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Handball-Nationaltorwart Andreas Wolff Polen war seine Rettung

Andreas Wolff führte Deutschland zum Handball-Europameistertitel. Doch dann geriet er in die Krise. Also traf er eine ungewöhnliche Entscheidung.
aus DER SPIEGEL 2/2020
Andreas Wolff, 1,98 Meter groß, 110 Kilogramm schwer, ist Deutschlands Handballtorwart Nummer eins

Andreas Wolff, 1,98 Meter groß, 110 Kilogramm schwer, ist Deutschlands Handballtorwart Nummer eins

Foto: MARIA FECK / LAIF

Zunächst sei er sehr irritiert gewesen, sagt Andreas Wolff: "Ich habe mich gefragt, ob ich vielleicht etwas falsch verstanden habe." Es war eine Situation während der Saisonvorbereitung. Sein Trainer hatte die Handballmannschaft nach einer Übungseinheit zusammengerufen und ein paar Worte an die Spieler gerichtet, auf Polnisch, in der Sprache, die Wolff gerade erst zu lernen begonnen hatte. Dann sei sein Name gefallen: Andi.

Seit diesem Tag Anfang August bekleidet Wolff, 28, das Kapitänsamt beim polnischen Topklub PGE Vive Kielce. Der Neuzugang aus Deutschland, der zu dem Zeitpunkt erst wenige Wochen lang Teil des Teams war und noch nicht mal sein neues Zuhause bezogen hatte, war zum Anführer auserkoren worden. "Es hat mich sehr überrascht", sagt Wolff.

Eigentlich sollte die Entscheidung nicht verwundern. Andreas Wolff, 1,98 Meter groß, 110 Kilogramm schwer, ist Deutschlands Handballtorwart Nummer eins, einer der Besten der Welt. Doch der Sportler Wolff hat auch ein Problem. Der Mann mit Vollbart und Holzfälleroberarmen ist ein sensibler Zeitgenosse.

Für Wolff glich die Beförderung zum Kapitän einer Schocktherapie. Schließlich hatte er beinahe vergessen, wie es sich anfühlt: Verantwortung zu tragen. Gebraucht zu werden. Unentbehrlich zu sein. Drei Jahre lang hatte er zuvor beim THW Kiel verbracht, dem FC Bayern des Handballs – und häufig nur auf der Bank gesessen.

Der Weltklassespieler haderte mit sich selbst, stürzte in ein Leistungstief und wollte irgendwann nur noch weg aus Kiel. Nun aber holt er sich sein Selbstvertrauen im Südosten Polens zurück. Parade für Parade, Spiel für Spiel.

Davon soll auch die deutsche Nationalmannschaft profitieren. Am 9. Januar beginnt in Österreich, Schweden und Norwegen die Europameisterschaft. Der Deutsche Handballbund visiert das Halbfinale an, doch eine gute Platzierung hängt auch maßgeblich von Wolffs Leistung ab. "Ohne einen starken Andi Wolff", sagt Nationaltrainer Christian Prokop, "spielen wir um die Plätze fünf bis acht."

Schon einmal hat Wolff die deutsche Mannschaft durch ein Turnier getragen: 2016, bei der EM in Polen. Wolff, damals ein weitgehend unbekannter Torwart im hessischen Wetzlar, war überraschend in den Kader berufen worden, die Fachzeitschrift "Handballwoche" schrieb von einer "Sensation".

Er brillierte, hielt schier unhaltbare Bälle, war in mehreren Spielen der Garant für den deutschen Erfolg. Innerhalb von zwei Wochen katapultierte sich der junge Mann aus Euskirchen ins internationale Rampenlicht.

Das Endspiel verfolgten 13 Millionen Menschen in der ARD, Deutschland war vor der EM nur als Außenseiter gehandelt worden, triumphierte aber mit 24:17 gegen Spanien. Wolff gelang eine Fangquote von 48 Prozent, er wurde zum besten Torhüter des Turniers gewählt. Im Fernsehen verbeugte sich der ehemalige Nationalspieler Stefan Kretzschmar demonstrativ vor Wolff. "Von dem werden wir demnächst so viel lesen", kommentierte Kretzschmar.

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