Start der Handball-Bundesliga So hart war es noch nie

Nach sechsmonatiger Pause beginnt die neue Saison der Handball-Bundesliga mit vielen Problemen: einem brechend vollen Spielplan, überlasteten Profis und der Angst, dass Corona das Geschäftsmodell erneut bedroht.
Supercup-Spiel am Wochenende zwischen Kiel und Flensburg. Nun folgt eine Saison mit "Ungewissheit und wenig Planungssicherheit"

Supercup-Spiel am Wochenende zwischen Kiel und Flensburg. Nun folgt eine Saison mit "Ungewissheit und wenig Planungssicherheit"

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HORSTMUELLER GmbH / Schröder / imago images/Horstmüller

Am Anfang war Patrick Wiencek gar nicht so traurig über die Zwangspause in der deutschen Handball-Bundesliga (HBL). Endlich konnte der Kreisläufer des THW Kiel mehr Zeit mit der Familie verbringen, nahm im Juli sogar mehr als elf Kilo ab. Doch irgendwann hatte der deutsche Nationalspieler das Gefühl, dass es gern wieder losgehen dürfte. Nachdem die Liga abgebrochen und der THW zum Corona-Meister erklärt wurde, stand der Spielbetrieb fast sechs Monaten still.

Die neue Saison der Bundesliga startet am Abend unter anderem mit der Partie Magdeburg gegen den Bergischen HC (19 Uhr/TV: Sky). Für den HBL geht es um viel: Ihr Hygienekonzept, dass die Rückkehr der Teams und Teile der Fans erst ermöglicht hat, steht auf dem Prüfstand und damit ihr gesamtes Geschäftsmodell. Wiencek hat das erkannt: "Wir müssen zeigen, dass es den Handball noch gibt. Je länger wir verschwinden, desto schwieriger wird die Situation", sagt der Kreisläufer dem SPIEGEL.

Denn die Vereine sind von Kiel im Norden bis nach Balingen im Süden besonders stark auf Zuschauereinnahmen angewiesen. Von Klub zu Klubs variiert die Zahl zwischen 30 und 40 Prozent, welche die Zuschauereinnahmen zum Gesamtetats beitragen. Noch wichtiger sind nur die Sponsoringeinnahmen (durchschnittlich 62 Prozent). Im Vergleich dazu kassieren die Vereine - anders als im Fußball - nur einen Bruchteil ihrer Gesamteinnahmen durch TV-Gelder.

Kreisläufer Patrick Wiencek könnten bis Ende Januar knapp 40 Partien drohen

Kreisläufer Patrick Wiencek könnten bis Ende Januar knapp 40 Partien drohen

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Jörg Lühn / imago images / Holsteinoffice

Als sich die HBL-Klubs Ende April erstmals in der Bundesligageschichte auf einen Saisonabbruch einigten, löste das bis Ende Juni einen Umsatzschaden von geschätzten 25 Millionen Euro aus. "Nach dem Saisonabbruch sind uns die Einnahmen zu fast 100 Prozent weggebrochen, während unsere Ausgaben seit Monaten zu einem nicht unwesentlichen Teil weiterlaufen. Das kann nicht lange gut gehen", sagt Frank Bohmann dem SPIEGEL. Der HBL-Geschäftsführer ist besorgt, wie lange die Vereine, die ihre Spieler und Mitarbeiter wegen fehlender Einnahmen in Kurzarbeit schicken mussten, überhaupt durchhalten werden.

Bis zum Ligastart sollte keiner der Erstliga-Klubs finanziell auf der Strecke bleiben. Würde die neue Saison jedoch noch in der Hinrunde abgebrochen werden, würde die ganze Spielzeit annulliert werden, sagt Bohmann. Die Folgen könnten viele Klubs in die Insolvenzen führen.

Dass d­­­er Handball als erste Sportart nach dem Fußball in Deutschland nun wieder mit Zuschauern startet, hat für Bohmann eine Signalwirkung für den gesamten Sport. Dafür müssten unter anderem moderne Belüftungssysteme, herausgelöste Platzreihen und zusätzliches Ordnungspersonal ermöglicht werden. Und das ist teuer.

Einen sechsstelligen Betrag musste jeder Standort für die Umrüstung der Hallen ungefähr investieren. Die Rhein-Neckar Löwen werden ohne Zuschauer starten, weil bei ihnen die Zeit nicht ausreichte, um das Hygienekonzept anzupassen. Es sei genauso teuer, ein Heimspiel für 20 bis 25 Prozent der Zuschauer auszurichten wie für eine volle Halle, erklärt Geschäftsführerin der Löwen, Jennifer Kettemann, dem SPIEGEL.

Entscheidend wird es künftig sein, wie sich die Infektionszahlen in Deutschland entwickeln, und welche Auswirkungen dies dann auf die Klubs haben wird. Die HBL muss auch Konzepte entwickeln, um darauf reagieren zu können, wenn sich die Situation verschärft. "Wir streben an, alle 38 Spieltage mit insgesamt 380 Spielen durchzuführen. Wenn die Infektionszahlen steigen, müssen wir zwangsläufig über einen anderen realisierbaren Modus nachdenken", sagt Bohmann.

Bisher sind die Zuschauer nur auf Probe bis Ende Oktober in den Hallen zugelassen. Die HBL hofft, dass diese Testphase ohne Zwischenfälle verläuft, um dann bei der Politik für eine höhere Hallenauslastung werben zu können.

Terminstress vorprogrammiert

Daneben gibt es ein weiteres Thema, dass die HBL vor Probleme stellt: der prallvolle Terminkalender. Er heizt das ohnehin immer vorhandene Streitthema um die zu hohe Belastung der Spieler im Handball.

Nationalspieler Wiencek etwa könnte, wenn er mit Deutschland bei der WM im Januar bis ins Halbfinale vordringt - bis dahin durchschnittlich zehn Spiele pro Monat absolviert haben. Alle drei Tage ein Spiel würde das bedeuten. "Mein Körper kann schon viel aushalten, wenn er muss. Zehn Spiele im Monat müssen wir in Kauf nehmen, doch dann bin ich irgendwann auch ausgelaugt und das zeigt sich auf dem Spielfeld", sagt der 31-Jährige.

Einen Absteiger gab es in beiden Ligen nicht, weshalb in der kommenden Saison mit 20 statt mit 18 Mannschaften gespielt wird, was die Zahl der Partien noch einmal erhöht hat. Der Terminstress wird zusätzlich durch Wettbewerbe verstärkt, die aufgrund der Pandemie verschoben und nun nachgeholt werden müssen: die Finals in der Champions League und im DHB-Pokal sowie die Olympischen Spiele plus die Qualifikation dazu. Hinzu kommt noch die EM-Qualifikation. Und dann wartet im Herbst 2021 bereits die nächste Spielzeit. 

Wie lange geht das gut?

Mehr Spieler und mehr Wechsel

Um die Belastung zu kompensieren, änderte der Weltverband IHF für die Weltmeisterschaft in Ägypten das Reglement. Bundestrainer Alfred Gislason kann nun 20 statt 18 Spieler für das Turnier berufen und bis zu fünfmal nachnominieren. In der Bundesliga zählt bei Punktgleichheit von zwei oder mehr Teams nicht wie bisher das Torverhältnis, sondern der direkte Vergleich. Ein 30:29 ist dadurch ebenso viel wert wie ein 35:29. Die Torejagd muss nicht bis zur letzten Sekunde durchgehalten werden. Das entlastet die Spitzenspieler zumindest etwas.

Bohmann appelliert dabei an die Trainer, die gesamte Breite des Kaders zu nutzen. Es könne nicht im Interesse der Liga sein, wenn es am Ende zahlreiche verletzte Athleten gebe, sagt er. Allerdings bedeuten mehr Spieler auch mehr Ausgaben für die Klubs.

Für Jennifer Kettemann, die Geschäftsführerin der Rhein-Neckar Löwen, ist die neue Saison mit "Ungewissheit und wenig Planungssicherheit" verbunden. Sie sagt aber auch: "Wir wollen nicht jammern, sondern einfach nur spielen."

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