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High-noon auf dem Centre Court

aus DER SPIEGEL 42/1993

Das Urteil von Hamburg schafft einen Gegensatz, mit dem sich der Sport schon immer gut vermarkten ließ. Künftig wird es auch im Damentennis heißen wie zuletzt beim Duell des sauberen Sprinters Carl Lewis mit Doper Ben Johnson: Gut gegen Böse. Wie in den achtziger Jahren bei Chris Evert und Martina Navratilova werde es nun, glaubt Tennis-Promoter Ion Tiriac, zwischen Monica Seles, 19, und Steffi Graf, 24, keine gewöhnlichen Matches mehr geben - nur noch Highnoon auf dem Centre Court.

Als bloße Weltranglistenerste war Seles uninteressant, unnahbar und ungeliebt. Seit dem Attentat ist alles anders: Das Opfer wurde zu einer »Art Greta Garbo des Tennis« (Tennis Magazin) aufgebaut. Steffi Graf, die von der Zwangspause profitierte, gilt hingegen, so Tiriac, als »unverdiente neue Erste«, die von der Hilfe eines deutschen Attentäters und einer deutschen Richterin profitiert hat.

»Bisher wurde Monica Seles nicht angenommen«, sagt Bundestrainer Klaus Hofsäss, »jetzt werden ihr alle zujubeln.« Die neue Rolle ist gut fürs Geschäft, so zynisch sieht Seles-Vermarkter Mark McCormack die Wandlung: »Die Menschen wollen, daß ihre Stars leiden, sich hocharbeiten, verlieren und wieder siegen.«

Die Serbin, die derzeit in Sarasota (Florida) trainiert und nach eigener Einschätzung bereits wieder über »kräftige Beine« verfügt, könnte unter Angeboten aus aller Welt wählen. Als einzige Prämisse nannte Vater Karoly Seles: »Wir meiden Deutschland.« Doch blitzten auch japanische Organisatoren ab, die laut McCormack »Millionen von Dollar« für Schaukämpfe gegen die Deutsche bieten. Ihre Rückkehr ins große Turniertennis plant Monica Seles bei den Australian Open Mitte Januar in Melbourne; für das Finale rechnet Hofsäss mit »dem Duell, auf das die ganze Branche wartet«.

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