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FUSSBALL Hohes C

Corny Littmann, Theaterchef auf dem Hamburger Kiez, irritiert als Präsident des FC St. Pauli: Statt das ulkige Maskottchen zu spielen, übt er sich als harter Sanierer.
aus DER SPIEGEL 2/2003

Der Mann schien wie geschaffen für die stilgerechte Beerdigung von »Deutschlands verrücktestem Klub« ("Bild"). Corny Littmann, 50, ist Sänger, Schauspieler und Regisseur. Als Intendant von zwei Theatern auf der Reeperbahn, mittenmang zwischen Sexshops und Hurenzeilen, kennt er sich damit aus, Spaß und gute Laune unters Volk zu bringen.

Also wurde Littmann Anfang Dezember Präsident des Fußballclubs St. Pauli - jenes führungsschwach dahindümpelnden Kultvereins vom Hamburger Kiez, der gerade dabei ist, als Bundesligaabsteiger stracks in die dritte Liga durchgereicht zu werden. Dem sinnenfrohen Bühnenmenschen schien eine Rolle zugedacht, wie sie einstmals Wallace Henry Hartley hatte, der Kapellmeister der absaufenden »Titanic«.

Doch wenige Wochen nach Amtsantritt hat der bekennende Anhänger der gleichgeschlechtlichen Liebe und Komödiant mit Hang zu schreiend greller Verkleidung die Freunde des Klamauks mächtig enttäuscht. Seinen ersten Auftritt als Präsident im Stadion am Millerntor zelebrierte er zwar noch standesgemäß mit Rock-Opa Udo Lindenberg. Doch im Alltag des FC St. Pauli ist aus dem vermeintlich spaßigen Totengräber längst ein zäher Totalsanierer geworden.

Der Trainer: wegen Erfolglosigkeit entlassen; die Geschäftsführerin: entlassen, sie klagt nun auf Wiedereinstellung; der Vizepräsident: zu stark mit den alten Mauschlern im Verein verbandelt und als Chef mehrerer Tochterfirmen des Vereins entlassen, auch er will vor Gericht.

Littmann hat sich alle Verträge der Angestellten vorlegen lassen, und nun, sagt er, »wird erst mal alles in Frage gestellt«. Auch dem vorige Woche an die Öffentlichkeit geratenen Vorwurf, es habe schwarze Kassen im Club gegeben, will er »entschieden« auf den Grund gehen.

Der Erneuerer sitzt im Büro über seinem »Schmidt«-Theater - wie immer in eine Strickjacke gehüllt und mit dem St.-Pauli-Käppi auf dem kahlen Kopf - und mag sich »totamüsieren« über die, die gedacht haben, »da kommt er nun, der kleine schwule Schauspieler«.

Denn in Wirklichkeit ist der Bühnenschelm nur die eine Seite des Corny Littmann. Die andere ist ein Unternehmer der Unterhaltungsindustrie, der es geschafft hat, zwei Theaterhäuser ohne öffentliche Zuschüsse zu etablieren - was genauso beachtlich ist, als käme ein Bundesligaverein ohne Fernsehgelder aus. Diesem, von der Fußballkultur am Kiez faszinierten Geschäftsmann, will nicht in den Kopf, dass sich der FC St. Pauli trotz »Opferbereitschaft und Leidensfähigkeit« seiner Anhänger nie richtig im Profigeschäft etablieren konnte.

Immerhin 16 000 Menschen pilgerten bei minus fünf Grad zum letzten Spiel des Zweitliga-Schlusslichts vor der Winterpause. Die Einnahmen aus dem Merchandising waren im ersten Halbjahr genauso hoch wie in der vorigen Saison, als das Team noch in der ersten Liga spielte.

Der FC St. Pauli lebe »von einem speziellen Spirit«, sagt Littmann. Und solche Verhältnisse glaubt er aus der Theaterwelt zu kennen. Die großen Musicals seien abhängig von »der bombastischen Bühnentechnik«, er vergleicht sie mit Unternehmen wie dem FC Bayern München.

Auch wenn Fußball schon ein »sehr merkwürdiges Geschäft ist«, wo allein für den kurzfristigen Erfolg schon mal »Menschen mit Geld einfach totgeschissen« werden: Im Schatten von »Cats« und »König der Löwen«, so Littmanns Philosophie, gebe es eben auch eine Nische für seine kleinen Häuser, wo der Mensch auf der Bühne noch im Mittelpunkt stehe. So soll es künftig auch beim FC St. Pauli sein.

Littmann hat deshalb denen den Kampf angesagt, die in der Vergangenheit mit dem Verein vornehmlich »ihre eigenen Interessen« verfolgt hätten - all den Architekten, Rechtsanwälten und Beratern, die sich besonders beim beabsichtigten Stadionneubau immer auffällig forsch als Pauli-Freunde ausgegeben haben.

Und er will diesen vermeintlich fortschrittlichen Geistern Paroli bieten, die wie sein Vorgänger Reenald Koch einen Profi-Club primär als »mittelständiges Unternehmen« sehen. Low-Budget-Kultur, beim Theater wie im Fußball, brauche »eigene Regeln«.

Dass die geistig-moralische Wende im Hamburger Fußball-Filz längst nicht nur wohlwollend aufgenommen wird, kann Littmann täglich in der Zeitung nachlesen. Eine Opposition bereitet schon seine Abwahl vor. Und »Bild«, durch die Veränderungen im Verein wichtiger Informanten beraubt, hetzt: »Pauli braucht keinen Tunten-Präsidenten«.

Mehr Sorgen als die Intrigen und Anfeindungen, gibt Littmann zu, bereitet ihm der Zustand der Mannschaft. Sportdirektor Franz Gerber, den er zum neuen Trainer gemacht hat, müsse das kickende Ensemble zusammenschweißen und den Glauben an den Klassenerhalt einhauchen.

Ein schwieriger Job, denn der rettende Tabellenplatz ist bereits acht Punkte entfernt. Aber auch hier hat Littmann einen Tipp aus seiner Branche parat: Sein Freund sei Operntenor, sagt er: »Und wenn der nicht daran glaubt, abends das hohe C zu treffen, dann schafft er es auch nicht.« UDO LUDWIG

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