Deutsche Handballer nach WM-Aus in Ägypten Das war nix. Also auf zu Gold!

Trotz frühem WM-Aus erinnert der DHB seine Handballer schon an das nächste Ziel: Die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen soll es sein. Dabei wäre weniger großspurig wohl der bessere Weg.
Eine Analyse von Jan Göbel
Philipp Weber spielte sich auf der Rückraumposition in den Vordergrund

Philipp Weber spielte sich auf der Rückraumposition in den Vordergrund

Foto: Sascha Klahn / dpa

Für die deutschen Handballer endet die Weltmeisterschaft in Ägypten mit einer guten Nachricht. Und mit einer Ansage.

Zuerst die gute Nachricht: Das Hauptrundenspiel gegen Polen wird das letzte für die DHB-Auswahl sein, anschließend wartet kein Platzierungsspiel mehr, in dem noch einmal die Knochen für den neunten oder zehnten Platz hingehalten werden müssen, so wie es das bei früheren Handballturnieren gegeben hat. Diese Runde ist abgeschafft worden. Brasilien am Samstag war bereits ein Spiel ohne Chance auf den Viertelfinaleinzug. Am Abend folgt das nächste gegen Polen (20.30 Uhr; TV: ARD). Aber danach ist wirklich Schluss.

Und nun zur Ansage, mit der die WM endet: Der Deutsche Handballbund hat in den Tagen nach dem WM-Aus schon einmal den Fokus auf die Olympischen Spiele in Japan gelenkt. In Tokio will – sofern die Spiele überhaupt stattfinden können – der DHB nichts Geringeres als die Goldmedaille von seiner Mannschaft sehen.

»Bei der Ausgeglichenheit der Weltspitze und den Reserven, die wir noch haben an Spielern, halte ich das für ein realistisches Ziel«, sagte nun DHB-Präsident Andreas Michelmann, der bei der WM in Ägypten das Viertelfinale vorausgesetzt hatte, und schon dieses Ziel war für das ersatzgeschwächte Team nicht zu leisten. Auch Vizechef Bob Hanning hält an der Olympia-Vorgabe fest. Er hatte Olympiagold in Tokio bereits 2013 als Ziel ausgegeben. Die Medaille soll auch für den Funktionär ein letzter Triumph werden, dessen Amtszeit im Präsidium beim DHB in diesem Jahr endet.

Noch nicht einmal für Olympia qualifiziert

Noch bleiben knapp sechs Monate bis zu den Sommerspielen und die Gegenwart sieht so aus: Nach dem vorzeitigen Aus bei der EM im Vorjahr ist die deutsche Mannschaft nun zum zweiten Mal in Folge bei einem großen Turnier bereits in der Hauptrunde gescheitert. Nach Bronze in Rio 2016 konnte sie bei keinem der folgenden Großturniere eine Medaille gewinnen. Der Anspruch ist hoch, die Ergebnisse sind dünn.

Und für die Olympischen Spiele, bei denen es Gold geben soll, ist der DHB noch nicht einmal qualifiziert. Dafür muss sich die Auswahl erst bei einem Qualifikationsturnier im März beweisen, dort warten unter anderem Schweden und Slowenien, also keine Leichtgewichte, wie es vielleicht Uruguay im WM-Auftaktspiel gewesen ist.

Der DHB und sein ehrgeiziges Olympia-Ziel erinnern an ein großes Bauprojekt. Das Dach soll bald aufgesetzt werden, aber der Beton im Fundament ist brüchig geworden. Seit dem Spatenstich 2013 gab es gerade in letzter Zeit zu viele Rückschläge. Nach der EM 2020 zum Beispiel tauschte man den Bauleiter aus: Trainer Christian Prokop musste gehen. Frühere Handballer kritisierten immer wieder, dass Prokop enge Spiele nicht entscheiden könne, in Auszeiten sei er nicht emotional genug und zu akademisch gewesen.

Der lehrerhafte Prokop war ein einfaches Ziel. Er war in seiner Art analytisch, vielleicht etwas verkopft, in der deutschen Handballwelt hatte man einen wie ihn auf höchster Stufe bisher nicht gesehen. Er war kein Heiner Brand, kein Menschenfänger und keiner, der Sprüche klopft. Am Ende hatte er keine Lobby.

Zwischenerfolge wie der vierte Platz bei der Heim-WM 2019 reichten nicht mehr als Argument für Prokop. Der DHB sah nach der eigentlich soliden EM 2020 sein Olympia-Ziel in Gefahr und rückte vom Trainer ab. Aber die Diskussionen um Prokop verhinderten auch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Leistungsstand der DHB-Auswahl.

Kleine Erfolge, zu große Schritte

Nun, in Ägypten, mit dem Routinier Alfred Gíslason an der Seitenlinie, gab es keine Trainerdiskussion. Diesmal aber wird auf die Vielzahl an Absagen hingewiesen. Fakt ist, dass in der Breite keine andere Nation auf so viele Stammkräfte verzichten musste wie Deutschland. Die Abwehrchefs Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler hatten wegen der Corona-Pandemie abgesagt, und ihr Fehlen wurde in den entscheidenden Spielen gegen Ungarn und Spanien deutlich. Dem Team fehlte Routine, und erfahrene Kräfte wie Andreas Wolff oder Uwe Gensheimer enttäuschten.

Alle in Topform und alle an Bord – die WM wäre sicher besser verlaufen. Aber Sport ist auch kein hätte, wäre, wenn. Und irgendwas ist immer beim DHB. Nur die Erkenntnis, dass Spanien, Dänemark oder Norwegen viel konstanter und in einer anderen Liga spielen und die deutsche Nationalmannschaft derzeit nicht zu dieser Weltspitze zählt, hat man noch nicht vom DHB gehört. Ungarn, das sich vor Deutschland das Viertelfinale gesichert hat, gehörte bislang nicht einmal zu dieser Weltspitze. Jetzt müsste die DHB-Auswahl erst einmal den Anschluss an Länder wie Ungarn halten.

Die WM in Ägypten wäre eigentlich ein guter Zeitpunkt gewesen, um sich mit kleineren Schritten zufriedenzugeben. Hoffnungsvolle Nachwuchsstars wie Johannes Golla und Juri Knorr haben in den wichtigen Spielen zwar nur gute Ansätze gezeigt, aber die sind viel wert, die Spieler haben ihre ersten WM-Minuten gesammelt und gute Chancen, einmal Säulen im DHB-Team zu werden. Sie sind Teil eines Entwicklungsprozesses, der Zeit benötigt. Und zu dem Misserfolge gehören. Aber er kann gut werden, wenn man sich Zeit und Ruhe gibt.

Im Jahr 2013 mag die olympische Goldmedaille noch wie ein erreichbares Ziel gewirkt haben, 2016 wurden die deutschen Handballer auch Europameister. Jetzt aber wirkt diese Vorgabe nur noch wie ein flotter Spruch, der vielleicht Aufmerksamkeit bringt. Das Ziel scheint ein viel zu großer nächster Schritt zu sein, der unnötig auf dem Team lastet.

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