Deutschland bei Handball-EM Sie hatten nie eine Chance

Die deutschen Handballer kämpften bei der EM mit Corona – am Ende waren zwölf Ausfälle zu viel. Gegen Schweden bäumte sich das Team auf, doch es fehlte die Kraft für das Halbfinale.
Torwart-Routinier Johannes Bitter

Torwart-Routinier Johannes Bitter

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RADOVAN STOKLASA / REUTERS

Urlauber werden nicht Europameister: Viele Jahre hielt sich die Legende, Dänemarks Fußballer seien 1992 direkt aus dem Urlaub ins Turnier eingestiegen und krönten sich trotzdem zu Europameistern. Mittlerweile weiß man: Ganz so lief es dann doch nicht. Was das mit den deutschen Handballern zu tun hat? Wegen der vielen Corona-Ausfälle musste Bundestrainer Alfred Gíslason Spieler nachnominieren, die kurz zuvor noch im Urlaub waren. Wie Paul Drux von den Füchsen Berlin. »Ich hatte im Dezember eine Coronainfektion«, sagte Drux nach dem dritten EM-Hauptrundenspiel gegen Vize-Weltmeister Schweden. »Danach habe ich zwei, drei Spiele im Verein gemacht und dann war ich im Urlaub. Hier konnten wir auch nicht trainieren, dann ist es schwierig.« Der kraftlose Drux kam auf drei Treffer.

Das Ergebnis: Unter diesen Umständen zeigte die deutsche Handball-Nationalmannschaft eine ansprechende Leistung, verlor aber gegen am Ende routiniertere Schweden 21:25 (10:12). Damit verpasst die DHB-Auswahl den Einzug ins EM-Halbfinale.

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Neues von der Corona-Front: Wichtig ist auf der Platte. Diese etwas abgewandelte Fußball-Phrase hat eigentlich auch im Handball Bestand, doch diese Europameisterschaft wird eben nicht nur sportlich entschieden. Das DHB-Team wurde von einer beispiellosen Coronawelle getroffen, mittlerweile sind zwölf Spieler betroffen, nachdem am Samstag Sebastian Firnhaber und Christoph Steinert positiv getestet wurden. Mit Luca Witzke und Lukas Mertens sind mittlerweile die ersten beiden Profis nach Deutschland zurückgereist.

Zweite Liga, EM, Atemnot: Hendrik Wagner wechselt zur kommenden Saison in die Bundesliga zur HSG Wetzlar, derzeit spielt er noch unterklassig bei den Eulen Ludwigshafen. Als der 24-Jährige vor einer Woche für Julius Kühn nachnominiert wurde, nahm das Corona-Drama für die DHB-Auswahl seinen Lauf. Am Tag darauf wurde auch Wagner positiv getestet, sein EM-Traum war noch vor dem ersten Einsatz wieder vorbei. Gegen Schweden kehrte der freigetestete Wagner in den Kader zurück, in der 17. Minute erzielte er sein erstes Tor. Doch dann saß er schnell wieder auf der Bank. »Wagner kommt aus der Isolation und sagt nach dem dritten Angriff, dass er keine Luft mehr bekommt«, sagte Gíslason nach dem Spiel in der ARD. Deshalb wird im letzten Gruppenspiel gegen Russland am Dienstag kein weiterer Spieler aus der Quarantäne zurückkehren. »Das ergibt keinen Sinn«, sagte Gíslason.

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Die Abwehr überzeugt: Es lief wie in den beiden Partien gegen Spanien und Norwegen. Deutschland hielt in der ersten Hälfte gut mit, leistete sich zwar zu viele Fehlwürfe in der Offensive, ließ den favorisierten Gegner jedoch nicht enteilen. Erneut ging es mit einem Zwei-Tore-Rückstand in die Pause, was vor allem an der konsequenten Arbeit in der Abwehr lag.

Zweite Liga, EM, Spielmacher: »Viele haben mich für verrückt erklärt, doch jetzt sollten alle Kritiker verstummt sein«, hatte Gíslason im Laufe des Turniers zu seiner überraschenden Nominierung von Julian Köster gesagt. Ganz ohne Coronanot hatte der Isländer mit Köster schon einen Zweitliga-Profi in seinen Kader geholt. Und spätestens seit der 21-Jährige gegen Polen zum Spieler des Spiels ausgezeichnet wurde, ist sein herausragendes Talent kein Geheimnis mehr. Gegen Schweden legte Köster nach, mit vier Toren war er bester Werfer und lenkte das Angriffsspiel über weite Strecken mit viel Übersicht. Köster spielt in Gummersbach, vieles spricht dafür, dass er mit dem Traditionsklub unter Trainer Gudjon Valur Sigurdsson in die Bundesliga aufsteigen wird. Stellt sich nur die Frage, wie lange er tatsächlich beim VfL bleiben wird.

Die Krux mit den leichten Ballverlusten: Anders als gegen Spanien und Norwegen, als der Rückstand zu Beginn der zweiten Hälfte jeweils sofort größer wurde, hielt die DHB-Auswahl weiter mit und glich aus. Es wäre gar noch mehr drin gewesen, auch weil die Schweden ihren Leader Jim Gottfridsson lange schonten. Doch es folgten zu viele einfache Ballverluste. »Das hat mich tierisch geärgert«, sagte Gíslason in der ARD. »Wir werfen vier Bälle in der ersten Welle weg, die wir gerade erst in der Abwehr gewonnen hatten. Das ist unglaublich bitter, weil wir uns unserer eigenen Arbeit berauben.« Was als Spielfazit gedacht war, könnte aus deutscher Sicht auch über der gesamten EM stehen.