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HANDBALL Herbert gegen Herbert

Die bundesdeutschen Olympia-Handbauer enttäuschten bei ihren letzten Tests: Den erfolgreichsten Spieler haben die Funktionäre ausgesperrt.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Im Sommer 1970 veränderte sich ein Industriekaufmann von Minden nach Nettelstedt. Seither sind die Olympia-Chancen der einst favorisierten bundesdeutschen Hallenhandball-National-Mannschaft rapide gesunken.

Denn der Umsteiger war Nationalspieler Herbert Lübking, 30, »der beste Spieler der Welt« (UdSSR-Mannschaftskapitän Maximow). Der Deutsche Handballbund (DUB) beantwortete Lübkings Umzug mit einem Boykott. »Das Kapitel ist abgeschlossen«, winkte Bundestrainer Werner Vick ab.

Um ihren wichtigsten und erfolgreichsten Star geschwächt, kümmerte die Bundesequipe von einer Enttäuschung zur nächsten. Bei der Weltmeisterschaft 1970 purzelte sie vom Favoriten-Podest auf die fünfte Mitläufer-Position, im vorolympischen Test um den Ostsee-Pokal gewann sie nur ein Spiel, in der zweiten November-Woche blieb sie beim Karpatenpokal als Letzte der Endrunde stecken.

»Lübking spielte in meinen Olympiaplänen die größte Rolle«, bekundete Vick. Sein erfolgreichster Stürmer hatte in 116 Länderspielen 599 Treffer erzielt. Aber er versäumte, Vick von seinem Stellungswechsel zeitig zu unterrichten; das kränkte den Bundestrainer. In elf Jahren half er seinem Klub Grün-Weiß Dankersen, den Europapokal und sogar die deutsche Doppelmeisterschaft im Feld- und Hallenhandball innerhalb eines Jahres zu erkämpfen.

Der Sprung- und Wurfathlet diente in Beruf und Freizeit einem Chef: Horst Bentz, dem Klubpräsidenten von Grün-Weiß Dankersen, der zugleich als Chef der Kaffeefilter-Fabrik Melitta in Minden Lübkings Arbeitgeber und Pate seines Sohnes Andre war. In der Betriebsfibel »Block und Blei« schreibt der Filterfertiger seinen Mitarbeitern vor, »jeden Morgen« das Datum im Kalender durchzustreichen« und zwar »kräftig diagonal von unten links nach oben rechts«.

Bentz läßt die Telephonate überwachen, 42 Stunden wöchentlich arbeiten. »das Verhalten im Betrieb in allen Einzelheiten in einer Kartei« festhalten und verbietet das Rauchen. »Bei Melitta habe ich immer das Gefühl gehabt, daß ich einen Handball-Job habe«, gestand Bentz-Untergebener Lübking. »der nur für meine aktive Zeit als Sportler gilt.«

Deshalb plante Lübking nach dem Olympia-Turnier 1972 aus Leistungstraining und Spitzensport auszusteigen. Beizeiten trachtete er, seine vierköpfige Familie sozial zu sichern, solange seine Hand-Fertigkeiten dabei helfen könnten. Dringlich wurde dieser Wunsch, als Zinsen für sein 130 000-Mark-Haus um vier auf zehn Prozent stiegen.

Nun bot die Oberbekleidungsfirma Hucke eine »sichere Position mit beträchtlichen Aufstiegsmöglichkeiten« (Lübking). Melitta-Chef Bentz schätzte freilich keine Mitarbeiter, die »eigenmächtig ändern«. Er beurlaubte seinen Angestellten sofort. Aber Bentz wußte auch: »Lübking ist Dankersen.« 45 000 Mark sollten den Star Heimattreue lehren.

Doch Lübking meldete sich statt dessen bei Dankersen-Funktionär Horstkötter. »Du hältst doch viel von scharfen Sachen«, lockte er an der Theke. Dann verlangte er seinen Spielerpaß. Tatsächlich wechselte Lübking zum Bezirksklassen-Klub TuS Nettelstedt. Anonyme Anrufer schimpften ihn Verräter, drohten ihm Mord an und trieben seine Frau in einen Nervenschock.

»Es sind Summen genannt worden«, summierte DHB-Vorstandsmitglied Herbert Kranz im Fernsehen, was er von Bentz gehört hatte. »Aber wir sind ein Amateurverband, Handball ist eine olympische Sportart.«

Schon einmal war Lübking gegen Norwegen eingesetzt worden, obwohl Kranz bestimmt hatte: »Lübking spielt nicht, dafür lege ich meine Hand ins Feuer.« Diesmal verbannte Kranz den Star, obwohl der OHR keinen Verstoß gegen die Amateurregeln beweisen konnte, obwohl sogar DHB-Präsident Otto Seeber gestand, »Lübking müßte wieder spielen«.

In Testspielen gegen Bundesliga-Equipen bewies Lübking, daß er auch in der Bezirksklasse weder Form noch Wurf kraft eingebüßt hat. Mit TuS Nettelstedt gewann er drei Spiele gegen Spitzenklubs. Sein Verein bot Lübking dem Bundesliga-Mitglied HSV bis zu den Olympischen Spielen als Leihgabe an.

»Auch über die Bundesliga führt kein Weg zurück«. blockte Bundestrainer Vick abermals ab. Dabei enttäuschte seine lübkinglose Mannschaft immer wieder. Denn ihren gefährlichsten Zielwerfer Hans Schmidt vom Europacupsieger VfL Gummersbach bewachten gegnerische Mannschaften nun besonders scharf.

»Ein Hansi Schmidt gehört ebenso wie Lübking von der ersten bis zur letzten Minute in die Nationalmannschaft«, empörte sich »kicker«-Leser W. Schneider. »Lübking, Lübking«, verlangten Zuschauer im Sprechchor bei Pleiten der Nationalmannschaft. Aus Dankersen, dessen Mannschaft in das Bundesliga-Mittelfeld zurückgefallen war, forderten Fans Lübking auf: »Komm zurück.«

in dieser Woche will der Westdeutsche Handball-Verband Lübkings Rehabilitierung im DHB-Präsidium fordern. Sogar Münchens Olympia-Chef Willi Daume, der erste Nachkriegs-Präses der Hand baller, setzte sich für den ausgesperrten Star ein, von dem offensichtlich die Medaillen-Chance abhängt. Doch die Stimmenverteilung im DHB und Posten-Gekungel verschaffen dem Funktionär Herbert Kranz mehr Rückhalt als dem Spieler Herbert Lübking. Und Kranz fürchtet um seinen Funktionärsruf. Deshalb hält er als Vorsitzender der Technischen Kommission sogar gegenüber Vick am Veto gegen Lübking fest.

So freut sich die Konkurrenz. Jugoslawiens Betreuer Vladimir Stenzel fand: »Lübking ist besser als mindestens zehn andere Nationalspieler.« Und der dänische Trainer John Bjorklund urteilte: »Der deutschen Mannschaft fehlt das Genie Lübkings.«

Auch Jugoslawiens Nationalspieler Josip Milkovic versteht die deutschen Funktionäre nicht. »Wenn Vick glaubt, auf Lübking verzichten zu können«, prophezeite er, »soll er sich nicht wundern, wenn Olympia zu einer Pleite wird.«

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