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MOTORRADRENNEN Hasardeur mit Babyface

Valentino Rossi beherrscht die Zweiradszene wie Michael Schumacher die Formel 1. Der Italiener bedient seine Kundschaft mit coolem Macho-Gehabe.
aus DER SPIEGEL 43/2001

Seiner Klientel präsentiert sich der Hänfling gern als ganzer Kerl. Vor dem Start krault sich der Motorrad-Rennfahrer Valentino Rossi, 22, ungeniert das Gemächt. Nach Siegen dreht der Italiener schon mal mit einer aufblasbaren Claudia-Schiffer-Puppe als Sozia eine Ehrenrunde.

Am vorvergangenen Sonntag, als Rossi im australischen Phillip Island vorzeitig Weltmeister in der Klasse bis 500 ccm wurde, beglückte er seinen Anhang abermals mit einer in Biker-Kreisen beliebten Ersatzhandlung. Dichter Rauch stand über der Rennstrecke, weil er beim so genannten Burn-out minutenlang das Hinterrad seiner Honda durchdrehen ließ.

Einlagen dieser Art gehören zur Show eines pubertierenden Pistenhelden, der neue Maßstäbe im internationalen Motorrad-Rennsport setzt. Bereits mit 18 Jahren war Rossi Weltmeister in der Klasse bis 125 Kubikzentimetern. 1999 holte er den Titel bei den 250ern. Mit seinem neuesten Erfolg geht Rossi nun sogar in die Historie ein: als jüngster Champion aller Klassen.

Die Fachwelt ist verblüfft und liegt dem knabenhaften Grande schier zu Füßen. Zum »Mozart des Motorradsports« kürte die französische Zeitung »l'Humanité« den Jungspund, weil der sein Arbeitsgerät so elegant wie kein anderer durch die Kurven lenkt. Selbst streng abwägende Vertreter der Branche, wie der emeritierte Vizeweltmeister Ralf Waldmann, schwärmen über die »fahrerische Reife« des Primus: »Er hat das perfekte Gefühl fürs Limit.«

Die Gabe basiert auf früher Prägung. Schon als Siebenjähriger fuhr der Sohn des dreifachen Grand-Prix-Siegers Graziano Rossi bei Minibike-Rennen der Konkurrenz davon. Später war er dann den Carabinieri in seiner Geburtsstadt Urbino ein Begriff, die ihn des Öfteren auf seinem frisierten Mofa jagten: »Aber sie haben mich nie erwischt.«

Seit Rossi nun den Profizirkus dominiert, nähert sich auch die Ehrerbietung für den Hasardeur mit Babyface dem Grenzbereich. Im rennsportfanatischen Italien erinnert die Hysterie bereits an die Zeiten des legendären Giacomo Agostini, der zwischen 1966 und 1975 acht Weltmeistertitel einfuhr. So bezog Rossi einen Zweitwohnsitz in London, weil er in seiner Heimat nicht mehr ungestört zum Bäcker gehen kann. Elektrisiert sind die Tifosi von der Unbekümmertheit des Helden, der zudem wie kaum ein anderer zu italienischen Primärtugenden steht. Erst kürzlich reflektierte der bekennende Macho ausschweifend über sein Liebesleben, das sich im Zuge seiner Prominenz offenkundig zum Besten entwickelt hat, denn: »Frauen sind wie Journalisten. Wenn du Erfolg hast, kommen sie von allein.«

Weil »Vale« auch auf vier Rädern flott unterwegs ist, geriet jüngst sogar die Stellung von Ferrari-Legionär Michael Schumacher in Gefahr. Bei einer Etappe der Rallye San Remo fuhr Rossi in einem Begleitfahrzeug die drittbeste Zeit. Prompt diskutierte die Presse einen Wechsel in die Formel 1. Doch der Kandidat lehnte kühl ab. Automobilrennsport sei ihm schlicht »zu langweilig«.

Dass es Rossi nicht an Selbstbewusstsein mangelt, zeigte sich zuletzt in der schlagzeilenträchtigen Rivalität zu seinem Landsmann Massimiliano Biaggi, 30. Die Fehde hielt Italien zuletzt sogar mehr in Atem als der Zweikampf Ferrari gegen McLaren-Mercedes.

Jahrelang war Biaggi, viermal Weltmeister in der 250er Klasse, der Platzhirsch der Zweiradszene. Wirklich beliebt war der zur Eitelkeit neigende Römer, der sich gern auf Promi-Galas zeigt, indes nie.

Rossi wiederum gilt als Sohn des Volkes. Stundenlang schreibt er für Fans Autogramme. Einmal erschien er zu einer Siegerehrung symbolisch im Robin-Hood-Kostüm. Schon nach seinem WM-Sieg 1997 wagte der joviale Frühentwickler die These, Kollege Biaggi fahre nur Rennen, »damit er bei den Miss-Italia-Wahlen in der Jury sitzen« dürfe. Seither ist das Verhältnis zerrüttet.

Nach einem Überholversuch beim Grand Prix in Japan fand sich Rossi auf dem Grünstreifen wieder, weil ihn Biaggi mit dem Ellenbogen gerempelt hatte. In Barcelona musste der Weltverband die Streithähne nach einem Rennen zur Zurückhaltung mahnen, weil die sich im Pressezentrum geprügelt hatten.

Zumindest auf der Rennpiste ist der Zweikampf wohl entschieden. Fast nach Belieben düpiert der Twen den Altmeister. Beim Großen Preis auf dem Sachsenring wurde Rossi noch Zweiter, obschon er nach verpatztem Start an 16. Position rangierte. Auf die Frage, wie lange er noch auf diesem Niveau fahren wolle, antwortete er lakonisch: »Ich weiß nicht, vielleicht noch zehn Jahre.«

Keine angenehme Perspektive für Biaggi; deshalb müht sich sein Vater nun um ein besseres Klima. Rossis Verbalattacken seien »doch nur Show«, tat der Papa kund. Zum Beweis enthüllte er die Anekdote, wie sich Rossi einst als Fan von Biaggi ein Poster signieren ließ. Doch auch dieses Friedensangebot schlug der Weltmeister aus: »Jeder begeht Jugendsünden.« GERHARD PFEIL

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