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»Ich bin Zeus, Gott Nummer eins«

Basketballprofi Shaquille O'Neal über Dominanz und Drohgebärden auf dem Spielfeld, eine Jugend in Wiesbaden und seine zweite Karriere als Musiker
aus DER SPIEGEL 32/2001

SPIEGEL: Shaquille, Sie haben Ihren Sport verändert. Basketball ist gewalttätiger geworden, seit Sie im Grunde nur eines tun: den Ball von oben in den Korb wuchten. Wie fühlt sich so ein Dunking an?

O''Neal: Ich hänge dort oben am Ring, und ich habe ein paar Sekunden Zeit: Ich sehe meine Beine, ich sehe das Publikum staunen, ich sehe die Gegner aufschauen. Ich kann spüren, dass sie fallen wie Bäume. Ich versuche ja jedes Mal, den Korb und das Brett zu zertrümmern, und fühle mich dann wie der Mann mit der Axt im Wald.

SPIEGEL: Sie wollen Ihre Gegner zerstören?

O''Neal: Ich will ihr Ego zerstören. Ich will, dass sie nicht mehr mitspielen können.

SPIEGEL: Erinnern Sie sich an Ihren besten Dunk?

O''Neal: Das war im College. Ich bin über einen Verteidiger hinweggesprungen, der Typ war zwei Meter groß und stand vor mir - aber irgendwie war er gar nicht mehr da. Danach hat er sich auf die Bank gesetzt und aufgegeben.

SPIEGEL: Haben Sie es mal geschafft, das Brett zu zerlegen?

O''Neal: Das war der zweitbeste Dunk, ja. Es war in New Jersey, ich habe damals noch für Orlando gespielt. Das Brett brach, überall waren Scherben, und mir fiel von oben die Uhr auf den Kopf. Das Spiel wurde für zwei Stunden unterbrochen. Seitdem verwenden sie Hydrauliksysteme, jetzt kriegt man die Dinger nicht mehr kaputt.

SPIEGEL: Und Ihr erster Dunk?

O''Neal: Spät, sehr spät. Ich war 17 Jahre alt, schon 2,16 Meter groß, und alle machten Witze, weil ich nicht dunken konnte. Ich konnte nicht springen, ich hatte wacklige Knie. Also habe ich geübt, stundenlang. Und an einem Tag habe ich erst eine Socke, dann einen Volleyball und am Ende einen Basketball in den Korb gedrückt. Es fühlte sich nach Freiheit an.

SPIEGEL: Es brachte Ihnen Respekt ein?

O''Neal: O ja, und die Mädchen mochten es. Weil es dich stark macht, unverwundbar. Und was tust du, wenn die Mädchen etwas mögen? Du machst es wieder, du trainierst es, du entwickelst deinen Stil, und darum bin ich heute, was ich bin.

SPIEGEL: Ist Basketball deshalb das Spiel des so genannten Trash-Talkings - weil Respekt und Dominanz so bedeutend sind?

O''Neal: Ja, aber mir sagt keiner mehr, er habe meine Schwester gefickt. Es gibt keine Sprüche über meine Mutter mehr, nichts. Weil ich nie etwas gesagt, sondern immer nur 50 Punkte gemacht habe. Einmal, als Kareem Abdul-Jabbar ...

SPIEGEL: ... einer Ihrer Vorgänger als Center der Los Angeles Lakers ...

O''Neal: ... als Trainer auf der Bank der L. A. Clippers saß, hat er mich verspottet. Er meinte, dass ich nie so gut werden würde, wie er war. Meine Antwort? 61 Punkte.

SPIEGEL: Und dennoch haben Ihre Kritiker Recht: Sie spielen eindimensional. Vorne prügeln Sie den Ball in den Korb, hinten blocken Sie Würfe - aus der Distanz treffen Sie nicht, nicht mal bei Freiwürfen.

O''Neal: Ich habe in meiner ganzen Karriere bisher zwei Dreipunktewürfe gemacht und einen versenkt. Ich treffe mit jedem zweiten Freiwurf. 50 Prozent sind keine gute Quote, aber wenn es gilt, treffe ich.

SPIEGEL: Sie haben sich als Jugendlicher die Hand gebrochen.

O''Neal: Oh, das ist nur eine Entschuldigung.

SPIEGEL: Aber es stimmt.

O''Neal: Ja, ich habe als 13-Jähriger diese Spiderman-Comics gelesen, und dann wollte ich natürlich Spiderman sein und bin wie eine Spinne zwischen zwei Bäumen hochgeklettert. Und dann bin ich runtergefallen und habe mir beide Hände gebrochen. Deshalb kann ich mein Handgelenk nicht nach hinten klappen und dem Ball keinen Rückwärtsdrall geben. Wenn ich ein Handgelenk wie alle anderen hätte, würde ich 80 Prozent treffen.

SPIEGEL: Sie müssen also dunken?

O''Neal: Es geht nicht anders. Beim Dunking bin ich Superman. Ich habe mich verbessert: Spiderman ist menschlich, Superman ist unverwundbar und kann nicht sterben.

SPIEGEL: Warum ist Ihnen das so wichtig, keine Schwächen zu zeigen?

O''Neal: Weil du anders nicht nach oben kommst. Du musst gnadenlos sein. Meine Firma heißt »The world is mine«, und das ist meine Religion: Die Welt ist mein Spielplatz und ich verdiene das Beste von allem.

SPIEGEL: Das ist eine ziemlich plumpe Variation des amerikanischen Traums.

O''Neal: Aber wahr. Ich komme aus einer armen Familie in Newark (New Jersey). Meine Mutter war Sekretärin, mein Vater Soldat. Es gab Liebe, mehr als bei anderen, aber es gab keine Kleidung, kein Auto, nichts. Ich habe immer geträumt, wie Julius Erving alias Dr. J zu sein, mein Basketball-Gott. Er war geschickt, nicht zu stoppen, und ich war ein Junge von der Straße.

SPIEGEL: Sind Sie je im Knast gelandet?

O''Neal: Nie, ich habe Süßigkeiten geklaut und bin nicht erwischt worden. Ich war zu schnell. Meine Eltern haben mich bestraft, wenn ich Mitschüler verprügelt habe; dann gab''s Fernsehverbot.

SPIEGEL: Und als Sie zwölf Jahre alt waren, sind Sie nach Deutschland gekommen.

O''Neal: Mein Vater wurde nach Wiesbaden geschickt, später nach Fulda. Ich habe nicht viel vom Land gesehen, nur die Kaserne, in der wir gelebt haben. Ein paar Worte

kann ich noch: »Machen Sie Heizung bitte« - das musste ich sagen, wenn es kalt war im Bus.

SPIEGEL: Sie haben in Wiesbaden Basketball spielen gelernt?

O''Neal: Die anderen haben Witze über mich gemacht, und ich habe eben gespielt. Ich war schüchtern, aber ich wollte immer einer der Größten aller Zeiten werden.

SPIEGEL: Sind Sie es?

O''Neal: Die Kritiker haben mich immer mit einem »Aber« versehen: »Er ist ein guter Spieler, aber Magic Johnson hat fünf Championships gewonnen.« Ich brauche noch ein paar Meisterringe, damit das aufhört. Ich will der beste Lakers-Spieler aller Zeiten werden, und dafür muss ich siegen, siegen, siegen. Ich hoffe sehr, dass sie, wenn ich am Ende ins Büro gehe und die Papiere hole, sagen werden: Whow, Shaq hat 30 000 Punkte und sechs Ringe.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich als moderner Gladiator?

O''Neal: Nein, ich gehorche ja nicht. Ich bin eher der Zeus des Basketballs, der Gott Nummer eins. Zeus ist nicht zu stoppen, und egal, was sie nach ihm werfen, sie treffen ihn nicht. Mich haben sie gefoult, sie haben drei Verteidiger gegen mich gestellt, ich habe das »Hack-a-Shaq« genannt - aber ich habe 30, 40, 50 Punkte gemacht und zweimal die Meisterschaft gewonnen.

SPIEGEL: Und nebenbei haben Sie eine zweite Karriere als Rap-Musiker gestartet. Nicht ausgelastet?

O''Neal: Ich stehe um acht auf, fahre um neun zum Training, bin um zwölf im Studio, um drei zu Hause, schlafe zwei, drei Stunden und gehe von sieben bis halb elf noch mal ins Studio. Nur an den Abenden vor Spielen mache ich keine Musik.

SPIEGEL: Haben Ihnen die L. A. Lakers, die Ihnen in zehn Jahren 210,5 Millionen Dollar Gage zahlen, noch nie gesagt, dass Sie sich aufs Spiel konzentrieren sollten?

O''Neal: Nein, wenn ich aus dem Plattenstudio komme und 50 Punkte mache, was wollen die mir vorwerfen?

SPIEGEL: Sie könnten Freiwürfe trainieren, Dribblings, Pässe, all die Dinge, die Sie noch nicht wirklich beherrschen.

O''Neal: Basketball ist ein Spiel der Reaktion, und das kannst du oder du kannst es nicht. Das ist wie Fahrradfahren. Ich bin beim Rap ja auch nicht für die Beats zuständig, ich spreche nur ins Mikro. Basketball ist Arbeit, sprechen nicht.

SPIEGEL: Was Sie als Basketballer erreicht haben, beweisen Statistiken. Wieso soll man Sie als Musiker ernst nehmen?

O''Neal: Ich arbeite mit den besten Produzenten. Ich bin ein universeller Star. Ich spanne den Bogen weit und führe Ost und West zusammen: den Funk der Westküste, die Samples des Ostens und die schnellen Beats des schmutzigen Südens.

SPIEGEL: Haben Sie eine Botschaft?

O''Neal: Gute, saubere Musik. Sonst nichts. Ich will Spaß haben und ein bisschen angeben. Oder doch, ich habe dieselbe Botschaft wie auf dem Spielfeld: Sei ein Führer, kein Mitläufer, folge deinen Träumen.

SPIEGEL: Wem wollen Sie mit der Musik etwas beweisen?

O''Neal: Allen und niemandem, vor allem mir selbst. Alle Basketballer wollen Alben machen, und alle Rapper wollen professionell Ball spielen. Ich bin der Einzige, der beides kann.

SPIEGEL: Warum gehen Basketball und Rap Hand in Hand?

O''Neal: Weil dort, wo wir herkommen, die Jugendlichen mit diesen riesigen Ghettoblastern zum Park schlendern und Musik hören und Ball spielen. So war es zu meiner Zeit, als ich wie LL Cool J, der Rapper, und wie Dr. J, der Basketballer, sein wollte, und so ist es heute - nun wollen die Kinder wie Shaq sein. In den Ghettos gibt es Rap und Basketball und sonst nichts, beides ist zugleich Protest und Ausweg.

SPIEGEL: Es gab einige Tote in der Rap-Szene und Verhaftungen wie die von Puff Daddy in New York. Keine Angst?

O''Neal: So ist es eben im Ghetto, in jeder Stadt, in jedem Land. Zu meiner Zeit haben wir mit den Fäusten gekämpft; heute gibt es keine Fäuste mehr, nur noch Kanonen. Trotzdem: Die meisten Rapper reden von Gewalt, aber sie tun es nicht. Das Ganze ist wie ein lyrischer Film. Und ich brauche keinen Schutz, ich bin cool mit allen. Sei nett zu anderen, dann sind sie nett zu dir, hat meine Mami gesagt. Außerdem ist L. A. ein riesiger Ozean mit vielen großen Fischen.

SPIEGEL: Wenige sind größer als Sie.

O''Neal: Natürlich, aber ich fahre zum Training und wieder heim, ich gehe nicht mal einkaufen. Ich habe meine eigene Bekleidungsfirma, meine eigene Schuhfirma, ich muss nicht unter Leute. Und abgesehen davon komme ich von unten und kann mich wehren.

SPIEGEL: Sie sind nicht aus dem Ghetto ins Musikgeschäft aufgestiegen, sondern als Multimillionär. Was Sie machen, ist Hollywood-Rap.

O''Neal: Glauben Sie? Dann würden Snoop Doggy Dog und die anderen kaum mit mir Alben aufnehmen. Deren Egos sind so groß, dass sie nichts aus Mitleid tun. Die wissen, dass ich keinen Superbowl-Shuffle-Rap mache, dass ich es ernst meine.

SPIEGEL: Spielen Sie Ihre Musik in der Umkleidekabine der Lakers?

O''Neal: Ja. Und wenn die Jungs einschlafen würden, würde ich zurück ins Studio gehen. Aber sie sagen immer: »It''s hot, man!«

SPIEGEL: Mag Ihr Trainer Ihre Musik?

O''Neal: Nein, aber das macht nichts. Phil Jackson hat das Büro unter Kontrolle und ich die Kabine. Die gehört mir.

SPIEGEL: Sind die Lakers, mit Trainer Jackson, Aufbauspieler Kobe Bryant und Ihnen als Center, das perfekte Team?

O''Neal: Das perfekte Team gibt es im wahren Leben nicht. Das gibt es nur als Traum, mit einem Point Guard, der alle perfekt einsetzt: Scottie Skiles. Dazu ein Shooting Guard, der immer trifft: Reggie Miller. Ein Small Forward, der 15 Punkte pro Nacht macht: Cedric Ceballos. Ein richtig fieser Power Forward, der jeden Rebound fischt: Chris Webber. Und in der Mitte ein General, der alles sieht: ich.

SPIEGEL: Sie stünden natürlich auch im besten Team aller Zeiten?

O''Neal: Nein, das wären »Pistol« Pete Maravich, Michael Jordan, James Worthy, Karl Malone und Hakeem Olajuwon. Da gehöre ich noch nicht rein.

SPIEGEL: Braucht jedes Team einen Boss?

O''Neal: Eine wirklich gute Mannschaft braucht eine Nummer eins und eine Nummer zwei. Wie Michael Jordan und Scottie Pippen bei den Chicago Bulls oder Magic Johnson und Kareem Abdul-Jabbar bei den alten Lakers. Du brauchst zwei Offi-

ziere: Der General hat Verantwortung für alle, der Captain nur für sein Aufbauspiel.

SPIEGEL: Es gab bei den Lakers im letzten Jahr zwischen Ihnen und Kobe Bryant eine Menge Streit um Eitelkeiten und Macht.

O''Neal: Er ist der Captain, ich bin der General, das musste er nur verstehen. Er kam direkt von der High School und hat Dinge versucht, die nicht gut fürs Team waren. Wir haben ihm gesagt, dass er die Bälle zu verteilen hat. Ich bin ja nicht deshalb großartig, weil ich 25 Dunkings und 50 Punkte mache - ich bin großartig, weil ich das Spiel verstehe und dann, wenn ich nicht zum Korb komme, den Ball nach außen spiele und mein Kollege trifft.

SPIEGEL: Bevor Phil Jackson, ehemals Michael Jordans Trainer in Chicago, kam, waren auch Sie Teil einer Truppe der Egozentriker. Was hat Jackson mit den Lakers gemacht?

O''Neal: Er hat mir gesagt, ich sollte Kobe Bryant in den Griff kriegen. Er ist der Präsident und macht die Gesetze, die ich umsetze. Jackson ist ein Trainer, der da war, wo wir hin- wollen; er weiß, was er tut, was er sagt. Vor Jackson konnte man uns nicht mit den Lakers von Magic und Kareem vergleichen: Die haben schnell gespielt, das war Showtime von Anfang bis Ende. Wir dagegen sind spastisch und langsam - aber Phil hat uns ein System gegeben. Jeder verdammte Spielzug ist geplant, nur Kobe und ich haben Freiheiten.

SPIEGEL: Jackson gilt als Zen-Buddhist, der Yoga mit Ihnen macht und schlaue Bücher verteilt.

O''Neal: O ja, das ist er, wir müssen vor jedem Training 30 Minuten meditieren, und er packt uns da, wo wir zu packen sind. Letztes Jahr haben wir in der ersten Play-off-Runde 2:0 gegen Sacramento geführt, dann stand es 2:2, und am Abend vor dem letzten Spiel kam er in die Sitzung und sagte: »Wir hatten ein gutes Jahr, wir werden morgen verlieren, also spielt noch einmal und geht nach Hause. Einen schönen Sommer noch.« Dann verschwand er, und am nächsten Morgen, beim Wurftraining, war keiner der Trainer da. In jener Nacht haben wir Sacramento mit 27 Punkten Unterschied geschlagen, und vier Wochen später waren wir Meister.

SPIEGEL: Hat er Ihnen schon mal ein Buch in die Hand gedrückt?

O''Neal: Ja, Friedrich Nietzsche, es ging um den Übermenschen. Ich habe es nicht gelesen. Ein Übermensch bin ich selbst, und ich wollte nichts über mich lesen. Die Leute haben gesagt, Nietzsche sei verrückt, und sie sagen, ich sei verrückt. Aber ich bin nur meiner Zeit voraus.

SPIEGEL: Sie haben bisher rund 200 Millionen Dollar verdient. Am Ende ist doch Geld das, worum es wirklich geht.

O''Neal: Nein, ich habe 22 Autos und eine Garage für 55 Autos, aber es geht darum, wie du lebst. Es geht darum, dass du Spaß hast und frei bist: Be young, have fun! Wollen Sie wissen, wie ich nach Deutschland gereist bin?

SPIEGEL: Im Privatflugzeug vermutlich.

O''Neal: Nein, mit einer Lufthansa-747. Wir haben alle Tickets gekauft, und das Ding hing vorne runter, weil wir in der ersten Klasse saßen und hinten alles leer war. So wollte ich leben, und so lebe ich, Baby.

SPIEGEL: Shaquille, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

2,16 Meter, 143 Kilogramm

und Schuhgröße 61 sind die Maße von Shaquille ("Kleiner Krieger") O''Neal. Der Center der Los Angeles Lakers wuchs als Stiefsohn eines GI unter anderem in Wiesbaden und Fulda auf. Als Rapper verkaufte O''Neal, 29, allein in den USA mehr als zwei Millionen CDs. Im Herbst erscheint »Shaquille O''Neal Presents his Superfriends« (Trauma Records).

* Bei der Meisterfeier der Los Angeles Lakers am 18. Juni.* Thomas Hüetlin, Klaus Brinkbäumer in einem Tonstudio inFrankfurt am Main.

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