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OLYMPIA / KILLY Herz der Nation

aus DER SPIEGEL 8/1968

Frankreichs Sportminister Francois Missoffe spielte Prophet. »Diese Spiele«, so dozierte er vor der Winter-Olympiade in Grenoble, »können für uns nur mit einem Sieg oder einer Niederlage enden.

Sie endeten mit einem Sieg -- dem totalen Sieg des französischen Ski-Olympiers Jean-Claude Killy, 24.

·.Ganz Frankreich steht im Zeichen von Killy«. schwärmte das gaullistische Massenblatt »France-Soir«. Ganz Frankreich sonnt, sich im Ruhm des »Zöllners mit dem Filmstar-Profil« ("International Heraid Tribune"), der im alpinen Zentrum Chamrousse bei Grenoble die Ski-Elite aus aller Weil. beherrschte.

Wenn der gallische Wunder-Wedler in den beiden letzten Wochen über olympische Pisten fegte, ruhte die Diplomatie, verfolgten am Fernsehschirm neben Millionen Franzosen auch Staatschef und Minister den blau-weiß bedreßten Meisterfahrer. Aus der Olympiade von Grenoble wurde eine »killyade« von Chamrousse ("Die Welt").

Die Illustrierte »Paris-Match« feierte Killy als »Superstar« und »besten Skiläufer aller Zeiten«; die rechte »Aurore« pries ihn als »jagenden Panther und wendige Schlange, die Sportzeitung »L'Equipe« machte ihn zum »Helden unserer Zeit', und selbst der seriöse »Monde« begeisterte sich: »Ein Ritter des modernen Abenteuers.«

Angst und Freuden des Helden wurden zu Angst und Freuden der Grande Nation. Sie wand sich vor Schmerzen mit, wenn Killy über sein empfindliches Wirbelbein klagte. Sie jauchzte auf, wenn Killy-Leibkorrespondent Dominique Franza im »France-Soir« meldete: »Killy gelassen und heiter.« Killy bestimmte Herz- und Pulsschlag eines ganzen Volkes.

Durch den Olympioniken Jean-Ciaude Killy, Nachfahr eines irischen Söldners aus den Napoleon-Kriegen (ursprünglicher Name: Kelly), fühlen sich die Franzosen nun auch im Sport als die größten. Durch Killys Siege meinen sie nach der intellektuellen Vormachtschaft nun auch die athletische erobert zu haben. Dank dem Zöllner Killy aus dem Val d'Isére hält sich das Volk der Eierköpfe nun auch für ein Volk der Muskelmänner.

Es war Charles de Gaulle, der Anfang der sechziger Jahre erkannte, daß neben Geist und Kultur im Zeitalter der Massenmedien auch Sportlichkeit und Körperkraft den Wert einer Nation bestimmen.

Als die Franzosen 1960 in Rom ohne olympisches Gold blieben, stöhnte der General: »Eine nationale Katastrophe.« Wenig später ordnete ei' die sportliche Mobilmachung an und ernannte Maurice Herzog zu seinem Sport-Marschall.

Zwischen 1962 und 1966 investierte Frankreich 1,85 Milliarden Mark in Leistungszentren und Sportinstitute -- davon im Jahre 1966 allein 700 Millionen.

Für die Vorbereitung auf die Sommer-Olympiade im 2278 Meter hohen Mexico City bauten Sport-Ingenieure und Städtebauer im 1860 Meter hohen Font-Romeu in den Pyrenäen für 32,5 Millionen Mark das modernste Hochleistungszentrum Westeuropas.

Intensiver noch als auf die Sommerspiele bereiteten sich die Franzosen auf die Winter-Olympiade im eigenen Land VOr.

Besonders in den alpinen Konkurrenzen hofften die Franzosen auf Erfolge. Nationaltrainer und Ex-Major Honoré ("Napoleon") Bonnet tüftelte im Windkanal des französischen Weltraumforschungs-Instituts ideale Ski-Haltung und Ski-Kleidung aus und trainierte mit den besten Ski-Schülern von Alpen- und Pyrenäen-Pisten immer wieder rasende Schußfahrt und Slalom-Wedeln. Erster Großerfolg: Bei den Ski-Weltmeisterschaften von Portillo eroberten Frankreichs Alpine 1966 sechs von acht möglichen Goldmedaillen.

Nach einem ausgeklügelten Vorbereitungssystem machte der Ski-Napoleon seine alpinen Schützlinge dann fit für den Olympia-Sieg.

Im letzten Herbst trainierten die 16 besten Skifahrerinnen und Pistenrenner Frankreichs in einem Waldgelände in Cannes Geländelauf, Gewichtheben und Radfahren.

Jean-Claude Killy stand währenddessen dein Maler Mac Avoy Modell, dem Proträtisten des großen Generals. Als Ersatz für eine Schneelandschaft benutzte der Künstler 20 Bettlaken. Das Monumental-Gemälde, vom französischen Olympia-Komitee bezahlt, hängt heute neben einem Utrillo im Museum von Grenoble.

Im Oktober hetzte Bonnet seine Medaillen-Anwärter über die Steilpisten von Chamonix -- ohne Skier. Um neben der Muskulatur auch Knöchel- und Kniegelenke zu stärken, band er ihnen die Arme am Körper fest.

Im Winter jagten Frankreichs alpine Stars mit Walkie-talkie-Geräten über die Pisten und beurteilten ihre Abfahrten ausschließlich anhand aufgezeichneter Fernsehfilme.

Erst zum Abschluß des Trainingsprogramms schickte Bonnet seine Eleven unter Renn-Bedingungen über mehr als 400 Kilometer Alpenpiste. Tag für Tag mußten die Killy & Co. 600 bis 800 Slalom-Stangen umwedeln, um sich Kondition und Routine zu verschaffen. Bonnet: »Es genügt nicht, Energiequellen zu schaffen, man muß auch lernen, darüber zu verfügen.«

Termingerecht waren Fahrerinnen und Fahrer in Höchstform -- beim Beginn der Spiele von Grenoble, jener Schau gaullistischer Gloire und Grandeur, die Frankreichs Staatschef nach Vorschlag seines Elysee-Stabs mit dem Satz inauguieren sollte: »Ich erkläre die Zehnten Olympischen Winterspiele für eröffnet, in dieser Stadt Grenoble, deren Anstrengungen von der Erneuerung Frankreichs zeugen.« Das olympische Protokoll aber gestattete dem General nur den ersten Teil des Satzes.

Von der »Erneuerung Frankreichs« zeugten indessen seine Alpinen. Schon im ersten Wettbewerb, dem Abfahrtslauf der Herren, siegte Killy ("in Grenoble interessiert mich nur Gold") -- vor einem zweiten Franzosen, dem Ski-Veteranen Guy Périllat. Kommentierte J.-S. Farkas von Radio Luxembourg: »Der Abstand zwischen ihnen war genau ein de Gaulle« (195 Zentimeter).

Im folgenden Riesen-Slalom lag Killy bereits mehrere de Gaulles vor dem Schweizer Willy Favre. Denn der intelligente Hotelierssohn Killy ist, wie die Wochenzeitung »Le Nouvel Observateur« rühmte, »nicht nur ein Abfahrtsläufer, sondern auch ein Stratege auf Skiern und ein Künstler, der über sich nachdenkt«. »L'Equipe": »Halb Supermann, halb Sokrates.«

Über Nacht ward er zum Idol der Nation -- wie sonst nur die Dauer-Radler der Tour de France. Schon nach Killys Abfahrtssieg brachten Postboten mehr als 400 Glückwunsch-Telegramme, darunter eines von Finanzminister Michel Debré, dem obersten Dienstherrn des Zöllners: »Sind alle stolz auf Sie.«

»France-Soir« druckte auf seiner Olympia-Sonderseite ein Plakat mit dem Bild Killys -- zum Ausschneiden. Und auch auf der Rückseite der Medaillen, die der Sieger Killy im Grenobler Eispalast empfing, prangte das Bildnis eines Skiläufers -- des Franzosen Jean-Claude Killy.

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