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Heißes Eisen

Auch Ostblock-Stars dürfen offiziell Profi-Börsen kassieren -- sofern es Devisen bringt und keine Olympia-Medaillen auf dem Spiel stehen.
aus DER SPIEGEL 48/1977

Jüngst lasen Sowjetbürger Revolutionäres im Fachblatt »Sowjetski Sport": »Ich möchte den professionellen Fußball«, forderte Konstantin Beskow. einst Nationaltrainer. Er wünschte ihn »als eine Schau für Millionen Zuschauer vom Massenfußball« zu trennen.

Längst hat die Entwicklung des Hochleistungssports zu täglichem, sechsstündigem Training hin ideologische Tabus aus Lenins Zeiten ausgehöhlt. Noch 1960 definierte die »Kleine Enzyklopädie« der DDR den Berufssport als »Kind des Kapitalismus Mittlerweile heißt es neutraler: »In den Sport drangen Sensationsgier, Starunwesen, kapitalistisches Geschäftsgebaren (Professionalismus) ein.

Das kapitalistische Gebaren hat die Sportmanager der osteuropäischen Volksdemokraten angesteckt. Schach-Großmeister wie Boris Spasski aus der UdSSR oder Rumäniens Tennis-Star hie Nastase (Jahresverdienst: 1,3 Millionen Mark) gehörten zur Vorhut von Ostblock-Sportlern, die im Berufssport nach den kapitalistischen Regeln von Angebot und Nachfrage mitspielen und kassieren.

Kein Funktionär bestreitet ihren Profi-Status. Spasski und Nastase trennt jedoch von Tausenden verkappter Profis auf Zeit etwa im Fußball oder in der Leichtathletik vor allem eines: In ihren Sportarten stehen keine olympischen Medaillen auf dem Spiel.

In medaillenträchtigen Sportarten des olympischen Programms halten die Kommunisten an der Amateur-Fiktion fest, wie es das Olympia-Statut vorschreibt -- bislang sogar im Fußball und im Eishockey, Sportarten, in denen Siegprämien fünf Stellen vor dem Komma erreichen.

Nur ein Ostblock-Boxer, der dreimalige ungarische Olympia-Sieger László Papp, durfte bisher als Profi boxen. Er kämpfte sieh zur Europameisterschaft durch und trat unbesiegt ab, weil Ungarns Sportführer ihn als Nationaltrainer benötigten. Letzte Woche besiegten Ungarns Papp-Kameraden die Deutschen sogar in Köln.

In den letzten Jahren wechselten so erfolgreiche bundesdeutsche Radrennfahrer wie Dietrich Thurau, Gregor Braun und Günter Schumacher nach Amateur-Weltmeisterschaften und Olympiasiegen zu Profi-Ställen über. »Solche Verluste kann keiner verkraften«, klagte Bundestrainer Gustav Kilian. »Die Trainer im Osten haben es in dieser Hinsicht besser.« Bei den Amateur-Weltmeisterschaften erhöhten deshalb Ostblock-Radler ihren Medaillen-Anteil.

Das einst erfolgreichste Eishockey-Land der Welt, Kanada, resignierte sogar und zog sich 1970 von olympischen und WM-Turnieren zurück, als seine Amateure nicht mehr gegen die Schein-Amateure aus der UdSSR und der CSSR bestehen konnten.

Erstmals 1972 trat die sowjetische Nationalmannschaft gegen Kanadas Profis an. Gleich im ersten Spiel siegten die Sowjets in Montreal 7:3 und »zerstörten das Ego der Kanadier« ("International Herald Tribune"). Inzwischen ließ der Weltverband Profis bei Weltmeisterschaften zu.

CSSR-Trainer und -Spieler durften schließlich auch im Westen Geld verdienen. Für 80 000 Mark handelte sich der SC Riessersee etwa den Kapitän der National-Equipe, Josef Golonka, inzwischen Trainer, ein. Bis zu 19 CSSR-Spieler kämpften zur gleichen Zeit für bundesdeutsche Klubs und harte Mark.

Die Staatsfirma Pragosport vermittelte alle und zog zehn bis 30 Prozent ihrer Einkünfte für die staatliche Devisenkasse ein. Durch Sportler-Export vereinnahmte Pragosport jährlich mindestens fünf Millionen Mark.

Sogar die Sowjet-Union lieh Eishockey-Spieler in den Westen aus: Für österreichische Klubs spielten sowjetische Nationalspieler wie Jurij Morosow und Walerij Nikitin. »Nikitin und Co.«, skandierten die Wiener Fans, »schießen all"s k. 0.« Nikitin begann sogar zu wienern: »Do bin i«, bot er sich Nebenspielern an.

Die Leihrussen erhielten etwa 2000 Mark monatlich.« Billiger als Kanadier«, freute sich der Verbandssekretär. Für acht Spieler und einen Trainer erhielt die sowjetische Handeismission 1973 rund 300 000 Mark Leihgebühr.

Auch durch Eiskunstlauf-Profis verbesserten die UdSSR und die (SSR ihre Devisen-Bilanz. (SSR-Olympia-Sieger Ondrej Népela sprang seine Axel und Rittberger »vor allem wegen des Geldes« für die US-Revue »Holiday on Ice«. 30 Prozent gingen an Pragosport.

Russen durften nicht zur US-Revue. »Ein ganz heißes Eisen« meinte Népela. Doch der Grund liegt nahe: Die UdSSR schickt eine eigene Revue, »Ballett auf Eis«. Zu ihr stießen vor allem die zweimaligen Olympiasieger Ljudmila Beloussowa und Oleg Protopopow, die zudem 15 000 Dollar für die Profi-Weltmeisterschaft kassierten.

Auch Tennis-Stars aus dem Ostblock hielten die Hand auf, seit ihre Branche den Veranstaltern offene Preisgelder abgetrotzt hatte. Als einer der ersten Ostblock-Profis besserte der Sowjetrusse Alexander Metreweli durch Preisgelder die Handelsbilanz auf. Der Pole Wojtek Fibak erkämpfte mit dem Bundesdeutschen Karl Meiler die Doppel-Weltmeisterschaft.

»Für uns gibt es kaum einen Unterschied zwischen Profis aus dem Osten und dem Westen«, bestätigte Lutz Abendroth von der Hamburger Tennis-Gilde, dem Veranstalter der Internationalen Deutschen Meisterschaften.

Meisterschaft im Schach zahlte sich seit jeher aus. Weltmeister Boris Spasski verlor seinen Titel zwar 1972 an den Amerikaner

Bobby Fischer. Doch die Niederlage brachte ihm 93 750 Dollar ein. Weltmeister Anatolij Karpow spielte im III. TV-Programm Fernschach gegen die Bundesrepublik.

Jede Woche tüftelten Schachfans einen Gegenzug aus. Der von den meisten Einsendern gewählte Zug galt. Die Partie endete remis. Karpows Honorar: ungefähr 7000 Mark. Sowjetische Großmeister ziehen auch gerne in deutschen Klubs gegen 30 Spieler simultan. Ihre Abendgage beträgt gewöhnlich 3000 Mark.

Nun möchten beim Zug zum Professionalismus auch die Schiedsrichter nicht abseits stehen. In der Fachzeitschrift »Sowjetski Sport« schlug der sowjetische Unparteiische Jurij Sergienko »hauptberufliche Schiedsrichter« wenigstens für die höchste sowjetische Spielklasse vor.

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