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Hauptsache verrückt

Eines Tages hatte ein Olympiasieger das Einerlei der Skirennen satt. Aus Jux vollführte er am Steilhang Überschläge und Rückwärtsfahren. Jetzt wird der Spaß zum Wettkampf.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Der Flugplan ist vor dem Start bei der Rennleitung abzugeben. Und dann, Samiel, hilf. Die jüngste Möglichkeit, auf Skibrettern ein paar hundert Meter talwärts zu gelangen, ist ebenso verrückt wie halsbrecherisch. Der verwegene Fahrstil brachte den Athleten im Ursprungsland USA die Bezeichnung Hot-Doggers (hot dog: heißes Würstchen) ein. Europas Bester, der Salzburger Manfred Kastner, plädiert mehr für »Freestyle Skiing«.

Erlaubt ist, was gefällt, vom einfachen Salto bis zu Körperwendungen um 360 Grad im Sprung, Skilauf auf einem Bein oder Rückwärtsfahren. Überschläge mit gestreckten Beinen, in der Hocke oder gegrätscht bringen durchweg Wertungspunkte. Gerät nach eigener Wahl, mal mit und mal ohne Skistöcke, oder Sprünge durch brennende Reifen sind gestattet.

»Es ist eine völlig neue Mentalität«, behauptet die Amerikanerin Suzy Chaffee, einst Olympiateilnehmerin im alpinen Skilauf, jetzt eines der heißen Würstchen im Schnee. 45 Starter aus zwölf Nationen hüpften am letzten Wochenende auf der italienischen Seite des Matterhorns, in Cervinia, beim Kampf um den ersten Hot-Dog-Weltpokal (Preisgelder: 20 000 Dollar) die Hänge hinunter. Stolz verkünden Teilnehmer und Veranstalter die gelungene Vereinigung von Elementen des Skifahrens und Eiskunstlaufens.

Die neue Mentalität verspürt seit Jahren auch der frühere deutsche Skimeister Willy Bogner aus München, der mit 24 den Rennlauf aufgab und seitdem Skikleidung verkauft und Skifilme dreht. Ein neuer Filmentwurf: Ski-Clowns, irgendwas zwischen Grock und Chaplin. Hauptsache verrückt.

»Der Rennlauf vermittelt nicht mehr das Gefühl der Freiheit wie früher«, philosophiert Bogner einen Hausbrauch für Hot-Doggers zusammen. »Der Skilauf verstädtert immer mehr, vom Bürostress flüchtet der Skifahrer in den Pistenstress -- dagegen lehnen sich die Jungen auf, durch Freestyle.«

Die ersten Sprünge und Figuren jenseits jeglicher Skischulweisheit und Renn-Reglements hatte 1971 der Olympiasieger Stein Erikson im US-Wintersportort Aspen unternommen. Auf einem besonders buckligen Hang zeigte er staunenden Kurgästen, wie es sich gleichsam auf einem vereisten Knüppeldamm gutgelaunt zu Tal fahren läßt. Tag für Tag eilten mehr Skifahrer herbei, um am Rodeo im Schnee teilzunehmen.

Einer von ihnen, Robert Salerno, wurde 1974 zum ersten Hot-Dogger des Jahres gewählt. »Plötzlich machen deine Ski etwas ganz anderes, als du selbst vorgehabt hast, und irgend jemand gibt dem Trick dann deinen Namen, Mann, du kommst dir vor wie Edison.« Die Salerno-Tricks mündeten in eine laxe Empfehlung: »Do your own thing -- mach"s auf deine eigene Art.«

Und sie taten es so emsig, daß sich manche Beine oder Arme brachen und Wirbelsäulen stauchten. Schnell beeilten sich die Veranstalter, die in den USA selten weniger als 10 000 Zuschauer zählten und Werbegelder von General Motors und der für verrückte Milieus stets zuständigen Zigarettenfirma R. J. Reynolds ("Camel") kassierten, Warnungen an allzu übermütige Hot-Dog-Fahrer zu erlassen.

Der Hot-Dogger ist »ein Skifahrer, der zugleich große Erfahrung, eine einwandfreie Kondition, viel Selbstvertrauen und eiserne Nerven besitzt«, so stand es im Pressedienst zum Kampf um den Camel-World-Cup in Cervinia zu lesen. In drei Disziplinen unterteilten die Veranstalter den Freistil-Skilauf sogleich wieder in ein Reglement, mit Vorschriften und Verboten. Das Ballett oder Trickfahren auf einer etwa 200 Meter langen, aber relativ flachen Piste gilt noch als anmutigste Form. Beim Freistilfahren auf einer 350 Meter langen und steilen Buckelpiste sind dann auf »explosive und originelle Art« riskante Sprünge und Überschläge zu vollbringen.

Und schließlich gibt es die reine Luftakrobatik mit Sprüngen über drei hintereinander stehende Sprungschanzen hinweg, die härteste und gefährlichste Form des Hot-Dogging. Schnell ersannen die Veranstalter und Fahrer auch passend kühne Namen für ihre Kreationen, etwa den »Spread Eagle"« den »Royal Christie« oder »Back Scratcher«.

Ebenso rasch fanden sich Hersteller für Spezialkleidung, wobei es auf stabile Schuhe ebenso ankommt wie auf verrückte Hüte. Besonders beliebt sind die Offiziershüte aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg oder das Indianer-Kopftuch. Wichtig für den Ski-Ulk sind kurze Bretter mit verstärkter Spitze, für das Drehen und Wenden auf der Stelle.

»Vielleicht fahre ich demnächst mal im Handstand auf Ski-Brettern den Han« hinunter«, plant der Salzburger Manfred Kastner einen neuen Gag.

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