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»Hinter Beckenbauer ein großes Fragezeichen«

SPIEGEL-Gespräch mit Trainer Cesar Luis Menotti über den deutschen und den internationalen Fußball *
Von Kurt Röttgen
aus DER SPIEGEL 6/1986

SPIEGEL: Senor Menotti, mit dem Länderspiel in Avellino gegen Italien beginnt für den deutschen Fußball am kommenden Mittwoch die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft in Mexiko. Zuletzt hat Franz Beckenbauers Mannschaft meist enttäuscht. Welche Chancen geben Sie ihr bei der WM?

MENOTTI: Deutschland ist einer der ernsthaftesten Titelanwärter, wenn es mit seiner besten Elf antritt.

SPIEGEL: Sie sind offenbar ein sehr höflicher Mensch.

MENOTTI: Ich sage das nicht aus Höflichkeit, und ich bin auch nicht Pele, der jedes Land zu einem WM-Favoriten macht, dessen Reporter ihn gerade interviewen. Wenn es nach Peles Prognosen geht, erreichen 16 Mannschaften das Endspiel in Mexiko-Stadt.

SPIEGEL: Bleiben wir bei Ihren Prognosen, die verblüffen ebenfalls. Wie kommen Sie zu der hohen Einschätzung der deutschen Elf?

MENOTTI: Deutschland verfügt über so herausragende Spieler wie Matthäus Briegel, Littbarski, Völler, Rummenigge. Zu der Mannschaft, die in Mexiko siegen kann, gehören allerdings unbedingt auch Schuster und Stielike. Das ist die Einschränkung, die ich mache.

SPIEGEL: Wieso denn Stielike? Der war doch nicht einmal mehr für Real Madrid gut genug, sondern kickt jetzt in der betulichen Schweiz.

MENOTTI: Ich sage das, weil Beckenbauer ständig auf der Position des Libero experimentiert. Stielike hat mehr internationale Erfahrung als jeder andere deutsche Libero und ist konditionell immer noch fit. Ich habe ihn unlängst erst beobachtet.

SPIEGEL: Sie waren Bernd Schusters Trainer beim FC Barcelona. Halten Sie es für möglich, daß er noch vor der WM von seinem Entschluß abrückt, nie mehr für Deutschland spielen zu wollen?

MENOTTI: Wenn einer kein Interesse mehr hat, muß die Nation das respektieren. Aber wenn ich an Beckenbauers Stelle wäre, würde ich sofort zu Schuster nach Barcelona fliegen und ihm sagen: Herr Schuster, ich brauche Sie, Sie sind der Kapitän der Nationalelf. Für Schuster ist es wichtig, akzeptiert zu werden. Ich denke, daß er mit sich reden ließe.

SPIEGEL: In der deutschen Öffentlichkeit hat Schuster ein negatives Image wie kein anderer Fußball-Profi. Er wird vom größten Teil der Medien als der schwer erziehbare Junge der Nation dargestellt, der zudem ständig von einer zickigen Ehefrau gegängelt werde.

MENOTTI: Was die deutschen Journalisten da geschrieben haben und immer noch schreiben, ist ein kompletter Blödsinn. Frau Schuster ist freundlich und liebenswürdig. Sie war oft mit den Kindern beim Training, sie unterstützt ihren Mann, ist solidarisch mit ihm. Was soll daran falsch sein?

SPIEGEL: Sie hatten, im Gegensatz zu Jupp Derwall oder jetzt Franz Beckenbauer, nie Probleme mit Schuster?

MENOTTI: Schuster ist ein typischer Deutscher. Er hat anfangs Schwierigkeiten, zu kommunizieren, doch sobald er Vertrauen gefaßt hat, öffnet er sich total. Er sagt, was er denkt, und wie alle jungen Leute sagt er es als letzte Wahrheit. Das schafft zwangsläufig Konflikte, aber der Spieler kann von einem älteren Trainer erwarten, daß er ihm bei deren Bewältigung hilft. Schuster ist zwar nicht Schneewittchen, doch die Geschichten, die über ihn verbreitet werden, stimmen einfach nicht.

SPIEGEL: Was unterscheidet Schuster von Diego Maradona, der beim FC Barcelona und in der argentinischen Nationalelf ebenfalls Ihr Schützling war?

MENOTTI: Auf dem Platz ist Schuster ein Stratege, Maradona nicht. Schuster arbeitet genauso viel für den Erfolg der Mannschaft wie jeder unbekannte Spieler, er beansprucht niemals Sonderrechte. Maradona hingegen ist ein Individualist, _(Mit Redakteur Kurt Röttgen im Hotel ) _(Sheraton in Buenos Aires. )

der persönlich triumphieren will.

Vom Naturell her ist Maradona fröhlicher, lockerer, aber in seinen Beziehungen zu anderen Menschen auch berechnender als Schuster, der frontal sagt, was ihm mißfällt. Für den verschwenderischen Maradona beginnt der Tag erst abends um zehn, während der sehr diszipliniert und sparsam lebende Schuster wahrscheinlich nicht einmal ins Kino geht, sondern sich eine Videokassette ausleiht und die dann zu Hause anschaut.

SPIEGEL: Sie haben sich vor einiger Zeit kritisch zur Berufung Beckenbauers als Teamchef geäußert. Stört es Sie etwa, daß er keine Trainerlizenz hat?

MENOTTI: Ich disqualifiziere Beckenbauer nicht, ich habe persönlich eine exzellente Beziehung zu ihm. Aber andere Trainer haben erst den Nachweis ihrer Befähigung erbringen müssen, bevor sie eine solche Position erreichten. Zum Beispiel Helmut Schön.

SPIEGEL: Beckenbauer war, neben Pele, Cruyff, Di Stefano, der größte Spieler der Fußball-Geschichte. Was soll er über Fußball noch lernen müssen?

MENOTTI: Es ist auffallend, daß er so viele Schwierigkeiten hat bei der Zusammensetzung seiner Elf. Nicht immer ist der etwas bessere Spieler auch der wertvollere für das Team. Ein Trainer muß die jeweiligen Vorzüge sehr sorgfältig abwägen. Wenn ich heute die Wahl habe, mit Prinzessin Caroline oder Elizabeth Taylor ins Bett zu gehen, brauche ich nicht lange zu überlegen. Aber wenn ich mich zwischen Caroline und ihrer Schwester entscheiden soll, wird es schwieriger. Verstehen Sie?

SPIEGEL: Gewiß. Haben Sie die Wahl?

MENOTTI: Das sollte nur ein Beispiel sein. Beckenbauers Ansehen als Teamchef wird in Deutschland gestützt von seiner brillanten Karriere als Spieler, doch die Regel besagt: Kaum einmal ist ein großer Spieler auch ein großer Trainer geworden. Ein Trainer, der sich in seiner aktiven Zeit als Fußballer vieles hart erarbeiten mußte, kommt mit den technischen und taktischen Problemen seiner Spieler eher klar als der einstige Star, dem alles zufiel. Hinter Beckenbauer steht ein großes Fragezeichen.

SPIEGEL: In den vergangenen Monaten haben Sie alle 24 Teilnehmer an der Fußball-Weltmeisterschaft in Kurzfilmen porträtiert. Sie kennen also Stärken und Schwächen der Teams. Was bringt die WM vom 31. Mai bis 29. Juni 1986 den Fans?

MENOTTI: Ich denke, die Lust am Fußball wird erneuert werden, das Schöne an diesem Sport dominieren.

SPIEGEL: Woher nehmen Sie die Zuversicht? Vor vier Jahren in Spanien überwog der Frust. Die Skandalpartie Deutschland gegen Österreich, brutale Fouls und vorwiegend langweilige, von Berechnung und Erfolgsdenken bestimmte Spiele verdeckten die wenigen Höhepunkte.

MENOTTI: Die Mexikaner haben ein anderes Naturell als die Spanier, sie sind verspielter, längst nicht so hart. In Spanien regte es niemand auf, wenn Maradona oder Platini getreten wurden. In Mexiko haben die Menschen an ein Fußballspiel andere Erwartungen, denen werden sich die Spieler nicht entziehen können. Es wird eine ganz besondere Verbindung zwischen Darstellern und Zuschauern geben.

SPIEGEL: So argumentieren viele Trainer und Funktionäre in seliger Erinnerung an die glanzvolle Weltmeisterschaft in Mexiko vor 16 Jahren. Doch seither ist manches anders geworden. Der Fußball hat weltweit an Attraktivität verloren, auch das Land war damals weniger kaputt als heute.

MENOTTI: Wie alle Völker mit ausgeprägtem Nationalgefühl wollen die Mexikaner ihr Land zur Schau stellen. Gerade wegen der wirtschaftlichen Probleme, die sie haben. Sie wollen, daß die ganze Welt von ihrem Fest spricht.

SPIEGEL: Ein Fest sollte auch das Europapokal-Endspiel zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool im vorigen Mai in Brüssel werden. Am Ende gab es 39 Tote. Viele Menschen

wandten sich mit Entsetzen ab von einem Sport, der zunehmend von Gewalt beherrscht wird.

MENOTTI: Unsicherheit verursacht Gewalt. Das Verhalten der englischen Fans ist das Produkt einer unsicheren Jugend voller Konflikte. Es ist also ein Problem der englischen Gesellschaft.

SPIEGEL: Das den Fußball unmittelbar betrifft. Die Engländer werden auch in Mexiko einfallen.

MENOTTI: Gewalttätigkeit bei dieser Weltmeisterschaft zu verhindern ist das größte Problem der Organisatoren.

SPIEGEL: Seit Schumacher bei der WM 1982, in Spanien den Franzosen Battiston krankenhausreif foulte, hat auch die Gewalt auf dem Spielfeld eine neue Dimension erlangt.

MENOTTI: Diese Gewalt entsprang dem Reflex eines Mannes, dessen Puls auf 150 war. So etwas hat es bei Fußball-Weltmeisterschaften immer wieder mal gegeben. Viel schlimmer ist die Gewalt, die in den Umkleideräumen entsteht, die geplant ist. Der Italiener Gentile setzte sie gegen Maradona gezielt als Waffe ein, um einen Protagonisten des schönen Fußballs zu eliminieren. Dadurch werden die Zuschauer verraten, weil die Idee des Spiels verraten wird.

SPIEGEL: Die Italiener haben zwar womöglich den Fußball verraten, dafür wurden sie aber Weltmeister.

MENOTTI: Der Wert des Fußballs ist nicht vom Ergebnis abhängig, sondern von der Qualität des Spiels. Wenn wir den Zuschauern nichts anderes mehr bieten können als Erfolgsdenken und Gewalt, werden sie sich abwenden.

SPIEGEL: Wie definieren Sie Fußball?

MENOTTI: Fußball ist ein Spiel, das zu seinem Ursprung zurückfinden muß. Es ist ein fröhliches Fest, an dem die Menschen teilhaben sollen, das ihre Gefühle ausdrückt und Lebensfreude vermittelt. Das Spiel basiert auf Inspiration, auf Einsatz zu Diensten der Intelligenz. Nur dann ist Fußball ein kulturelles Phänomen. Sonst ist dieser Sport nichts anderes mehr als ein zusätzlicher Konsum ohne jede Bedeutung, angeheizt von Geschäftemachern.

SPIEGEL: Fast alle Trainer rechtfertigen destruktive Spielweise und Brutalität mit dem Erfolgszwang, der Risikobereitschaft und Schönheit nicht zulasse.

MENOTTI: Es gibt den rechten und den linken Fußball. Der rechte Fußball will uns suggerieren: Das Leben ist Kampf, verlangt Opfer, wir müssen uns stählen und mit allen Mitteln gewinnen. Der Trainer sagt dem Spieler, er solle sich nicht mit dem Präsidenten anlegen und sich nur ja jeder politischen Meinungsäußerung enthalten. Sich anpassen und funktionieren, so hat die Oberschicht auch den Fußball-Profi am liebsten. Es ist ihr nur recht, daß auf diese Weise fortwährend Dummköpfe kreiert werden, nützliche Idioten des Systems.

SPIEGEL: Wollen Sie von einem Fußball-Profi verlangen, daß er die Gesellschaft verändert? Was verstehen Sie unter linkem Fußball?

MENOTTI: Man kann die Leute Verdummen und permanent Scheiße produzieren wie Julio Iglesias, oder man kann eine Shakespeare-Inszenierung zu einem Kunstwerk machen wie Laurence Olivier. Fußball-Profis sind Künstler, sie haben die Pflicht, ihrem Publikum immer das Beste anzubieten. Das ist die Schönheit ihres Spiels, nicht die Zerstörung. Die Spieler, die sich dessen bewußt sind, zeigen den nötigen Respekt vor den Menschen, die sie bezahlen.

SPIEGEL: Wie wahr. Aber der Berufsfußball funktioniert real nach den Gesetzen der Arbeitswelt und des Marktes. Wer Erfolg hat und oben ist, macht Kasse. Der Verlierer ist immer der Dumme.

MENOTTI: Das ist ja gerade die kurzsichtige Betrachtungsweise von kleinkarierten Trainern, Managern und Journalisten, die uns einreden wollen, der Erfolg sei alles, was zählt. Wie soll denn ein

Zuschauer in den Industrienationen noch Freude am Fußball haben können, wenn ihm im Stadion auch nur die Bedingungen seiner Arbeitswelt geboten werden: Anpassung und nüchterne Berechnung statt Emotion und Risiko? Er wird dem Spektakel eines Tages den Rücken zukehren, weil es keines mehr ist.

SPIEGEL: Die Bundesliga-Profis, erst recht die noch besser dotierten Spieler in Italien und Spanien, könnten Ihnen entgegnen: So wie es ist, leben wir nicht schlecht.

MENOTTI: Wie Diego Maradona. Der will sich jetzt sogar einen Rolls-Royce kaufen.

SPIEGEL: Wenn er ihn bezahlen kann.

MENOTTI: Er hat längst seine Identität verloren. Fußball ist ein Spiel des Volkes. Ich verlange von einem Profi, daß er sich der Interessen einer Gesellschaftsschicht bewußt ist, aus der er selbst kommt oder die es ihm zumindest ermöglicht, das zu tun, was er am liebsten macht. Und womit er sein Geld verdient. Er kann kein isoliertes Luxusleben führen, das Volk ständig die Distanz spüren lassen. Es ist bereits sehr viel Nähe verlorengegangen.

SPIEGEL: Es entspricht der Mentalität von Aufsteigern, das Erreichte bewahren zu wollen. Zwar stammen die meisten Bundesligaspieler aus dem Kleinbürgertum, doch sie empfinden sich längst als Angehörige besserer Kreise.

MENOTTI: Sie sind deren Dekorationsstücke, dumme Jungens, die benutzt werden, solange sie im öffentlichen Interesse stehen. »Von den wenigen ganz großen Stars abgesehen, schert sich niemand mehr um einen Fußball-Profi, der 34 Jahre alt ist, vier Kilo Übergewicht hat und nicht mehr so schnell rennen kann wie früher. Er ist dann nicht einmal ein Facharbeiter.

SPIEGEL: Was empfehlen Sie also, einem jungen Fußball-Profi?

MENOTTI: Daß er sich seines Status bewußt ist. Er ist Fußballspieler und kein Vertreter des Jet-set. Dies gilt auch für den Umgang mit den Medien, die ihm vorgaukeln, ein Held zu sein. Womöglich sogar so einer wie dieser verstörte Rambo.

SPIEGEL: Bei den Zeitungslesern besteht ein großer Bedarf an Storys aus dem Privatleben erfolgreicher Sportler. Boris Becker füllt seit seinem Wimbledonsieg beinahe jeden Tag eine ganze Seite der Boulevardblätter. In Italien können drei täglich erscheinende Sportzeitungen existieren.

MENOTTI: Ich halte es für fatal, wenn für eine Gesellschaft von Bedeutung sein soll, welche Unterhose ein Sportler trägt oder wann er zum erstenmal ein Mädchen geküßt hat. Neulich lag ich mit meiner Frau am Strand in Mar del Plata, da kam eine junge Journalistin

und fragte, ob sie ein Interview mit mir machen könne. Ihre erste Frage hieß: »Reden Sie dabei, wenn Sie mit Ihrer Frau schlafen?«

SPIEGEL: Und?

MENOTTI: Ich habe ihr einen Klaps auf den Po gegeben und gesagt, sie solle daheim noch ein bißchen üben, wie man einen Trainer interviewt. In ihrer Zeitung hat sie dann geschrieben, ich sei sicher deshalb so komisch gewesen, weil meine Frau dabei war.

SPIEGEL: Ihnen macht es keine Mühe, sich zu artikulieren. Aber die meisten Fußball-Profis haben keine höhere Schule besucht, sie sind Reportern in aller Regel schon rhetorisch unterlegen.

MENOTTI: Jeder Mensch hat die Möglichkeit, zu lernen. Berufsfußballer haben ja wohl Zeit genug. Mehr jedenfalls als die jungen Arbeiter, die nach Feierabend Kurse ihrer Gewerkschaften besuchen und dann politisch mitreden können, im Gegensatz zu den meist indifferenten Spielern.

SPIEGEL: Kein Präsident eines Bundesligaklubs hat es gerne, wenn sich einer seiner Spieler politisch äußert.

MENOTTI: Eine Kaste von mittelmäßigen Funktionären meint überall, Fußball müsse unpolitisch sein. Das ist ein kompletter Blödsinn. In jeder Gesellschaft gibt es etwas zu verbessern, und Fußballspieler sollten ihre auf vielleicht zehn Jahre begrenzte Popularität nutzen dazu beizutragen. Hernach hört ihnen sowieso keiner mehr zu.

SPIEGEL: Sollte sich ein deutscher Fußball-Profi in der Friedensbewegung engagieren?

MENOTTI: Unbedingt. Sein Engagement sollte sich auch gegen die Stationierung von Pershings richten.

SPIEGEL: Ewald Lienen wird es gerne hören. Sie haben zwar 1978, nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft, dem damaligen Junta-Präsidenten Videla den Handschlag verweigert, doch später ging ein Photo um die Welt, das Sie in herzlichem Einvernehmen mit General Galtieri zeigte.

MENOTTI: Das Einvernehmen war nicht herzlich. Galtieri kam überraschend zum Training der Nationalelf, stürzte nach Trainingsschluß auf mich zu, und die von der Junta bestellten Photographen hatten das erwünschte Bild. Es war die typische Methode der Faschisten, sich vor der Weltöffentlichkeit aufzuwerten und einen Mann des Volkes beim Volk zu denunzieren.

SPIEGEL: Es ist noch in eindrucksvoller Erinnerung, wie nach dem WM-Sieg mehr als 100000 Ihrer Landsleute in beinahe stiller Verzückung bis zum Morgen durch die Avenida 9 de Julio von Buenos Aires zogen. Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob Sie damals die Diktatur gestützt haben?

MENOTTI: Fußball ist nicht Opium fürs Volk, sondern ein Ausdruck seines Lebensgefühls. Videla wäre zu dem Zeitpunkt auch dann nicht gestürzt worden, wenn wir nicht Weltmeister geworden wären. Ich bin immer für die Demokratie eingetreten und habe deshalb viele Schwierigkeiten gehabt.

SPIEGEL: In Lebensgefahr waren Sie wohl nicht, als Sie die Petition unterschrieben, in der Aufklärung über das Schicksal der Verschollenen verlangt wurde? Ihre Popularität schützte Sie.

MENOTTI: Nein, in Lebensgefahr war ich gerade nicht. Aber plötzlich gab es Probleme mit der Steuerbehörde, mir wurde ständig die Entlassung als Nationaltrainer angedroht. Sicherheitskräfte versuchten, mein Haus zu durchwühlen und waren präsent, wo immer ich auftauchte.

SPIEGEL: Seit Sie im Sommer 1984 beim FC Barcelona ausgeschieden sind, arbeiten Sie nicht mehr als Trainer. Vor einigen Monaten lehnten Sie es ab, den argentinischen Klub Velez Sarsfield für eine Jahresgage von 300000 Dollar zu trainieren. Sind Sie so reich, daß Sie nicht mehr arbeiten müssen?

MENOTTI: Ein bißchen Geld habe ich immer in der Tasche. Nachdem ich 14 Jahre lang Trainer war, mußte ich unbedingt meine Batterie aufladen. Ich arbeite jetzt journalistisch mit der Deutschen Presse-Agentur zusammen, habe ein Buch geschrieben, Filme gemacht.

SPIEGEL: Wo werden Sie wieder als Trainer arbeiten?

MENOTTI: Ich warte darauf, daß die Italiener die Grenze für ausländische Trainer öffnen. Deren Fußball zu reformieren wäre für mich eine große Herausforderung.

SPIEGEL: Und keine geringe. Was die Minimalisten auf den italienischen

Plätzen betreiben, ist so ungefähr das Gegenteil von dem, was Sie unter Fußball verstehen.

MENOTTI: Der Fußball in Italien erinnert mich immer an schlechte Hollywoodfilme: Große Namen, eine riesige PR, aber stets das gleiche Drehbuch mit dem gleichen langweiligen Inhalt. Es fehlt die Innovation, nicht nur in Italien, aber dort vor allem. Zum Glück gibt es auf der Welt noch Fußballehrer, die sich dessen bewußt sind.

SPIEGEL: Wen zählen Sie dazu?

MENOTTI: Zum Beispiel den Franzosen Hidalgo, er ist zwar nicht mehr Frankreichs Nationalcoach, aber er hat die Mannschaft geformt. Weiter den Brasilianer Santana, den Deutschen Piontek und Cruyff, den Trainer von Ajax Amsterdam. Auch der verstorbene Weisweiler gehörte zu dem Kreis.

SPIEGEL: In Deutschland behaupten die Trainer einschließlich Beckenbauer stolz, nie zuvor sei ein schnellerer und athletischerer Fußball geboten worden als heute.

MENOTTI: Da besteht eine große Verwirrung. Bei einem Pianisten kommt es auch nicht darauf an, daß er ein tolles Tempo anschlägt oder viermal das Klavier stemmt. Stärke ist beim Fußball List, und Geschwindigkeit ist Präzision. Das wichtigste ist, die Intelligenz der Spieler zu entwickeln. Sie kann verbessert, sie kann sogar entdeckt werden. Das ist die Aufgabe des Trainers. Einem Fußballer die körperlichen Voraussetzungen mitzugeben, die er braucht, um während eines Spiels maximal fünf Kilometer rennen zu müssen, ist keine große Leistung.

SPIEGEL: Spieler begründen ihre mangelnde Einsatzbereitschaft häufig damit, sie seien nicht ausreichend motiviert gewesen.

MENOTTI: Wenn einer tagsüber im Büro Ärger mit dem Chef hatte, abends schlecht gelaunt nach Hause kommt und die Ehefrau dann anfängt, zärtlich zu werden, möchte er am liebsten mit dem Knüppel draufschlagen. Am nächsten Abend jedoch, wenn die Kollegen nett zu ihm waren und der Chef ihn gelobt hat, schläft er sogar gern mit der eigenen Frau. Ich will damit sagen, daß die Einsatzbereitschaft eines Spielers abhängig ist von seiner psychischen Verfassung. Es ist auch die Aufgabe des Trainers, den Spieler in eine positive Stimmung zu bringen.

SPIEGEL: Real Madrid, Benfica Lissabon, der FC Santos oder die brasilianische Nationalelf begeisterten die Menschen einst mit furiosem Offensivfußball. Warum sind Darbietungen dieser Güte so rar geworden?

MENOTTI: Weil viele Trainer sich daran gewöhnt haben, mit der Lüge zu leben, wonach ein Team zunächst in der Verteidigung stabilisiert werden müsse. Helenio Herrera hat mit seinem in den 60er Jahren von Inter Mailand erfolgreich praktizierten Betonfußball ein schlimmes Beispiel gegeben. Jeder Idiot kann etwas kaputtmachen, aber nicht aufbauen.

SPIEGEL: Sie sagten einmal, Trainer müßten einen Fußball lehren, der dem Naturell des Volkes entspreche. Welcher Fußball entspricht dem Naturell der Deutschen?

MENOTTI: Wenn ich an Deutschland denke, denke ich automatisch an Ordnung und Disziplin. Die Deutschen darauf zu reduzieren wäre jedoch ignorant. Ordnung und Disziplin bilden die Basis, auf der sich Kreativität entfalten kann. Die Deutschen hatten ihre ausgereifteste Elf, als die Fußball-Genies Beckenbauer und Overath in einer gutgeordneten Formation die Akzente setzen konnten. Dem heutigen Team mangelt es noch an Disziplin.

SPIEGEL: Wie ist es in Südamerika?

MENOTTI: Die gewandten Dribblings der Spieler haben viel von dem Witz der Unterschicht, den man braucht um zu überleben. Es ist schwer, diese Spieler in ein Gesamtkonzept zu integrieren.

SPIEGEL: Englische und kanadische Buchmacher wetten bereits Argentinien und Brasilien als WM-Favoriten. Gibt es in Südamerika die großen Spieler, die in Europa fehlen? Ein Spieler wie der Franzose Michel Platini wurde 1985 zum drittenmal hintereinander zu Europas »Fußballer des Jahres« gewählt. Ein Beweis dafür, wie gering hier derzeit die Konkurrenz für einen Ausnahmespieler ist.

MENOTTI: Die besten Argentinier spielen in Europa, die Brasilianer haben mit Müller _(Künstlername von Jose Coreira Costa, ein ) _(Bewun derer des ehemaligen deutschen ) _(Nationalspielers Gerd Müller. )

nur einen Top-Mann. Socrates ist über seinen Zenit hinaus. Ich meine, daß wir in Mexiko den Aufstieg junger Spieler erleben werden, und denke dabei vor allem an den Belgier Scifo den Spanier Butragueno, den Mexikaner Sanchez.

SPIEGEL: In europäischen Zeitungen ist mitunter zu lesen, Menotti rede über Fußball wie ein Philosoph. Empfinden Sie das als Kompliment?

MENOTTI: Nein, denn da klingt mit: Ein bißchen spinnen Philosophen immer. Bei den Leuten, die so denken, stört mich der Mangel an Phantasie, Fußball als Fest und nicht als Lebenskampf zu begreifen. Ich will auch den Erfolg, und meine Spieler sind nie mit der Margerite in der Hand auf den Platz gelaufen. Wenn es sein muß, soll auf dem Spielfeld auch Blut fließen. Aber ich will, daß Intelligenz und Kreativität siegen, nicht Destruktion und Stumpfsinn.

SPIEGEL: Senor Menotti, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *KASTEN

Cesar Luis Menotti *

wurde aus zwei Gründen zum Volkshelden in seinem Heimatland Argentinien: Er führte 1978 als Trainer die Nationalelf zum Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft, und er bezog öffentlich Stellung gegen die Militärdiktatur. Der Chemie-Ingenieur Menotti, 47, trat 1982 von seinem Posten zurück, später wurde er Trainer beim FC Barcelona. Derzeit arbeitet er als Journalist, er porträtierte in Kurzfilmen alle 24 Teilnehmer der WM 1986 und wird von den Spielen in Mexiko für die Deutsche Presse-Agentur als Kommentator berichten. Das große Hobby des Kettenrauchers Menotti ist die Jagd auf dem 450 Hektar großen Gelände seiner Hazienda in der Nähe von Buenos Aires.

Mit Redakteur Kurt Röttgen im Hotel Sheraton in Buenos Aires.Künstlername von Jose Coreira Costa, ein Bewun derer des ehemaligendeutschen Nationalspielers Gerd Müller.

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