschaft sogar ganz ohne eigenes Tor. »Der Angriff ist unser Problem«, rief der Bundestrainer während einer Auszeit. Es war Schwerstarbeit. 12:14 lautete der Pausenstand.

Ihn bekam die Abwehr gut in den Griff: Sander Sagosen

Ihn bekam die Abwehr gut in den Griff: Sander Sagosen

Foto: VLADIMIR SIMICEK / AFP

Nur ein Schatten: Sander Sagosen ist das Gesicht des norwegischen Aufschwungs im Handball, er war bei vergangenen Turnieren der überragende Spieler, als Passgeber, Torschütze und Antreiber. Nun sah man, wie der 26-Jährige mehrere schwache Würfe in Richtung Johannes Bitter abgab und technische Fehler beging, die man von ihm nicht kennt. Nur knapp 60 Prozent seiner Chancen vollstreckt der Angreifer bei dieser EM – ein äußerst schwacher Wert. Trainer Christian Berge ließ ihn gegen Deutschland immer wieder mal auf der Bank schmoren.

Die zweite Hälfte: Und die Norweger konnten das Formtief ihres Superstars Sagosen verkraften, zumal Trainer Berge noch keinen einzigen Coronafall in seinem Team zu beklagen hatte (Norwegen bildet damit eine Ausnahme bei dieser EM, die bereits über 110 Coronafälle in den 24 Teilnehmer-Kadern vermelden musste). Das eingespielte Norwegen hielt das Tempo hoch. Wenn Deutschland traf, kam rasch die Antwort – der norwegische Erfolg geriet nicht mehr in Gefahr.

Kehrt noch jemand zurück?: Gegen Schweden könnten sich mehrere aus dem Lager der infizierten Spieler beim DHB freitesten, da ihre Mindestisolation von fünf Tagen ablaufen würde. Die Voraussetzung sind dafür zwei negative PCR-Tests an zwei aufeinanderfolgenden Tagen und eine Freigabe auf Basis einer sportmedizinischen und kardiologischen Untersuchung. Noch aber deutet sich kein Comeback an, auch die Rückkehr von Kühn gegen Norwegen musste verschoben werden.

Ausblick: Es wird jedenfalls nicht einfacher für die deutsche Mannschaft. Der nächste Gegner Schweden (Sonntag, 18 Uhr) hatte zuvor beim Kantersieg gegen Polen eine überragende Leistung gezeigt, der letzte Gegner Russland (Dienstag, 18 Uhr) verlor in einem dramatischen Spiel gegen Spanien mit nur einem Treffer. Für den Einzug in das Halbfinale müssten die deutschen Handballer in ihrer Gruppe mindestens den zweiten Platz belegen.

Zitat des Spiels: »Ich bin kein Rechenkönig«, sagte Philipp Weber im Anschluss zu den noch ausstehenden Spielen und Halbfinalchancen. Er wolle sich gar nicht weiter damit beschäftigen, er freue sich erst einmal auf Samstag – dann nämlich wollen die Handballer erstmals seit einigen Tagen wieder eine Übungseinheit auf der Platte absolvieren. Keine Onlinesitzung, echtes Training. Es ist die Sehnsucht nach Normalität.