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PAARE Heben statt Laufen

aus DER SPIEGEL 10/1966

Heinz Maegerlein, der deutschen Fernseh-Gemeinde bevorzugter Eislauf-Interpret, glühte vor freudiger Erregung: »Das war doch eine blitzsaubere Leistung.«

Wider Erwarten und entgegen sportlicher Erfahrung waren drei bundesdeutsche Paare bei den Eiskunstlauf-Europameisterschaften im Februar in Preßburg in die Weltklasse eingedrungen. Ihre Kür-Leistungen waren nur von zwei Russen-Paaren überboten worden. Dabei war mit Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler 1964 das vermeintlich für viele Jahre letzte medaillenträchtige deutsche »Traumpaar« ("Welt am Sonntag") vom Schaugewerbe abgeworben worden. Bei der Weltmeisterschaft in Davos wurden die Deutschen in der vergangenen Woche auf den vierten bis sechsten Platz gesetzt.

»Absolute Weltklasse«, frohlockte Rudi Marx, der Präsident der Deutschen Eislauf-Union (DEU), über die deutsche Paarlauf-Renaissance. »Die Kür unserer Paare ist teilweise schon schwieriger als die von Kilius/Bäumler.«

Gerade die deutschen Eis-Paare sammelten stets erfolgreich Medaillen: Bei acht Olympischen Spielen errangen sie drei goldene und zwei silberne Plaketten; zehnmal wurden sie Weltmeister, dreizehnmal Europameister.

Die Experten lassen die moderne Paarlauf-Geschichte sogar mit den Deutschen Maxie Herber und Ernst Baier beginnen. Beide waren hervorragende Einzelläufer gewesen, bevor sie gemeinsam auftraten. Das begründete ihre Überlegenheit. Sie zeigten als erste völlig synchronisierte Bewegungen beim nebeneinander ausgeführten »Schatten-Laufen« und den »Spiegel -Figuren«, bei denen sie spiegelverkehrt einander gegenüberglitten. 1935 begann ihre Serie von fünf aufeinanderfolgenden Europa- und vier Weltmeisterschaften. 1936 wurden sie Olympiasieger.

Die Nachfolger von Herber/Baier, Ria Baran und Paul Falk, erneuerten nach dem Zweiten Weltkrieg die deutsche Vorherrschaft auf dem Eis durch einen Stilwandel: Die Olympiasieger von 1952 und zweimaligen Welt- und Europameister steigerten durch artistische Hebefiguren die Schwierigkeiten. Kilius/ Bäumler setzten die Eskalation der Leistung fort. Sie zeigten in einer Kur bis zu 16 Hebefiguren. Bäumler zog sich beim ständigen Anliften der zentnerschweren Marika Kilius eine Rückgratverletzung zu (die ihn später vor dem Dienst in der Bundeswehr bewahrte). Er trug zuletzt ein Stützkorsett.

Aber seit wenigen Jahren geben die Russen den Stil an: Sie fügten in die Kür akrobatische Figuren ein und lernten zugleich durch Ballett-Training die »Musik auf dem Eis zu interpretieren« (Ernst Baier). Ihre Überlegenheit verdanken die Russen-Paare freilich einem zusätzlichen Vorteil: Die besten westlichen Paare wurden in der Regel Berufsläufer, sobald sie ihren Kurs durch einen Olympiasieg oder eine Weltmeisterschaft hinreichend hochgetrieben hatten.

Auch Marika Kilius-Zahn und Hans -Jürgen Bäumler unterschrieben 1964 bei der »Wiener Eisrevue« einen Jahresvertrag für 400 000 Mark. Seit Oktober 1965 laufen sie für eine Wochengage von 20 000 Mark für die US-Show »Holiday on Ice«. Seitdem fielen alle internationalen Titel an ihre Revue-immunen russischen Rivalen Ludmilla Belousowa und Oleg Protopopow. Und deren gefährlichste Konkurrenten waren andere russische Paare.

Doch der Rücktritt von Kilius/Bäumler ermutigte die deutschen Nachwuchs -Paare, die zudem günstigere Voraussetzungen vorfanden. Früher trainierten die ehrgeizigsten deutschen Eisläufer im Sommer in England, in der Schweiz oder sogar in den USA. Inzwischen wurden in Deutschland neue Sommer-Eisbahnen eröffnet: In neun Städten ist zur Zeit ein ganzjähriges Eistraining möglich.

Auch die teuren Trainer-Honorare (bis zu 50 Mark pro Stunde) zahlen nicht mehr allein die Eis-Stars oder deren Eltern. An den etwa 6000 Mark hohen Ausbildungskosten pro Saison für ein Paar beteiligen sich die DEU, die Klubs und der Deutsche Sport-Bund. Überdies bemühen sich die Funktionäre, für Weltklasse-Paare bei den Arbeitgebern genügend Freizeit für das Training zu erwirken.

Doch gerade beruflicher Ehrgeiz behinderte die sportliche Karriere des neuen deutschen Meisterpaares: Sonja Pfersdorf, 21, Sekretärin bei der Nürnberger Keksfabrik Bahlsen, und ihr Partner Günter Matzdorf, 25, Sportwagenfahrer (Alfa Romeo) und Vertreter für Diamant-Werkzeuge, trainierten morgens um sechs Uhr. Matzdorf nahm vor wichtigen Wettkämpfen oft Beruhigungspillen. Bei den Europameisterschaften in Preßburg entging ihnen wegen eines Sturzes eine Medaille.

Statt dessen ersprangen sich die international kaum bekannten Deutschen Margot Glockshuber, 16, und Bundeswehrrekrut Wolfgang Danne, 24, bei der Europameisterschaft eine Bronzemedaille und bei der Weltmeisterschaft den vierten Platz vor Pfersdorf/Matzdorf. Das Paar fand sich erst im November 1964 zusammen, nachdem Dannes damalige Partnerin jemand anders geheiratet hatte. Margot Glockshubers Eltern kauften sich sogar in Garmisch eine Pension, um in der Nähe ihrer Tochter zu bleiben, die mit Danne bei dem früheren Kilius/Bäumler-Trainer Erich Zeller (Monatseinkommen: 6000 bis 7000 Mark) systematisch auf die Olympischen Spiele 1968 vorbereitet wird.

Ebenso rasch stiegen die Mannheimer Gudrun Hauß, 16, und Walter Häfner, 17, auf: 1965 durften sie erstmals an Europameisterschaften teilnehmen. Sie wurden Elfte: In diesem Jahr erreichten sie den sechsten Platz. Spezialität: schwierige Hebefiguren im Zeitlupentempo des Kufen-Athleten Häfner, der »gut der 'Untermann' einer kraftvollen Parterregruppe sein könnte« ("Süddeutsche Zeitung"). Er übt die Hebetechnik mit einem Berufsartisten ein, dem früheren DDR-Kunstkraftsportmeister Schilling.

Für den Kür-Kraftakt ist das Gewicht der Partnerin wesentlich. Protopopow -Partnerin und -Ehefrau Ludmilla Belousowa wiegt 85 Pfund, Sonja Pfersdorf ("Wenn ich zunehme, muß ich hungern") 106 Pfund. Bei 16 Hebefiguren stemmt Protopopow mithin 680 Kilo, Pfersdorf -Partner Matzdorf dagegen 848 Kilo - 25 Prozent mehr. Außerdem enthält die Kür der Spitzen-Paare etwa zehn Sprünge. Die Paare bieten also innerhalb von fünf Wettkampfminuten durchschnittlich alle zwölf Sekunden eine Schwierigkeit. Matzdorf: »Nach der vierten Minute weiß ich nicht mehr, ob ich Männlein oder Weiblein bin.«

Das moderne Trainingsprogramm umfaßt deshalb neben dem täglich bis zu dreistündigen Eistraining auch Ballett -Unterricht, zusätzliche Übungen mit der Bleiweste und Gewichtheben.

»Wo soll das enden?« fragte Eislauf -Präsident Marx. »Das ist Artistik ohne Netz - eigentlich müßte es statt Eis-Lauf Eis-Heben heißen.«

Eislaufpaare Glockshuber/Danne, Pfersdorf/Matzdorf: Übungen mit Bleiweste

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