Handballer verlieren gegen Norwegen Fünf Minuten fehlen zur Weltspitze

Bei der ersten WM-Niederlage gegen Norwegen haben die deutschen Handballer gezeigt, was ihnen noch auf dem Weg zurück zur Weltspitze fehlt. Begeistert hat das Team dennoch – auch Lukas Podolski schwärmt.
Juri Knorr verfolgt die Schlussminuten gegen Norwegen

Juri Knorr verfolgt die Schlussminuten gegen Norwegen

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IMAGO/Tilo Wiedensohler / IMAGO/camera4+

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Szene des Spiels: Juri Knorr saß kopfschüttelnd auf der Bank. Er war wütend. Sekunden zuvor war der deutsche Handball-Spielmacher bei einem Angriff mit einem norwegischen Verteidiger zusammengestoßen. Die Schiedsrichter entschieden auf Stürmerfoul, doch der Norweger war aus der Deckung gekommen und in Knorr gerannt. In jedem Fall ging der Ball beim Stand von 25:25 in der 55. Minute an Norwegen. Es war eine äußerst umstrittene Entscheidung, die zum Knackpunkt der Partie wurde. Fast vier Minuten blieb die DHB-Auswahl danach ohne eigenen Treffer.

Die Folge: Norwegen nutzte die Unruhe im deutschen Team und zeigte in den letzten fünf Minuten, warum es zu den besten Mannschaften der Welt gehört. Norwegen war im letzten Hauptrundenspiel der Weltmeisterschaft in Polen und Schweden nun abgezockter. Am Ende hieß es 28:26 für den Vizeweltmeister von 2017 und 2019. Die deutschen Handballer haben erstmals bei dieser WM verloren. Hier geht es zum Spielbericht.

So geht es weiter: Zwar waren beide Teams bereits vor Anwurf für das Viertelfinale qualifiziert, allerdings zieht Norwegen nun als Gruppenerster in die nächste Runde ein und trifft dort auf Spanien. Ein Gegner, den sich auch Nationaltrainer Alfred Gíslason gewünscht hätte, wie er später sagte. Spanien gehört zwar ebenfalls zu den Topteams im internationalen Handball, befindet sich aber im Umbruch. Nun bekommt es die DHB-Auswahl mit einem anderen Gegner zu tun: Am Mittwoch wartet Rekordweltmeister Frankreich.

Volle Kraft voraus: Alle zwei Tage findet ein Spiel statt, eine Handball-WM ist ein wahrer Kraftakt, und beide Teams hatten das Viertelfinale sicher. Man hätte also einen ruhigen Abend erwarten dürfen, zwei Mannschaften, die sich vor dem Viertelfinale am Mittwoch ein wenig schonen wollen. Dazu kam es nicht. In der ersten Hälfte boten Norwegen und Deutschland ein imposantes Angriffsspiel, allein 34 Treffer fielen in den ersten 30 Minuten. In der zweiten Hälfte standen die Torhüter im Mittelpunkt, jeder Treffer wurde hart erarbeitet. Die Partie fand auf hohem Niveau statt.

Sprechchöre für den »Typen«: »Andi, Andi«, hallte es durch die Halle im polnischen Katowice. Zwar hatte Deutschlands Nummer eins einen schweren Stand gegen die norwegischen Angreifer, doch bei den Siebenmetern war Andreas »Andi« Wolff kaum zu bezwingen. Zweimal hatte Wolff in der ersten Halbzeit gegen die norwegischen Schützen parieren können und damit die Fans zum Jubeln gebracht. Unter den Zuschauern war auch Lukas Podolski. Der Fußballprofi und ehemalige Nationalspieler steht derzeit in Polen bei Górnik Zabrze unter Vertrag. In der Halbzeitpause sagte er am ARD-Mikrofon: »Wolff ist als Typ überragend. Wie er die Bank mitreißt, wie er die Mitspieler mitreißt – solche Typen braucht man, nicht nur im Handball, sondern auch im Fußball.«

Mann des Spiels: Wolff zeigte eine starke Leistung und kam auf zehn Paraden. Norwegens Torhüter Torbjørn Bergerud konnte diese Zahl mit zwölf Paraden sogar noch toppen, und er hatte sich diese vor allem für die Schlussphase aufgehoben, in der sich Norwegen endgültig durchsetzte. Immer wieder war der ehemalige Flensburger mit Fuß, Arm oder einem anderen Körperteil am Ball – an ihm führte kein Weg vorbei. Es ist wohl nicht übertrieben, dieses Spiel als das Spiel des Lebens für Bergerud zu bezeichnen.

Norwegens Hexer Bergerud

Norwegens Hexer Bergerud

Foto: STIAN LYSBERG SOLUM / AFP

Selbstkritische Töne: »Natürlich tut diese Niederlage weh. Es nervt uns alle«, sagte Knorr nach der ersten Pleite bei dieser WM. Der deutsche Hoffnungsträger hatte wieder einmal stark gespielt und war an neun Treffern beteiligt. Doch diese guten Zahlen schienen ihn nicht aufmuntern zu können, er klang stattdessen selbstkritisch: »Jetzt wollen wir aber zeigen, dass wir Charakter haben. Wir stehen wieder auf.« Zu wenig Charakter konnte man dem DHB-Team nicht vorwerfen. Die Mannschaft hielt für 55 Minuten gegen ein Topteam mit und kratzte nach vielen Enttäuschungen in den vergangenen Jahren wieder an der Weltspitze. Einzig: In der Schlussphase ließ sie sich zu einfach von Schiedsrichterentscheidungen wie beim Pfiff gegen Knorr in der 55. Minute beirren. Die letzte Cleverness fehlt dem DHB-Team noch auf dem Weg zurück zum absoluten Topteam.

Ausblick: Die Gegner der DHB-Auswahl wurden von WM-Spiel zu WM-Spiel härter. Sie hat alle Hürden genommen, auch das Überraschungsteam aus den Niederlanden wurde zuletzt vom Platz gefegt. Nun fehlten gegen Norwegen fünf letzte starke Minuten, aber die WM ist nicht vorbei. Schon am Mittwoch gegen Frankreich können die deutschen Handballer zeigen, dass sie auch über die volle Spielzeit mithalten können. Dass sie auch in hitzigen Situationen ruhig bleiben. Klar ist: Frankreich hat mit Dika Mem den derzeit wohl besten Spieler in seinen Reihen. Leichter wird es für die DHB-Auswahl bei dieser WM nicht mehr.

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