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SKI ALPIN »I am Hermann«

Ein blonder Naturbursche mit massigen Oberschenkeln versetzt Österreich in Ekstase: Der staatlich geprüfte Skilehrer Hermann Maier soll der Nation reichlich Gold bescheren.
aus DER SPIEGEL 7/1998

Das Monster ist müde. Elf Stunden Flug und »net vü gschlofn«. Ein Bus hat es vor einer Herberge ausgespuckt, mitten in der fremden Bergwelt des Japanerlandes, aber sie nennt sich »Hotel Weißer Hof« und wärmt des Österreichers Gemüt; draußen weht eine rotweißrote Fahne, und drinnen gibt es Brotzeit. Das Monster zieht seine Zipfelmütze vom Haar, und ein kleines Männlein vom japanischen Fernsehen hält die Kamera auf seinen Kopf: Augen so blau wie der Himmel überm Arlberg und Bartstoppeln so lang wie eine frischgemähte Alm.

Mit bürgerlichem Namen heißt diese Erscheinung Hermann Maier. Um seinen Hals baumelt eine Akkreditierung mit der Nummer 0030413-01, und an diesem Plastikkärtchen hängt das Wehe seines Heimatlandes - das hat zwar mehr Sessellifte als Deutschland Autobahnen, aber einen richtigen Universal-Helden von der Skipiste hat es seit dem Schranz Karl nicht mehr geboren.

28 Jahre ist das jetzt her, daß Schranz den Gesamt-Weltcup mit nach Hause brachte, dann waren immer die anderen besser, aber dann kam der Maier Hermann, ein Kraftpaket von rustikalem Charme. Elfmal war er schon Schnellster in dieser Saison, weshalb sie ihm daheim den Namen »Monster« gaben; der Weltcup ist schon so gut wie seiner, und für die Olympischen Spiele trauten kühne Geister dem staatlich geprüften Skilehrer gleich vier Goldmedaillen zu. Es ist, als würde zum Ausgang des Jahrhunderts doch noch wahr, was der Österreicher in seiner Hymne mit bemerkenswerter Ausdauer behauptet: »Heimat bist du großer Söhne.«

Damit dem 25jährigen aus Flachau im Salzburger Land nicht etwa das Heimweh die Hüften lähmt, hat man Versatzstücke alpenländischen Kulturguts nach Japan importiert. Gleich ums Eck vom »Weißen Hof« hat die »Sägeindustrie der Wirtschaftskammer Österreich« das mittlerweile auch von Asiaten geschätzte »Österreichhaus« zusammengezimmert, ein Holzbau, der rund 1,2 Millionen Mark gekostet hat und dem Maier Hermann mitsamt seinen Kameraden für die zwei schweren Wochen Olympias Nestwärme bescheren wird.

Täglich werden hier Spezereien aus der Kennerküche dargeboten, vom »gesulzten Pfirsich im Joghurtmantel« bis zur »Knof''lsuppe mit Schwarzbrotwürferl«. Dazu spielt allabendlich die Musi auf: Zu Gehör kommt das dreiköpfige Ensemble »Die Alpenstreuner«.

Um die Müdigkeit des ersten Tages zu überwinden, hat sich der blonde Held nach der Ankunft auf ein Mineralwasser hierhergeschleppt und ist auch gleich von hochrangiger Polit-Prominenz in Empfang genommen worden: Der Landeshauptmann von Kärnten ist vor Ort.

Was Österreich so verzückt, ist die Einzigartigkeit, mit der Maier an die Spitze gebraust kam: wird mit 15 ausgemustert vom Verband, weil er zu dünne Waderln hat, lernt dann Maurer, schleppt Zementsäcke zu 50 Kilogramm das Stück, kriegt dicke Muskeln, einen Wachstumsschub und Tempo auf die Ski, wird wieder aufgenommen vom Verband, gewinnt letztes Jahr zum erstenmal im Weltcup, und heuer, sagt Karl Schranz, sei der Hermann einfach »der Wahnsinn«; kommt so aus dem Starthaus geschossen, daß man meint, er wolle »die Torstangen fressen«.

Neulich hat das seinen Tribut gefordert: Ausgerechnet in Kitzbühel auf der Streif mußte der Bursch passen, weil er feuerrote Schienbeine und höllische Schmerzen hatte. Das Volk war schwer getroffen und verhöhnte sein eigenes Mekka; auf einem Transparent stand: »Kitz ohne Maier ist wie Sex ohne Eier.«

Offenkundig, daß der Meister und seine Gemeinde in einer Art symbiotischer Beziehung miteinander leben. Er ist, wie ein Österreicher sein sollte: erdig, urwüchsig und rein wie ein Felsquell. Braucht Schnee für die Skier und nicht für die Nase wie der Skispringer Andreas »Goldi« Goldberger, der Kokser mit den wächsernen Wangen.

Er ist allerdings auch, wie ein Österreicher eigentlich nicht ist. Geht an den Start »und scheißt sich nix«, wie ein Vertrauter weiß. Und trifft damit ins Zentrum der barocken Landesseele, die sich in ihrem Wesen zum Überflieger hingezogen fühlt: Metternich, Mozart, Maier.

Von jeher stillt Österreich seine patriotischen Gelüste immer dann, wenn mal wieder einer der eigenen Sportler nach oben schießt. 1980 beispielsweise traf den Skisprunghelden Toni Innauer die volle Ladung - es schüttelt ihn noch heute. »Die Vorstellung, daß wir Quell eines Selbstwertgefühls sind, das im Wirtshaus daheim ist, ist grausig«, findet der Olympiasieger von Lake Placid.

Jetzt ist halt Hermann Maier an der Reihe. Neulich war er zu Besuch beim Bundespräsidenten in der Hofburg und sorgte damit für einen gesellschaftlichen Höhepunkt im Lande. Solche Visiten österreichischer Sportler kurz vor Olympischen Spielen haben Tradition, sie heißen »Angelobung«, und es geht dabei um das Vorhaben, »unser Land würdig zu vertreten«.

Die Weltlage zwang zwar selbst das Boulevardblatt »Neue Kronen Zeitung« dazu, auswärtige Themen diesmal etwas größer zu fahren ("Clinton: Es war Liebe, nicht Sex"), doch in Wahrheit war auch Thomas Klestil einzig mit dem Befinden des Monsters beschäftigt. »Wie werden Sie mit dem enormen Druck fertig, Herr Maier?« drängte es den Präsidenten zu erfahren, und Herr Maier, ein Gaudibursch in allen Lebenslagen, meinte, Druck verspüre er bloß am schmerzenden Schienbein.

So ist er, der Hermann. Selbst die sonst eher biedere »Presse« aus Wien schwingt sich inzwischen zu kühner Metaphorik empor: »Der Pisten-E. T.« Die Wundertaten - bei manchen Rennen nahm Maier den Konkurrenten in der sonst um Hundertstel feilschenden Branche über eine Sekunde ab - riefen gar die Amerikaner auf den Plan. Nacheinander fielen Emissäre von »New York Times«, »Wall Street Journal« und »Newsweek« in seinem Heimatort ein und machten sich auf die Spur des Außerirdischen.

Dort in Flachau ist das Leben ohnehin mächtig in Schwung gekommen, seit der vormalige Ministrant immer aufs Siegerpodest schießt. In der Schule wird die Steigerungsform jetzt abweichend vom Lehrplan geübt ("Stefan Eberharter fährt schnell, Andi Schifferer fährt schneller, Hermann Maier fährt am schnellsten"), und ein örtlicher Konditor zauberte eine »Maier-Torte« aus dem Ofen, die sich bereits am Tag ihrer Geburt 36mal verkaufte.

Vorbei nun endlich der Dämmerschlaf, in den die alpine Skifahrerei gesunken war. Hermann hat die Landsleut'' wieder auf die Hügel getrieben: Die Hoteliers melden dieses Jahr vorzügliche Auslastung, und die Firma Atomic, mit deren Brettern Maier unterwegs ist, verzeichnet eine »deutliche Steigerung beim Skiverkauf«. Das Unternehmen zweigt wieder ein paar Schilling für die hauseigene PR-Abteilung ab: Im Österreichhaus wird vergangenen Freitag zur Mittagszeit »Atomic-Erdäpfelkaswuzerl mit Nußbutter« verkostet.

Zur selben Zeit steht Maier vis-à-vis am Hang und schnauft tief nach vollbrachter Trainingsfahrt. Als er wieder bei Atem ist, hat der US-Sender CBS noch eine ganz spezielle Frage: Ob es denn stimmt, daß es sich bei ihm um ein Monster handelt? Da zupft sich der Held am Unterleiberl und schöpft aus seinem Fundus im Englischen: »I am not a monster. I am Hermann.«

* Mit Cheftrainer Werner Margreiter.

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