Handball-Sieg über Österreich Ein Spiel für den Trainer

Mit dem EM-Aus der deutschen Handballer sind kritische Stimmen gegen den Trainer wieder lauter geworden. Der reagiert enttäuscht - und die Mannschaft mit einer deutlichen Botschaft.
Aus Wien berichtet Jan Göbel
Christian Prokop hat auch das Recht, mal zu jubeln

Christian Prokop hat auch das Recht, mal zu jubeln

Foto: Robert Michael/ dpa

Christian Prokop musste ihm nur kurz zunicken, zwischen ihnen fiel kein Wort, aber Johannes Bitter verstand sofort. Er zog sich schnell die Trainingsjacke aus, dann betrat er bereits die Platte der Wiener Stadthalle, um Andreas Wolff im Tor abzulösen. Das war Mitte der ersten Hälfte, 9:9 stand es zu diesem Zeitpunkt im EM-Spiel gegen Gastgeber Österreich. Danach zogen die deutschen Handballer immer weiter davon.

Prokop und Bitter sollten die prägenden Gesichter dieses Abends werden. Nur war die Rollenverteilung ganz verschieden. Über Bitter und den zweitberühmtesten Jogi der Republik sagte Teamkollege Julius Kühn später: "Jogi hat den Ösis den Zahn gezogen." Bitter hatte beim 34:22 (16:13)-Kantersieg der deutschen Handballer 15 von 28 Würfen abgewehrt, das ergibt eine überragende Abwehrquote von 54 Prozent. "Einfach fantastisch", sagte der Bundestrainer. Bitter wurde mit minutenlangen Sprechchören gefeiert und als Spieler des Spiels ausgezeichnet, im Leben eines Sportlers sind solche Leistungen mit 37 Jahren schon außergewöhnlich.

"Wir freuen uns sehr über diesen Sieg", sagte Bitter nüchtern, allerdings mit dem berühmten Grinsen eines Honigkuchenpferdes im Gesicht.

Aber es sollte nicht allein der Abend des Torhüters werden, was angesichts seiner Leistung eigentlich schon außergewöhnlich genug ist. Aber noch außergewöhnlicher, weil die deutschen Handballer selbst mit einem Sieg nicht mehr das Halbfinale erreichen konnten. Es ging gegen Österreich zwar um einen guten Eindruck, aber nicht mehr um Titelträume. Es war also etwas vorgefallen: Mit einer offenen Fragestellung hatte der DHB-Vizepräsident Bob Hanning das Scheinwerferlicht wieder angeschmissen, und er hatte es nach der dramatischen Niederlage gegen Kroatien auf das Team und Christian Prokop gelenkt.

Cliffhanger am Ende einer Daily Soap

"Was macht diese Mannschaft mit ihrem Trainer?" wurde Hanning vor dem Spiel in der "Süddeutschen Zeitung" zitiert . "Österreich in Österreich ist der beste Gegner, um alle Fragen zu beantworten." Es hat etwas vom Cliffhanger am Ende einer Daily Soap, als würde Hanning die Spannung hochhalten wollen - für Zuschauer, Trainer und Mannschaft. Schnell war daraus in anderen Medien eine Trainerdiskussion gemacht worden. Die "Welt" schrieb, Hanning rücke von Prokop ab.

"Ich war nachdenklich und unruhig. Es ist nicht leicht, dann zu coachen", sagte ein erleichterter, aber auch getroffen wirkender Bundestrainer nach dem Erfolg gegen Österreich. Er habe die Debatten nicht aktiv verfolgt, aber: "Ich habe Nachrichten von Freunden bekommen, die wollten natürlich wissen, was los ist. Ich finde das Thema überflüssig", sagte Prokop.

Die Mannschaft ließ später auch keinen Spalt zwischen Trainer und Team aufkommen. "Ich denke, dass die Mannschaft den Trainer behalten will, wenn sie mit zwölf Toren gewinnt", sagte Torhüter Wolff, und er sagte, er glaube nicht, dass Hanning tatsächlich eine Trainerdiskussion in Gang setzen wollte: "Bob wollte uns kitzeln. Das hat geklappt." Kapitän Uwe Gensheimer sagte: "Ich kann nicht verstehen, dass Druck auf den Trainer ausgeübt wird." Jede Diskussion sei "Quatsch".

Druck gehört jedoch zum Profigeschäft, und die Handballer hatten es sich in diesem Jahr selbst etwas schwerer gemacht: Sie waren mit dem Ziel Halbfinale ins Turnier gestartet; aber es war früh klar, dass das aufgrund verletzter Schlüsselspieler ein sehr ambitioniertes Vorhaben ist. "Ich wollte die Mannschaft mental nicht schwächen", sagte Prokop nun über die weiter hohe und unveränderte Zielsetzung, aber auch: "Das Halbfinale wäre eine Sensation gewesen." Aber man sei dicht dran gewesen.

Hanning über Experten-Kritik: "Jeder disqualifiziert sich so gut er kann"

Gegen das in diesem Turnier so starke Kroatien war das Team tatsächlich dicht dran. Vielleicht sogar zu dicht dran: Nach 38 Minuten hatte die deutsche Auswahl mit fünf Treffern in Führung gelegen. Doch am Ende reichte es nicht einmal für ein Unentschieden. Frühere Handballer meldeten sich nach dieser Niederlage mit den üblichen schnellen Diagnosen: Der Trainer sei schuld. "Schlechtes Coaching", hob der ehemalige Welthandballer Daniel Stephan als wesentlichen Grund für die Niederlage hervor. Prokop sei der falsche Bundestrainer. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch der enorme Qualitätsunterschied zwischen Deutschland und Kroatien im Rückraum. Hanning sagte zur Stephan-Kritik: "Jeder disqualifiziert sich so gut er kann."

Bisher verläuft die Amtszeit des Bundestrainers in Wellen. 2018 begann sie mit einer desaströsen Europameisterschaft, mit einem offenen Bruch und nach außen getragenem Zwist zwischen Team und Trainer. Doch der damals erst 39 Jahre alte Prokop gelobte Besserung, er durfte bleiben, und es wurde auch besser. Vor den Augen der vielen deutschen Fans bei der Heim-WM 2019 hatten sich Team und Trainer zusammengerauft, man holte den vierten Platz. Das war zwar keine Sensation, aber es entsprach den Erwartungen der DHB-Spitze. Nun blieb man mit dem Hauptrunden-Aus hinter den selbst gesteckten Erwartungen zurück, aber angesichts der angespannten Personallage musste man selbst das irgendwie erwarten.

Was in der Zeit von Christian Prokop bisher fehlt, ist etwas Unerwartetes. Ein nicht eingeplanter Erfolg. Deswegen ist er aber kein schlechter Trainer. Dass er die Idealbesetzung ist, bedeutet das jedoch auch nicht.

Zwei Spiele muss das Team noch bei dieser EM bestreiten: Am Mittwoch wartet zum Ende der Hauptrunde Tschechien. Dann geht es weiter mit dem Flugzeug nach Stockholm, wo am Samstag das Spiel um den fünften Platz ausgetragen wird. Auch in diesen Spielen geht es nicht um Ruhm, aber um den Eindruck, den die deutschen Handballer und ihr Trainer hinterlassen wollen.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.