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FUSSBALL Haß und Hiebe

Für den Rekordpreis von 24 Millionen Mark wechselte der argentinische Fußballspieler Diego Maradona vom FC Barcelona zum SC Neapel. *
aus DER SPIEGEL 28/1984

Zum 33. Mal lief in der neapolitanischen Disco der Tango »Uno«. Gäste, die andere Musikwünsche geäußert hatten, rappelten sich von der Straße hoch und massierten ihre Knochen.

Die Disco hielten Argentinier besetzt, annähernd 50. Zwei Männer tanzten eng aneinander geschmiegt und mit geschlossenen Augen. Auf dem Tisch hockte mit verschränkten Beinen der Fußballstar Diego Armando Maradona, 23, und schlug mit erhobenen Armen den Takt. Er feierte seinen Wechsel vom FC Barcelona zum SC Neapel. Kaufsumme: 24 Millionen Mark.

Plötzlich flammte ein Blitzlicht auf. Ein Dutzend Männer vom Maradona-Clan stürzte sich auf den Photographen und kämpfte ihn mit Fausthieben und Handkantenschlägen nieder. Die Kamera polterte zu Boden, die beiden Tangotänzer trampelten auf ihr herum. Der Photograph flog auf die Straße. In seinem Gesicht steckten Splitter von Schnapsgläsern.

In den Discos von Neapel muß demnächst öfter mit solchen Auftritten gerechnet werden. An seinem letzten Wohnort Barcelona hatte Maradona fast überall Lokalverbot. Nachdem einer von Maradonas Leibwächtern einen unbequemen Gast krankenhausreif geprügelt hatte, erhob ein Staatsanwalt gegen den Fußballstar Anklage wegen Körperverletzung.

Früher war Maradona schon zu vier Monaten Gefängnis mit Bewährung verurteilt worden, weil er einen Autogrammsammler niedergeschlagen hatte.

»Dieguito muß hier weg«, beschloß Maradonas Manager Jorge Cyterszpiler. »Sein Werbewert in Spanien ist mächtig gesunken.« Doch Klubpräsident Josep Lluis Nunez lehnte den Verkauf ab. Er fürchtete, ohne Maradona in der nächsten Saison noch weniger Erfolg zu haben und vor den eigenen Fans zum Sündenbock zu werden. Aber Maradona erklärte: »Hier hassen mich alle, ich gehe, die Schiedsrichter sind auch gegen mich.«

Da tauchte Vermittler Jose Maria Minguella bei Maradonas Manager Cyterszpiler auf. »Ich habe ein Superangebot für euch, der SC Neapel will 15 Milliarden Lire, fast 9 Millionen Dollar, zahlen, wenn Diego nach Italien kommt.«

Die Rechnung ging auf. Minguella bezeichnete den »Weltrekordtransfer als Racheakt« am FC Barcelona und dessen Präsidenten Nunez. Barcelona war dem Agenten vor zwei Jahren die Provision schuldig geblieben, als Maradona von den Boca Juniors in Buenos Aires zum katalanischen Klub gewechselt war.

Aber auch andere verdienten gut an dem Fußballstar. So erhielt die Reiseagentur Marina mehr als 176 000 Mark für die Reisen des Maradona-Clans. Stets folgten 20 Leibwächter und mehr als 30 Familienmitglieder dem Fußballstürmer zu den Spielorten. Die Leibwächter, allesamt kräftige Männer aus dem Armenviertel La Paternal in Buenos Aires, werden jährlich ausgetauscht. So verliert die Polizei bei der Spurensuche nach Schlägereien die Übersicht.

Auch das Nachtleben genoß der nur 1,65 Meter große Fußballstar. Blieb er mal zu Hause in seiner 15-Zimmer-Villa im Prominentenviertel Pedralbes, erschienen abends zehn ebenso hübsche wie junge Mädchen. Das Treiben in Maradonas sturmfreier Luxusbude vertrieb bald die energische Mama Dalma und Maradonas Braut Claudia für immer nach Buenos Aires.

Als Maradona auch anläßlich eines Spiels in Paris nachts Etablissements der Sonderklasse aufsuchte, beschwerte sich Klubpräsident Nunez über seinen Star. Maradona wies die Rüge zurück: »Ich lasse mir nicht vorschreiben, wie ich

meine Freizeit verbringe.« Über das Lauftraining des deutschen Trainers Udo Lattek maulte Maradona: »Der will aus mir einen 10 000-Meter-Läufer machen.«

Barcelona wechselte den Deutschen Lattek gegen den argentinischen Trainer Cesar Luis Menotti aus, in der Hoffnung, der Landsmann könne den Nachtschwärmer Maradona bändigen. Aber es wurde eher schlimmer. Trainer und Star pflegten beide bis 14 Uhr zu schlafen. Das Training begann meist um 17 Uhr.

»Diego war eigentlich nur einmal fit«, berichtete der deutsche Nationalspieler Bernd Schuster, ebenfalls beim FC Barcelona tätig. »Das war in Andorra, wo wir in einem Sporthotel lebten, in dem es keine Disco und keine Bar gab, dort ging Diego um ein Uhr schlafen.«

Als der Argentinier an einer infektiösen Hepatitis erkrankte, wisperten seine Gegner, er leide an Syphilis. Peinliche Szenen spielten sich beim spanischen Pokalfinale ab, in dem Barcelona gegen Bilbao vor den Augen des Königspaares antrat.

Nachdem Bilbao 1:0 gesiegt hatte, zettelte Maradona eine Schlägerei an. Nicht nur die Spieler, sondern auch die Anhänger beider Mannschaften beteiligten sich emsig. Für die Missetat sperrte der Verband Maradona drei Monate. Auf Anraten seines Managers Cyterszpiler schrieb Maradona dem spanischen Königspaar einen Entschuldigungsbrief.

Doch sein guter Ruf in Spanien war endgültig dahin. Sogar der argentinische Trainer Menotti ging freiwillig. Nun warb ausgerechnet der SC Neapel aus der Stadt mit der höchsten Kindersterblichkeit und der größten Arbeitslosenzahl in Italien um Maradona, denn seit dem 1. Juli 1984 bis zur nächsten Weltmeisterschaft 1986 darf kein Ausländer mehr von einem italienischen Klub verpflichtet werden. Maradona unterzeichnete 140 Minuten vor Meldeschluß den Vertrag mit Neapel auf dem Flugplatz in Barcelona.

Die Nachricht vom Erwerb des teuersten Fußballspielers der Welt beunruhigte den italienischen Fußballfreund und Staatspräsidenten Pertini: »15 Milliarden Lire für solch einen Spieler passen nicht in wirtschaftlich so schwierige Zeiten.«

Doch in Neapel denken die Fans anders als die Herrschenden in Rom. Als Maradona mit einem Hubschrauber im Stadion landete, hatten sich 80 000 jubelnde Menschen eingefunden.

»Für einen Spieler, der weder jemals Weltmeister, noch Weltpokalsieger oder sonst etwas im internationalen Fußball geworden ist«, sagt der ehemalige Maradona-Trainer Lattek, »ist es wirklich größenwahnsinnig, was er bekommt.«

In Neapel soll er bekommen: 2,25 Millionen Mark Jahresgehalt, zwei Dienstwagen, eine Villa mit Meeresblick und jährlich zehn Freiflüge Neapel - Buenos Aires und retour.

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