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»Ich kann und ich will . . .«

aus DER SPIEGEL 26/1992

Als er endlich einmal nicht ganz vorn stehen und reden muß, fühlt sich Hans-Hubert ("Berti") Vogts, der Bundestrainer, so richtig wohl.

Die deutsche Nationalelf ist zu Gast bei der Frau Bürgermeisterin von Norrköping. Die Mannschaft hat sich in einem Halbkreis aufgestellt, mittendrin der Berti im Nationaltrikot, und das Delegationsmitglied Jürgen Werner hält im vollen Ornat des Deutschen Fußball-Bundes, goldener Bundesadler auf blauem Jackett, eine etwas holprige Ansprache im Englischen ("Only one team can win"). Am Ende überreicht der Herr Werner der Frau Bürgermeisterin noch zwei handliche Präsente, eingepackt in deutsches Geschenkpapier mit gekringeltem Schleifchen drum herum.

»Du, Berti, was is' da eigentlich drin?« fragt leise Hannes Löhr, im DFB-Troß für die »Spielbeobachtung« zuständig. Da überlegt der Bundestrainer gar nicht lang und feixt sich einen: »Ich glaub' ein Fön.«

Manchmal kann Berti Vogts richtig komisch sein. Immer dann, wenn er im Kreis seiner Jungens steht und nicht als Vorgesetzter gefragt ist, ob im Rathaus oder auf der grünen Wiese des Trainingsplatzes, macht der Mann aus dem niederrheinischen Korschenbroich den Eindruck, als sei er mit sich, seinem Job und dem Leben überhaupt rundum zufrieden.

Aber wann hat er das schon mal? Meistens muß Berti Bundestrainer sein, der Herr Vogts eben. Und das fällt ihm schwer, so schwer vielleicht wie damals, als der bissige Verteidiger im Auftrag der deutschen Nationalelf einen geraden Schuß aufs Tor abfeuern sollte. Das konnte er nun mal nicht, na und?

Natürlich war der Bundestrainer stinkwütend nach dem herben 1:3 am vergangenen Donnerstag gegen die Holländer. Aber der psychologische Grundkurs verlangt: öffentlich loben, positiv verstärken, nicht kritisieren. Daß seine Truppe in Schweden ziemlich orientierungslos über den Rasen stolpert, das sieht zwar jeder, nur Berti sagt es nicht.

Die hohe Stirn glänzt, als er auf dem Podium zur Pressekonferenz antritt. Berti Vogts blickt leer ins Dunkel des Raumes, ein bißchen wie der Lonesome cowboy vor dem letzten Gefecht. Er schnappt nach Luft und quetscht, voll falschem Pathos, zwei Sätze heraus: »Ich habe eben der deutschen Mannschaft gesagt, im Leben sieht man sich immer zweimal. Im Finale werden wir uns wiedersehen.« Donnerschlag.

Es müssen höllisch anstrengende Tage sein. Noch gut eine Stunde vorher, in der Halbzeitpause, war Vogts ganz unten. Fuchtig hat der Berti seine Männer angeranzt, ob sie vielleicht glaubten, »an einem Jugendturnier« teilzunehmen.

Da hat er womöglich das richtige Gefühl, aber ganz unschuldig ist er daran nicht. Zu Anfang des Turniers hatte der Bundestrainer seinen Spielern Ausgang bis zum gemeinsamen Abendessen um 21 Uhr gestattet, weil er halt sehen wollte, ob sie sich richtig ernähren. Dann liefen die ersten Beschwerden ein, weil die Herrschaften auch mal mit den Ehefrauen speisen wollten, und Berti fand eine neue Lösung. Gegessen wurde fortan um 19.30 Uhr, gern auch mit Gattin. Doch das Dinner fand nie zur rechten Intimität, weil der Internist Wilfried Kindermann zwischendurch immer mal gucken kam, ob auch genug Kartoffelbrei auf dem Teller liegt - wegen der Kohlenhydrate.

Es gibt so furchtbar viele Unwägbarkeiten bei dieser Europameisterschaft in Schweden, da hat es der Bundestrainer wirklich nicht leicht. Es ist ja nicht nur der Gegner auf dem Platz, den er besiegen muß. Jeden Tag um Viertel nach zwölf wartet ein schwerer Zweikampf auf ihn - jedenfalls empfindet er es so, wenn er sich in einer Turnhalle den Journalisten zum Gespräch stellt.

Da scheint es dann so, als habe der Berti Vogts von den Qualitäten früherer Jahre doch etwas eingebüßt. Den 96maligen Nationalspieler zeichnete einmal ein beträchtliches Repertoire im Kampf Mann gegen Mann aus - Berti konnte von hinten grätschen, von links in den Mann reinrutschen genausogut wie von rechts, und manchmal kam er auch einfach von vorn. Der Bundestrainer kommt nur noch von vorn.

Sehr schwer sitzt er hinter einem Mikrofon, das er gelegentlich mit beiden Händen umklammert, als sei es eine Krücke. Auf manches Duell läßt er sich erst gar nicht ein: »Die versteh' ich nicht, die Frage«, sagt er dann und reißt dabei die Augen auf, daß sich die Stirn in Denkerfalten legt.

Manchmal wirkt der Bundestrainer so dissonant zu seinem Publikum, daß man glauben könnte, hier sei ein Ossi unter eine Meute Wessis geraten. Etwas ängstlich und stets auf dem Sprung nimmt Vogts Witterung auf, ob ihm da nicht einer ein Bein stellen will.

Um die Unsicherheit zu bekämpfen, versucht sich Vogts dann sprachlich in den Rang eines Bundestrainers aufzuschwingen. »Ich will und werde . . .«, »Ich kann und muß . . .«, klingelt er gern seine Sätze ein, und so kommen auch gedankliche Leichtigkeiten sprachlich schwer daher - wenn Berti zum Beispiel meint, »als Sportler« wisse man, »daß da auch noch ein Gegner auf dem Feld ist«, oder findet, »als Deutscher« dürfe man »auch mal ein Spiel verlieren«.

Nun ist es ja nicht so, daß der Bundestrainer ein humorloses Geschöpf wäre, aber seine öffentlich vom Podium herab gesprochenen Witze mißlingen ihm oft. Vielleicht liegt das daran, daß er immer dann Spaß machen will, wenn keiner kapiert, warum es ausgerechnet jetzt sein muß.

Ganz im Ernst will einer beispielsweise wissen, welche taktischen Aufgaben der Herr Vogts seinem Mittelfeld-As Thomas Häßler wohl zugedacht hat. »Okay«, sagt der Trainer nach kurzer Überlegung, »ich sag's euch, aber nicht schreiben, ja?« Das versteht nun gar keiner, und schon gar nicht, daß der Redner dabei auch noch schelmisch das rechte Auge kneift. Berti Vogts löst die Situation schließlich selber auf: »Spaß beiseite.«

Völlig aus der Spur scheint der Bundestrainer nach dem für die Deutschen so blutigen Spiel gegen Schottland. Der Mannschaftsarzt Professor Doktor Heinrich ("Heini") Heß mußte tags darauf erst mal ein 17minütiges Bulletin verlesen: Von »wackelnden Nasen« und einem Hämatom unter einer geplatzten Augenbraue war die Rede, und den treuen Guido Buchwald hat es ganz bitter erwischt - der fiel auf dem Spielfeld in Ohnmacht, wobei ihm auch noch, sehr gefährlich, die Zunge in den Rachen klappte.

Und was macht der Bundestrainer, während das Schreckliche vorgetragen wird? Er lacht, er kriegt sich kaum noch ein vor Lachen, und irgendwie scheint es, als lache er nur der nächsten Trainingseinheit entgegen.

Hier kann nichts querlaufen, hier kann ihm keiner reinpfuschen. Da steht er wie reingerammt, breitbeinig und die Arme auf dem Rücken verschränkt, am Anstoßpunkt, solange er will. Das ist meistens nicht lange, denn irgendwo ist immer ein Ball in der Nähe. Auf den stürmt er dann zu und kickt ihn zu Hans-Jürgen ("Dixie") Dörner, der die Kugel so lange zurückspielen muß, bis Berti keine Lust mehr hat. Genauso hat es früher der Franz mit dem Berti gemacht.

Hat Vogts nicht an alles gedacht? Die Videos, das Essen, der Zaun, der seine Spieler vor - ja wovor eigentlich? - schützen sollte, war hoch genug, das Tor früh genug verriegelt. Sogar ein leibhaftiger Finanzminister, Gerhard Mayer-Vorfelder aus Stuttgart, mußte einen Begleiter zwecks Türöffnung über den Zaun klettern lassen, als er des Nachts etwas spät heimkehrte.

Nein, eigentlich konnte nichts passieren. Nur »mental haben sich einige nicht richtig vorbereitet«. Man muß sich eben um alles selbst kümmern.

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