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Eishockey Hilfe vom Doktor

Die deutsche Nationalmannschaft braucht Olympiaerfolge, um die Krise der Bundesliga zu bekämpfen.
aus DER SPIEGEL 8/1994

So bärbeißig wie Stefan Ustorf die drei Sorten Pasta vom Buffet auf seinen Teller schaufelt, erweckt der Eishockey-Nationalspieler den Eindruck, er wolle den nächsten Gegner allein mit Kohlehydraten besiegen. Drei Stunden nach »dem blöden 0:1 gegen die Tschechen« gewinnt der Kaufbeurer dem fortgeschrittenen Abend dann doch noch Unbeschwertes ab: Mit Kollegen stimmt er bayerisches Liedgut an.

Ustorfs schwankende Gemütslage am vorigen Mittwoch war typisch für die Stimmung der Nationalmannschaft in der ersten Olympiawoche.

Zwei dürre Pflichtsiege gegen Österreich und Norwegen hatten die Profis auf eine Weise schöngeredet, die an die mühseligen, aber erfolgreichen Auftaktspiele deutscher Fußballer bei großen Turnieren erinnerten. Dem respektablen, aber erfolglosen Spiel gegen Tschechien folgte ein historisches 4:2 über Rußland. Cool redete Stürmer Thomas Brandl den Sieg gegen die einstige Großmacht herunter: »Wir haben die Russen geschlagen, na und?«

Doch das wichtigste Match, betonten die Deutschen, komme erst noch: Am Mittwoch kämpfen sie um den Einzug ins Halbfinale, in dem dann die Medaillen ausgespielt werden. Der Tscheche Ludek Bukac, seit Herbst 1991 deutscher Nationaltrainer, ist mit seinem Team bei großen Turnieren stets so weit gekommen wie jetzt in Lillehammer. »Das ist nicht mehr genug für Deutschland«, weiß Bukac, »wir wollen die Schwelle zur Medaillenrunde endlich überschreiten.«

Es ist schon fast ein Muß. Bei Olympia entscheidet sich die nahe Zukunft des deutschen Eishockeys, das daheim in der Bundesliga in eine beispiellose Finanzkrise geschlittert ist - die Klubs sind mit über 20 Millionen Mark verschuldet. Als Ausweg plant Ulf Jäkel, der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes, eine privatwirtschaftlich organisierte Profiliga nach amerikanischem Vorbild. Da käme ein Impuls durch das »Medien- und Marketing-Aushängeschild« (Jäkel) für die Verhandlungen mit Sponsoren gerade recht.

Die Zeichen stehen günstig. Keine der traditionellen Eishockey-Nationen tritt in Lillehammer mit Profis an, die in der nordamerikanischen National Hockey League (NHL) engagiert sind und dort spielen müssen. Weltmeister Rußland hat Spieler für drei komplette Teams nach Übersee verloren.

»Die Weltspitze ist näher zusammengerückt«, sagt Bukac. Die Überraschung gegen die Russen bestätigte ihn: »An einem guten Tag können wir jedes Land schlagen.«

Unter der Ägide des Doktors der Philosophie, der 1985 die tschechoslowakische Mannschaft zum Weltmeistertitel führte, wurden alternde Stars wie Udo Kießling, Karl Friesen, Harold Kreis und Gerd Truntschka ausgemustert. Noch nie trat eine deutsche Olympia-Equipe mit so vielen jungen Spielern auf, nur 12 von 23 Profis waren vor zwei Jahren in Albertville dabei.

Bukac, der es als »meine Pflicht« empfindet, bei gleicher Leistung »den jüngeren Spieler einem älteren« vorzuziehen, testete über 130 junge Spieler. Mit Alexander Serikow berief er sogar einen 18jährigen ins Team, der in der Bundesliga oft nur Reserve ist.

Stefan Ustorf, 20, der voriges Jahr unter ähnlichen Umständen debütierte, sieht im konsequenten Abschaffen der Erbhöfe »eine enorme Motivation für junge Spieler, auch aus kleinen Klubs«. Beeindruckt vom »unglaublichen Fachwissen«, nennt Ustorf seinen Trainer stets »Doktor Bukac«.

Daß der Coach »Deutschlands größtes Talent« so früh im Nationalteam einsetzte, hat sich für den Stürmer schon gelohnt: Nach den Winterspielen wird Ustorf seinen Dienst bei den Washington Capitals in der NHL antreten.

»Die Basis breiter zu machen, mehr Spieler an internationale Aufgaben heranzuführen«, war für Bukac eine Anforderung, die ihm »das moderne Eishockey« stellt. Wo früher Individualisten zwei Minuten lang auf dem Eis ihre Kringel drehen durften, wird jetzt schon nach 30 bis 40 Sekunden gewechselt. Während ehedem allein der erste Sturm für die Tore verantwortlich war und die Vasallen der zweiten und dritten Reihe vorrangig Schaden vom eigenen Tor abzuwenden hatten, funktioniert das Spiel heute nur noch im Kollektiv.

Das gilt auch an der Bande. Bukac, 58, betreut während des Spiels die vier Sturmreihen; die Verantwortung für die drei Verteidigerpaare hat er an seinen Co-Trainer Franz Reindl, 39, abgetreten. Fein manikürt, mit Silberhaar, Goldrandbrille und schwarzem Cordsakko, wirkt Bukac wie ein Professor aus der Herzchirurgie - und Reindl wie sein etwas rustikaler Assistenzarzt.

Als müßten die beiden auch in ihrer Körpersprache Corporate identity beweisen, wechseln sie oft zeitgleich von Anspannung (Arme verschränkt vor Brust) über Gelassenheit (Hände auf dem Rücken gefaltet) zu Ungeduld (Hände in Hosentaschen vergraben). Für Trainer, »die wild loswüten, wenn das Rotlicht der Kamera aufleuchtet«, hat das Duo nur Verachtung übrig; Reindl nennt sie »Red light coaches«.

Die neue Spieler-Generation - sachlich, professionell, uniform - ist mit Kraftmeierei nicht mehr zu beeindrucken. Bukac setzt deshalb »auf den mündigen, eigenverantwortlichen Profi«, ließ das Team über den neuen Kapitän demokratisch abstimmen und erlaubte den Olympia-Fahrern, ihre Frauen nach Norwegen mitzubringen.

Als Gegenleistung erwartet der Gelehrte aus Prag, daß sich jeder dem Konkurrenzkampf stellt. Die Zeiten, wo Spieler je nach Belieben ein WM-Turnier pausierten, sind vorüber. »Machtproben«, stellt Präsident Jäkel zufrieden fest, »wagt in der Ära Bukac keiner mehr.«

Konflikte lauern außerhalb. Das alte deutsche Eishockey hielt vorige Woche auf der Tribüne Volksreden. Xaver Unsinn, 64, selbsternannter »Mister Eishockey«, wußte es nach jedem Spiel besser. Mal fehlte ihm »der Gerd Truntschka« im Aufgebot, mal mißfiel ihm die Defensivtaktik. Dann wieder monierte der Mann, der wie früher mit Pepita-Hut auf dem Kopf und Bundesadler auf dem Ärmel die Spiele beobachtet, die sparsamen Gesten seines Nachfolgers an der Bande: »Er wirkte nervös.«

Bukac, der von seiner Mannschaft den Einzug ins Halbfinale verlangt, »um ihren Willen zu schärfen«, spürt plötzlich selbst Druck. Der Tscheche weiß, daß sein Reformkurs kritisch beobachtet wird: »Man braucht Erfolg, um etwas bewegen zu können.«

So wirkt der Eishockey-Romantiker manchmal zu fein und zu vorsichtig, seine Visionen auch durchzusetzen. War er nach dem Sieg über Norwegen in der ihm eigenen Sprachmelange noch von der »Kohäsivität der psychischen Kapazität meiner Spieler« überzeugt, beschlich ihn nach der Niederlage gegen seine Landsleute Angst vor der eigenen Courage: »Unser erstes Ziel ist das Erreichen des Viertelfinales.« Der Triumph über die Russen machte ihn wieder selbstsicher: »Meine Mannschaft hat Charakter.«

Ein viertes Scheitern vor dem Halbfinale könnte den Fortschritt für Jahre stoppen. In Zukunft, ahnt Reindl, werde es wieder schwerer, bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen nach Medaillen zu greifen. »Wenn sich Lettland, Weißrußland und die Ukraine etabliert haben, müssen wir auf der Hut sein, sonst finden wir uns schnell in der zweiten Gruppe wieder.« Y

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