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RODELN Hegemonie im Eiskanal

Seit mehr als neun Jahren sind die deutschen Frauen unbesiegt. Ein Ende der Dominanz ist nicht in Sicht.
aus DER SPIEGEL 4/2007

Silke Kraushaar-Pielach steht am Zielhäuschen des Eiskanals in Altenberg und überlegt. Nach einer Weile schüttelt Deutschlands beste Rodlerin zaghaft den Kopf, sie muss passen. Die Frage war, wie viele Rennen sie und ihre Teamkolleginnen hintereinander gewonnen haben. »Keine Ahnung«, sagt sie. »Ist schon verrückt, oder?«

Auch der Bundestrainer weiß die Antwort nicht. Thomas Schwab sagt, er habe irgendwann aufgehört, die Siege zu zählen. Hat er wenigstens eine Idee, wann das letzte Mal eine seiner Athletinnen bezwungen wurde? Er lächelt etwas verlegen. »Ist auf jeden Fall ziemlich lange her.«

Es war im vorigen Jahrhundert: am 29. November 1997. Damals triumphierte, eher überraschend, die Österreicherin Andrea Tagwerker am Fuße des Watzmanns in Königssee. Seither sind die Eiskanäle fest in deutscher Hand. Ob bei einer Weltmeisterschaft, Europameisterschaft, den Olympischen Spielen oder im Weltcup: Bis zu dem Rennen am vergangenen Wochenende kam die Schnellste schon 84-mal in Serie aus der deutschen Mannschaft.

Die Konkurrenz dient allenfalls als Staffage. Obwohl im Weltcup 18 Nationen starten, steht nur gelegentlich eine Akteurin aus dem Ausland mit auf dem Treppchen. Selbst den Rücktritt von Olympiasiegerin Sylke Otto, der erfolgreichsten Rodlerin aller Zeiten, kompensieren die Deutschen anscheinend mühelos. Vor gut einer Woche in Oberhof gab Corinna Martini ihr Debüt. Sie wurde Dritte.

Bei den Weltmeisterschaften in Innsbruck-Igls, die kommende Woche beginnen, gelten die deutschen Rodlerinnen als die großen Favoritinnen, und die einzige Frage lautet: Gewinnt Anke Wischnewski, Silke Kraushaar-Pielach oder doch Tatjana Hüfner?

In keiner anderen Wintersportart ist eine Mannschaft derart dominant, doch die Hegemonie im Eiskanal ist kein Zufall. In Deutschland gibt es gleich vier Bahnen, das ist einzigartig, und sie alle unterscheiden sich in Profil und Charakter. In Oberhof ist die Rinne kurvig, in Altenberg ist sie windanfällig, in Winterberg verlangt sie präzises Gleiten, und in Königssee steht quasi die Streif der Rodelbahnen: 1156 Meter lang, im Schnitt 9,2 Prozent Gefälle.

Die vier Strecken ermöglichen alle denkbaren Varianten im Training, deshalb sind schon die jüngsten Fahrerinnen optimal ausgebildet. »Wer unsere Bahnen im Griff hat, der muss auf keiner anderen Anlage mehr Angst haben«, sagt Bundestrainer Schwab.

Zu den vier Eiskanälen, die das Innenministerium mit 980 000 Euro im Jahr fördert, gehören jeweils ein Bundesstützpunkt und ein Talentzentrum, eine fünfte Kaderschmiede steht in Oberwiesenthal. An jedem Ort sind drei bis sieben Trainer und Sportwissenschaftler beschäftigt. Von den 49 Mitgliedsländern im Internationalen Rennrodelverband ist kein anderes Land so üppig ausgestattet.

Weil durch die Übermacht der Deutschen Langeweile droht, hilft der Verband den Rivalinnen auch schon mal in den Schlitten. Man schuf eine Trainingsgruppe für Rodler aus Brasilien, Indien, den Bermudas und China. Man verteilte Freischeine für Übungsfahrten an Athleten aus Polen und der Ukraine, die auf allen Bahnen der Welt gelten, wo ein Lauf im Schnitt 20 Euro kostet.

Gebracht hat es bisher wenig. Das hat auch damit zu tun, dass die deutschen Rodlerinnen bei der Bundeswehr ihren Sport quasi professionell ausüben können. Drei Trainingseinheiten pro Tag absolvieren sie, während viele ihrer Gegnerinnen bis mittags im Büro hocken. Sie sind viel athletischer als ihre Rivalinnen, und Topform ist Voraussetzung, wenn man mit Autobahnrichtgeschwindigkeit übers Eis rutscht und die Fliehkraft einen mit dem Sechsfachen des Körpergewichts in den Schlitten drückt.

Nur zaghaft regt sich Widerstand. Die Österreicherin Veronika Halder probiert seit Jahren alles, um die Vorherrschaft der Deutschen zu beenden. Mehr als Platz fünf springt allerdings selten dabei raus. »Wenn man keinen guten Start erwischt, hat man bereits keine Chance mehr«, sagt sie, die Deutschen »geben Gas und erlauben sich dann auf der Bahn kaum Fehler«.

Veronika Halder muss sich ein bisschen fühlen wie Bill Murray in dem Film, in dem täglich das Murmeltier grüßt.

Einmal allerdings wäre die Erfolgsgeschichte der deutschen Rodlerinnen fast vorbei gewesen, vor rund zwei Jahren auf der holprigen Bahn im lettischen Sigulda. Silke Kraushaar-Pielach rettete sich mit 62 Tausendstelsekunden Vorsprung ins Ziel.

Jetzt hoffen die Widersacherinnen, dass spätestens 2010, bei den Olympischen Spielen in Vancouver, die Wachablösung fällig ist. Für den Rodelwettbewerb dort wird extra ein neuer Eiskanal gebaut, »vielleicht sind sie dann zu knacken«, sagt Veronika Halder.

Mehr Hoffnung auf ein Ende der deutschen Rodlerinnen-Herrlichkeit besteht vorerst jedoch nicht, auch wenn Bundestrainer Schwab sagt: »Der Tag X wird kommen. Das Gesetz der Serie besagt: Je länger sie hält, desto weniger Zeit verbleibt, bis sie reißt.« MAIK GROßEKATHÖFER

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