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Tennis »Ich bin es leid«

aus DER SPIEGEL 2/1995

SPIEGEL: Herr Pilic, sollten Tennisprofis Patrioten sein - stets bereit, für ihr Land zu spielen?

Pilic: Niemand hat diese Pflicht. Als ich 1960 in meiner Heimatstadt Split im Daviscup mein erstes Doppel spielen durfte, ging noch ein Lebenstraum in Erfüllung. Für mich war dieser Wettbewerb immer etwas Romantisches. Aber er ist nicht mehr so wichtig wie vor zwei, drei Jahrzehnten.

SPIEGEL: Der Mannschaftswettkampf ist bei den Profis längst aus der Mode.

Pilic: Wenn ich heute als Industrieller einen Werbevertrag mit einem Profi machen würde, würde ich seinen Daviscup-Einsatz zur Bedingung machen. Kein anderer Wettbewerb ist so werbeträchtig, erreicht so viele Völker. Vielen Profis ist der Daviscup jedoch zu nationalistisch geworden, und der Druck ist ihnen zu groß. Steht es 2:2 und du verlierst das letzte Einzel, verlieren viele Millionen Menschen mit dir.

SPIEGEL: Der Deutsche Boris Becker und der Amerikaner Andre Agassi beklagen Streß und möchten nur mitspielen, wenn es ihnen paßt.

Pilic: Becker, Agassi oder Michael Stich sind etwas Besonderes. Wer etwas Besonderes ist, hat die Wahl. Aber die Spieler sollten nicht vor jeder Runde neu überlegen, sondern einmal klar sagen, ob sie die Saison spielen wollen oder nicht. Wenn sie wollen, reden wir kurz über Geld, und dann spielen wir.

SPIEGEL: Sie erwarten von Becker eine endgültige Entscheidung?

Pilic: Ich bin diese Diskussion leid. Wie die meisten erwarte ich von Boris eine klare Aussage: Ich will, oder ich will nicht.

SPIEGEL: Darf ein Weltstar wie Becker nicht verlangen, in der ersten Runde auszusetzen?

Pilic: Ein Becker ist Gold wert. Er hat jahrelang im Daviscup unglaubliche Matches gespielt. Zu der Zeit war Boris sehr, sehr vernünftig und ein echter Anführer - das kann ich nicht vergessen. Aber wer garantiert, daß wir die ersten Runden überstehen und ins Halbfinale kommen, wo er auf uns wartet? Solche Wünsche sind unrealistisch.

SPIEGEL: Beckers Extravaganzen schüren vor allem den Zweikampf mit Michael Stich. Der will zurücktreten, wenn sein Konkurrent später zum Team stößt.

Pilic: Das kommentiere ich nicht. Ich muß einen diplomatischen Kurs halten, sonst trete ich eine neue Lawine los. Becker und Stich sind schnell unzufrieden.

SPIEGEL: Warum ist es so schwer, die beiden in ein Team zu integrieren?

Pilic: Ich habe im November in Paris zufällig miterlebt, wie Michael dem Boris in der Umkleidekabine zum Sieg in Stockholm gratulierte. Da haben sie ganz normal miteinander geredet.

SPIEGEL: Aber?

Pilic: Die Presse sorgt immer wieder dafür, daß jeder Ausspruch einen weiteren nach sich zieht - die beiden sind eine wunderbare Story. Michael und Boris lassen sich leicht reizen. Sie haben unterschiedliche Werte und unterschiedliche Ziele. Die zwei sind Rivalen, so wie es in Argentinien Guillermo Vilas und Jose Luis Clerc oder in Frankreich Yannick Noah und Henri Leconte waren.

SPIEGEL: Argentinien und Frankreich konnten ihre Streithähne im Daviscup-Team dennoch zusammenbringen. Haben Sie als Teamchef keinen Einfluß?

Pilic: Früher habe ich das ganze Team aufgestellt. Heute stelle ich die Spieler bis auf Becker und Stich auf - mit denen verhandelt der Deutsche Tennis Bund.

SPIEGEL: Sie sind nur Zuschauer im großen Pokerspiel, das die Nation seit Wochen in Atem hält?

Pilic: Ich habe dem DTB gesagt, daß ich Michael und Boris haben will. Vor zwei Monaten sah es auch noch ganz gut aus, dann gab es verschiedene Probleme. Jetzt ist die Chance, daß Boris spielt, sehr gering.

SPIEGEL: Wann haben Sie zuletzt mit ihm geredet?

Pilic: Im November, ein paar Sätze. Aber es ist egal, wie gut wir uns unterhalten. Es geht allein um seinen Vertrag und um Millionen. Y

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