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Fußball »Ich verachte alle Eichbergs dieser Welt«

aus DER SPIEGEL 12/1994

Tönnies, 41, gründete mit 17 Jahren seine erste Firma, baute daraus eine Unternehmensgruppe, die auch marode Fleischfabriken in St. Petersburg und der Ex-DDR übernahm. Dort erwarb sich der gelernte Metzger aus Rheda einen Ruf als erfolgreicher Sanierer. Seit sechs Wochen ist er Präsident des Bundesligaklubs Schalke 04.

SPIEGEL: Herr Tönnies, Sie sind angetreten, den FC Schalke 04 zu sanieren. Kaum im Amt, drohen dem Klub nun der Lizenzentzug durch den Deutschen Fußball-Bund und der Zwangsabstieg in die Regionalliga.

Tönnies: Ich war entsetzt darüber, daß das in die Öffentlichkeit getragen wurde. Es gibt beim DFB kein Urteil und noch nicht einmal eine Meinungsbildung. Aber ich bin sicher, daß wir nicht bestraft werden, weil wir dem DFB unsere Lage erläutern können.

SPIEGEL: Sie sind von der Vergangenheit, der Ära Ihres Vorgängers Günter Eichberg, eingeholt worden?

Tönnies: Unsere derzeitige Lage hat mit der von Eichberg gegründeten Marketing GmbH zu tun. Da gibt es ein gewaltiges Defizit. Schalke hat Werberechte von 20 Millionen Mark an die Marketing abgegeben, aber es sind nicht genügend Gelder zurückgeflossen. Das hat uns ein Minuskapital von 8,6 Millionen Mark eingebracht - und das müssen wir dem Verband erklären.

SPIEGEL: Heißt das, der Klub ist pleite?

Tönnies: Nein, die Liquidität ist in Ordnung. Es ist ein bilanztechnisches Problem. Wir haben noch eine Forderung von über 4,1 Millionen Mark gegen die Marketing GmbH und damit gegen deren alleinigen Gesellschafter, Günter Eichberg. Solange die Marketing und Eichberg keinen Konkurs angemeldet haben, planen wir diese Forderung ein. Dazu sind noch Einnahmen aus Spielertransfers zu buchen - ich erwarte am Ende sogar ein Plus.

SPIEGEL: Es gab die Bedingung des DFB, die Marketing GmbH ohne Steigerung der Schalker Vereinsschulden aufzulösen.

Tönnies: Das ging nicht, denn Eichberg hat seine Versprechen nicht eingehalten. Angeblich hat er Millionen in den Verein gesteckt, aber ich habe in unseren Büchern noch nichts gefunden.

SPIEGEL: Was hat der unabhängige Wirtschaftsprüfer festgestellt, der in Ihrem Auftrag die Ära Eichberg aufarbeiten sollte?

Tönnies: Nachdem er allein fünf Stunden damit zugebracht hat, einen einzigen Transfer in all seinen Verästelungen nachzuvollziehen, wurden die Gutachterkosten von 30 000 auf 200 000 Mark hochgesetzt. Das war mir viel zu teuer für die Erkenntnis, daß Eichberg das Geld rausgeworfen hat.

SPIEGEL: Haben Sie deshalb Ihren Vorgänger bei Heimspielen auf die letzte Reihe der Tribüne verbannt?

Tönnies: Der Herr Eichberg hat erst gejammert, weil er sich eine Karte kaufen mußte, und dann hat er bitterlich geweint, weil sein Platz zu weit oben war, ein bißchen weit weg von der Ehre. Ich habe nichts dagegen, ihn etwas weiter nach vorne zu setzen, wenn er mit seinen Eintrittsgeldern die Schulden von Schalke bezahlt.

SPIEGEL: Haben Sie ihm das persönlich gesagt?

Tönnies: Ich habe dem guten Tag gesagt, guten Tag, Herr Eichberg. Guten Tag, Bernd, sagte er. Ich sagte: Guten Tag, Herr Eichberg, ich muß Sie jetzt wieder siezen, denn was Sie hier angerichtet haben, gefällt mir überhaupt nicht.

SPIEGEL: Wieviel Eintritt müßte Eichberg zahlen?

Tönnies: Er müßte zu allen Heimspielen einer Serie kommen und jedesmal eine Million Mark mitbringen - das wäre toll.

SPIEGEL: Aber selbst das würde nicht den Vorwurf entkräften, daß Schalke in den letzten beiden Saisons mit dem Schuldenzuwachs gegen die DFB-Auflagen verstoßen hat.

Tönnies: Das Kernproblem ist einfach: Wir müssen dem DFB deutlich machen, daß Eichbergs Marketing GmbH eine vereinsfremde Gesellschaft war, die von niemandem kontrolliert wurde und alle Gremien hinters Licht geführt hat. Eichberg ist für mich ein Scharlatan - und für dessen jahrelange Mißwirtschaft kann man den Verein doch nicht verantwortlich machen.

SPIEGEL: Aber Eichberg war immerhin gleichzeitig Vereinspräsident.

Tönnies: Eichberg hat sich anfangs mit seinem Geld die Autorität erkauft. Das Problem eines Vereins wie Schalke, der eigentlich über genügend Geld verfügt, ist: Anders als in einem Unternehmen tut es niemandem weh, wenn Geld sinnlos ausgegeben wird. Zudem ist man auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, daß die Leute anständig sind.

SPIEGEL: Und das waren sie nicht?

Tönnies: Leute wie Udo Lattek, Aleksandar Ristic oder Günter Netzer haben schon ausgenutzt, daß in diesem Verein der Erfolg mit der Brechstange gesucht wurde. Das ganze Desaster gründet sich auf Schalkes katastrophale Transferbilanz. Wenn ich die Liste der früheren Berater auf Schalke sehe, weiß ich, warum Duisburgs Trainer Ewald Lienen sich von niemandem beraten läßt - der ist jedenfalls ganz oben mit seinem MSV.

SPIEGEL: Ihr Manager meldete in den vergangenen Wochen Millionengewinne. Da müßte sich die Liquidität doch schlagartig verbessert haben.

Tönnies: Ja, die Liquidität hat sich verbessert, aber das Geld ist schon im vorhinein verpfändet. Die Kohle ist weg, die jonglieren hier ja schon etwas länger.

SPIEGEL: Wissen Sie inzwischen genau, welches Erbe Sie angetreten haben?

Tönnies: Wir werden jetzt wohl alle Vorgänge genau aufdröseln müssen, das wird sicher noch dauern. Aber das Erbe war so schon schlimm genug. Jede Bank wollte doch am liebsten nach Hause, alles in Sicherheit bringen.

SPIEGEL: Was würde denn ein Lizenzentzug für Schalke bedeuten?

Tönnies: Darüber nachzudenken habe ich mir verboten. Zweite Liga oder gar Amateurliga, das wäre eine Katastrophe für Schalke.

SPIEGEL: Und wie lange brauchen Sie, falls Sie die Lizenz erhalten, um die Schulden der Vergangenheit abzuarbeiten?

Tönnies: Einerseits drücken uns die Zinsen, andererseits müssen wir in unsere Mannschaft investieren, um in der Bundesliga mitzuspielen. Wir können gar nicht riskieren, das Geld komplett zur Schuldentilgung einzusetzen. Deshalb haben wir dem DFB ein robustes Finanzkonzept vorgelegt, in dem die Tilgung auf mehrere Jahre verteilt ist.

SPIEGEL: Wie wollen Sie denn dem Verein unternehmerisches Denken einbleuen?

Tönnies: Ich denke mittelfristig an eine Gewinnbeteiligung von zehn Prozent für die vier wichtigsten Angestellten, vom Trainer bis zum Geschäftsführer. Bei fünf Millionen Mark Gewinn, die wir pro Jahr machen müßten, wäre eine halbe Million für sie im Topf.

SPIEGEL: Die würde dann der Schalker Kasse fehlen.

Tönnies: Diese Ausschüttung ist ein wichtiger Teil ihres Gehalts. Wenn sie dann eine Mark durchs Fenster werfen, ist immer ein Groschen von ihnen dabei.

SPIEGEL: Die Schalker Fans hoffen vielmehr, daß jetzt der Unternehmer Tönnies eigenes Geld in den Verein steckt.

Tönnies: Wir haben Unternehmen aufgebaut, die wie Familienbetriebe strukturiert sind; manche Arbeiter sind schon seit 24 Jahren dabei. Diese Leute würden es nicht verstehen, wenn ich das Geld, das mit unserer Arbeit verdient wird, für Fußball ausgebe. Die wissen, wie charakterfest ich bin. Ich bringe aber auf Schalke meine wirtschaftliche Erfahrung mit und rechne dafür noch nicht einmal Spesen ab.

SPIEGEL: Sie wollen der erste wirkliche Diener unterm Schalke-Schal werden?

Tönnies: Wer pausenlos Kartoffeln und Sauerkraut essen und die Pullover der älteren Schwestern auftragen mußte, weil zu Hause nie Kohle da war, ist nun einmal von solchen Erfahrungen geprägt. Ich empfinde eine tiefe Verachtung für alle Eichbergs dieser Welt.

SPIEGEL: Sie halten sich für immun gegen große Auftritte, die solch ein Präsidentenamt mit sich bringt?

Tönnies: Herr Eichberg hatte Vorstellungen vom Reichsein, wie man sie aus schlechten Filmen kennt. Das ist einem westfälischen Bauernsohn wie mir sehr suspekt. Y

»Jede Bank wollte doch alles in Sicherheit bringen«

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