Coronageplagte Handballer verlieren gegen Spanien Auf der letzten Rille

Der Widerstand der angeschlagenen deutschen Handballer hielt – nicht lang genug. Gegen Spanien kassierte die Notauswahl ihre erste EM-Niederlage. Auch ein einzigartiger Sprint half nicht.
Toptalent Köster hat gegen die spanischen Superstars keine Chance

Toptalent Köster hat gegen die spanischen Superstars keine Chance

Foto: VLADIMIR SIMICEK / AFP

Die Hoffnung: Die Topnationen im Handball haben ihre Spielzüge über Jahre einstudiert. Deutschlands Bundestrainer Alfred Gíslason blieben nach den zwölf Coronafällen nur ein paar Trainingseinheiten (teilweise sogar auf freiwilliger Basis wegen der Infektionsgefahr), um das deutsche C-Team spielfähig für das EM-Duell gegen Europameister Spanien zu bekommen. Trotz oder wegen aller Umstände sagte Kapitän Johannes Golla vor dem Spiel: »Ich habe die große Hoffnung, dass wir von diesem Zusammenhalt als Team in den nächsten Jahren profitieren.«

Szene des Spiels: Erstaunlich war daher die Szene in der zwölften Minute, als der aus Berlin nachnominierte Fabian Wiede und Youngster Julian Köster die Spanier mit schnellen Ballwechseln durcheinanderbrachten und schließlich Wiede mit perfekter Übersicht zu Simon Ernst an den Kreis passte. Als hätten sie jahrelang zusammengespielt. Der Treffer zum zwischenzeitlichen 6:6 ging als Traumtor durch.

Ergebnis des Spiels: Aber der Gegner war eben Spanien, eine Macht im Handball. Die DHB-Auswahl hat am Ende ihr erstes von vier Spielen in der Hauptrunde deutlich verloren – 23:29. Lesen Sie hier den Spielbericht.

Anschwitzen: Neun Treffer hatte Christoph Steinert beim souveränen Sieg gegen Polen am Dienstag erzielt. Am Tag danach folgte dann auch beim 32-Jährigen ein positiver Coronatest – offenbar äußerst schwach positiv. Kurz vor Anwurf gegen Spanien gab der DHB bekannt, dass der Rückraumspieler vom HC Erlangen inzwischen mehrfach negativ getestet worden sei. Seine Spielfreigabe stand so kurzfristig fest, dass Steinert nicht mehr mit dem Team per Bus in die Halle kommen konnte. Er soll laut DHB zu Fuß vom Mannschaftshotel zur Spielhalle in Bratislava gerannt sein, mitsamt seiner Tasche auf dem Rücken.

Die erste Hälfte: Mit Golla stand noch ein Spieler zu Beginn auf der Platte, der vor einer Woche ganz sicher als Startspieler eingeplant gewesen wäre. Der Rest: nachnominierte wie Torwartoldie Johannes Bitter, Talente wie Köster. Improvisieren ist inzwischen die Hauptaufgabe von Gíslason, schnell zusammenfinden die seiner Handballer. Die DHB-Auswahl bestand die bislang härteste Prüfung bei dieser EM – gegen das von Corona bisher fast verschonte Spanien  – lange gut. Erst Richtung Pausenpfiff häuften sich Fehler, die Angriffe verloren an Übersicht, ein 12:14-Rückstand war die Folge.

Das Supertalent: Er gilt als der Florian Wirtz des Handballs. Wie der ähnlich junge Fußballer Wirtz, 18, hat der Handballer Köster, 21, seine Jugendzeit in der Leverkusener Gegend verbracht, beide gingen auf dieselbe Schule, und, kurios, die erste Handballtrainerin von Köster war die Mutter von Wirtz. Gegen Spanien war der junge Köster, ein Hüne in der Abwehr, ein Vollstrecker in der Offensive, bereits einer der Hoffnungsträger. Natürlich ist das zu viel verlangt für einen talentierten Zweitligaprofi, der noch am Anfang seiner Karriere steht. Vor allem gegen diesen Gegner.

Die zweite Hälfte: Der Widerstand brach nun endgültig, es wurde deutlich. Spanien spielte all seine Klasse und Erfahrung gegen die geschwächte deutsche Auswahl aus. Sie fuhr nun auf der letzten Rille – und war chancenlos.

Die Nummer eins: Spaniens Torwart Vargas

Die Nummer eins: Spaniens Torwart Vargas

Foto: Marijan Murat / dpa

Die spanische Katze: Mit seinen 1,89 Metern ist Gonzalo Pérez de Vargas beinahe etwas klein im Vergleich zu anderen Spitzenkeepern. Doch das hindert den spanischen Schlussmann nicht daran, immer wieder als einer der überragenden Spieler hervorzugehen. Überall bekommt er seine Finger noch dazwischen, seine Reflexe sind einzigartig – eine Katze. Gegen die DHB-Auswahl raubte der zweimalige Europameister vom FC Barcelona spätestens ab der zweiten Hälfte jede Hoffnung.

Ist ein Turnierrückzug noch eine Option? Sollte es in den nächsten Tagen zu weiteren Fällen in der DHB-Auswahl kommen, könnte ein Ausstieg aus der EM erneut diskutiert werden. Bisher haben DHB und die deutsche Liga diesen aber ausgeschlossen. Der infizierte Timo Kastening schrieb in einem Gastbeitrag für den SPIEGEL über die Isolation, und er sagte, dass die Mannschaft die EM fortsetzen möchte.

Ausblick: In den nächsten Tagen könnten die ersten Infizierten ins DHB-Team zurückkehren – theoretisch. Der erste Coronafall im Team, Julius Kühn, hätte sich bereits für das Spanienspiel freitesten können. Laut DHB ist er symptomfrei. Doch seine PCR-Tests waren weiter positiv, am späteren Donnerstagabend wurde aber bekannt, dass nun ein negativer Test vorliegen soll. Für das Norwegenspiel am Freitag (20.30 Uhr) könnte er zur Verfügung stehen, wenn er ein zweites Mal negativ getestet wird und den Medizincheck besteht.

Ausblick II: Die deutschen Handballer müssten mindestens den zweiten Platz in ihrer Hauptrundengruppe belegen, um sich den Traum vom Halbfinale zu erfüllen. Auch die kommenden Gegner, Norwegen, Schweden und Russland, sind in der aktuellen Lage stärker einzuschätzen. Die norwegischen Handballer sind es allein schon aus dem Grund, weil sie noch keinen einzigen Coronafall zu beklagen hatten.

Zitat des Spiels: »Ich hatte alle Gefühle dieser Welt«, sagte der doch nicht coronapositive Steinert zur Nachricht, dass er doch auflaufen durfte. »Ich habe mir eine Hose angezogen und bin losgesprintet.« Die gute Laune ist noch da.