Nachruf auf Galopplegende Hein Bollow Ein Jahrhundertleben

Hein Bollow hat als Jockey und Trainer im Galoppsport Maßstäbe gesetzt. An ihm lässt sich die Geschichte des Wirtschaftswunderlandes erzählen. Bekannt wurde er auch, weil die Sportwelt noch eine andere war.
Hein Bollow ist mit 99 Jahren gestorben

Hein Bollow ist mit 99 Jahren gestorben

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Hartmut Reeh/ dpa

Wer mit der alten Sportschau groß geworden ist, kannte auch Hein Bollow. Er war einer der wiederkehrenden Namen und Gesichter aus jener Zeit, in der die Sportschau noch ein unbestechlich dröges Schaufenster der Sportwelt war und das einzig Grelle die buntgemusterten Krawatten der Moderatoren. Einer dieser Namen, die mit der Sportschau auf ewig verbunden sind, so wie der des Sandbahnfahrers Egon Müller oder des Fußallfunktionärs Walter Baresel, der bei den DFB-Pokalauslosungen mit zittrigen Fingern die Zettel mit den Klubnamen aus den Loskugeln pulte.

Es war die Zeit, in der der Fußball sich an jedem Wochenende noch in den Nahkampf um Sendeminuten mit der Konkurrenz begeben musste, Ausgang offen. Und die Konkurrenz hieß Radball, Cadre 47/2 und Eis-Speedway. Zwischendurch wurden die Gewinnzahlen des Wochenendes verlesen. Rennquintett, 6 aus 45.

Für die Sendeminuten des Reitsports sorgte zuverlässig ARD-Pferdefreund Addi Furler, der sich nicht nur darum verdient machte, dass die Fernsehzuschauer Veranstaltungen wie das "Deutsche St. Leger", den "Preis des Winterfavoriten" oder den "Preis der Diana" kennenlernten, sondern auch Jahr für Jahr im Fernsehstudio neben einem beeindruckenden Berg von Leserpostkarten stand und die Auslosung des "Galoppers des Jahres" moderierte. Da kam dann auch Hein Bollow regelmäßig zu seinem Recht.

Nichts mit Bibi und Tina zu tun

Galoppsportrennen im Fernsehen, das hatte nichts von Bibi und Tina, Amadeus und Sabrina, das war eine ernste, bodenständige Angelegenheit. Die Sportstätten mit ihren Namen, die deutscher nicht sein können: Köln-Weidenpesch, Dortmund-Wambel, Mülheim-Raffelberg, Baden-Baden-Iffezheim, Berlin-Hoppegarten, die Gestüte Zoppenbroich und Schlenderhan. Allein die Namen der Pferde brachten Exotik in die Fernsehzimmer: Athenagoras, Orofino, Esclavo und der unvergessene Acatenango. Jeder Beitrag endete mit dem für Außenstehende rätselhaften Satz: "Der Totalisator zahlte 70 für 10."

Der Totalisator, das war ein Wort aus Hein Bollows Welt. In dieser Welt war er ein Star, obwohl ihm wahrscheinlich nichts abholder war als Glamour. Der Mann mit dem knarzigen Gesicht unter der Schiebermütze oder dem Pepitahut, geprägt von den unzähligen Trainingsstunden bei Wind und Wetter auf der Rennbahn, er wirkte auf den ersten Blick knorrig, fast mürrisch. Aber wenn er über Pferde erzählen konnte, dann fand er kein Ende. "Dann brauchen wir drei Tage, bis ich fertig bin", kündigte er mal einem "Zeit"-Reporter bei dessen Besuch an und hat das anschließend fast wahr gemacht.

Hein Bollow in den Fünfzigerjahren als Jockey in Hamburg-Horn

Hein Bollow in den Fünfzigerjahren als Jockey in Hamburg-Horn

Foto: imago sportfotodienst/ imago images/Galoppfoto

Bollow hat viele Rekorde abgeräumt, als Jockey hat er in fast 30 Jahren 1033 Rennen gewonnen. Er hat viermal das Derby in Hamburg-Horn für sich entschieden. Danach sattelte er um auf den Trainerjob und wurde erst recht eine Institution. Er betreute große Galopper wie Nebos, Kondor und Marduk, Starjockeys wie Peter Remmert und Peter Schiergen vertrauten sich ihm an. Bis zum Ende seiner Trainerlaufbahn sammelte er 1661 weitere Siege ein. Mehr als 1000 Erfolge als Reiter und noch einmal als Coach - die Reitsport-Archivare suchen bis heute vergeblich jemanden, der das außer ihm geschafft hat.

Und es wären wohl noch viel mehr Siege geworden, wenn ihm als Trainer nicht einer immer wieder im Wege gestanden hätte, der Derbysieg nach Derbysieg aufhäufte. Heinz Jentzsch, ein ähnlich Besessener wie Bollow, 4000-fach erfolgreich als Coach, geboren in Hoppegarten, gestorben in Iffezheim, das sagt schon alles. In ihm fand selbst Bollow seinen Meister.

Ein Teil bundesrepublikanischer Geschichte

1953 triumphierte Bollow erstmals in Horn auf seinem Pferd Allasch, ein Jahr später am 4. Juli 1954 ging er mit Kaliber als Erster durchs Ziel. Und weil im Sport so gut wie alles in Zahlen und Statistiken gegossen ist, haben die Sporthistoriker ausgerechnet, dass exakt 117 Minuten nach Bollows Derby-Triumph Helmut Rahn im fernen Bern das 3:2 für Deutschland gegen Ungarn im Fußball-WM-Finale erzielt hat.

Leben und Karriere Bollows sind nicht nur deshalb auch deutsche Geschichte - und nicht nur Sportgeschichte. Im Weltkrieg war er an der West- und an der Ostfront eingesetzt, danach war er zwei Jahre in französischer Kriegsgefangenschaft, über seine Sportkarriere in den Fünfzigerjahren, seine Zeit als Trainer in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren könnte man auch ein Biopic des Wirtschaftswunderlandes Bundesrepublik drehen. Die Galopprennbahn - ein Kosmos, an dem sich die kleinen Leute und die Mondänen trafen. Wo der Aga Khan seine Pferde laufen ließ und die Zocker auf ihre kleinen Gewinne hofften. Bollow war immer mittendrin, noch bis ins hohe Alter. Selbst zuletzt sah man ihn ab und an noch in Weidenpesch an der Bahn.

Nun ist Hein Bollow tot. Er starb am Montag im Alter von 99 Jahren. Ein Jahrhundertleben an der Rennbahn.

Und der Totalisator zahlte 70 für 10.

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