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»Ich will mich ausprobieren«

Die frühere Eisschnelllauf-Weltmeisterin Franziska Schenk über Sportler als Markenartikel, die Instrumentalisierung der Medien, den Neid der Kollegen und die Sehnsucht nach dem Rücktritt zur richtigen Zeit
aus DER SPIEGEL 39/1999

SPIEGEL: Frau Schenk, wenn Sie in ein fernes Land fliegen, was füllen Sie bei der Einreise unter »Beruf« aus?

Schenk: Da gibt''s einige Möglichkeiten. Bei der Krankenkasse bin ich Studentin. Das Gewerbe, das ich beim Finanzamt angemeldet habe und worauf ich Steuern zahle, ist Sportlerin. Und wegen meiner Vereinbarungen mit dem Südwestrundfunk könnte ich mich Journalistin nennen, aber das fände ich hochgestapelt. Ich bin auf dem Weg dahin.

SPIEGEL: Und deshalb haben Sie, die Ex-Weltmeisterin, Weltcupsiegerin und der Darling der Medien, mit 25 Jahren Ihre Eisschnelllaufkarriere drangegeben?

Schenk: Hoppla! Ich setze zunächst mal nur für ein Jahr aus.

SPIEGEL: Dennoch scheint Ihnen die »Guinness-Show« in der ARD, bei der Sie vorigen Samstag neben Reinhold Beckmann wieder als Co-Moderatorin auftraten, wichtiger zu sein als Medaillen.

Schenk: Wir müssen hier mal zwischen zwei Baustellen trennen. Ich mache dieses Jahr noch zweimal die »Guinness-Show«, also Unterhaltung. Und ich arbeite in der Sportredaktion des SWR, zum Beispiel produziere ich viertelstündige Interviewfilme für die Sendung »Flutlicht«. Das kann man zwar nicht mit einer Samstagabend-Show vergleichen, aber ich will mich da auf vielen Gebieten ausprobieren.

SPIEGEL: Was ist an dem Tag passiert, an dem Sie sich gegen den Eisschnelllauf und fürs Fernsehen entschieden haben?

Schenk: Das ist nicht über Nacht oder so passiert. Das war eine sehr bewusste Entscheidung, ein langer Prozess. Ich habe seit drei, vier Jahren am Ende jeder Saison nachgedacht: Was wäre, wenn ich jetzt aufhöre oder eine Pause mache? Aber dagegen standen immer irgendwelche Ziele - Weltmeisterschaften, Olympia -, und auf die hatte ich ja jahrelang hingearbeitet. Im vorigen Jahr habe ich mich dabei erwischt, dass ich spürte: Eigentlich würde ich mich jetzt lieber anderen Dingen widmen.

SPIEGEL: Die meisten Leistungssportler kommen auf solche Gedanken entweder erst bei schweren Verletzungen, wenn sie von der Konkurrenz abgehängt werden

Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteur Alfred Weinzierl.

oder wenn sie alles erreicht haben und in ein Motivationsloch fallen.

Schenk: Das kommt auf den Ansatz an, mit dem man Leistungssport betreibt. Studierenden Sportlern wird gern unterstellt, dass die Uni nur ein Alibi sei, um zu zeigen, dass man auch geistig in der Lage ist, etwas zu leisten. Für mich war das Studium genauso Abwechslung wie die Praktika, die ich bei einer Zeitung und zweimal beim Fernsehen gemacht habe. Jedes Mal musste ich mich verabschieden mit dem Satz: Leute, es hat mir riesig gefallen, und ich würde gerne länger bleiben - aber der Sport geht jetzt vor.

SPIEGEL: Und nun?

Schenk: Ich hatte vom SWR ein so interessantes Angebot, dass ich gesagt habe: Erstens möchte ich mir nach zehn Jahren diese völlige Vereinnahmung des Lebens durch den Sport nicht länger geben. Zweitens möchte ich in dem Jahr herausfinden: Ist der Journalismus das, was ich will?

SPIEGEL: Es gab viele Sportler, die haben den Absprung versucht, scheiterten in ihrem neuen Leben und kehrten fix wieder zurück. Wollen Sie sich mit der befristeten Pause vor der Peinlichkeit schützen, im nächsten Jahr vielleicht den Rücktritt vom Rücktritt bekannt geben zu müssen?

Schenk: Woher soll ich heute wissen, ob ich im Winter meinen Sport vermissen werde? Kein aktiver Athlet kann wissen, wie ein anderes Leben aussieht. Wenn man sich neue Klamotten kaufen will, dann probiert man im Laden erst mal alles an und entscheidet sich dann. Im Moment stöbere ich durch die Regale.

SPIEGEL: Nach ihrem Wimbledonsieg hat die Amerikanerin Lindsay Davenport über ihre Gegnerin Steffi Graf gesagt: »Die Steffi kann jetzt den Ausstieg selbst bestimmen. Das ist ja das, was wir uns alle wünschen.« Gibt es eine branchentypische Sehnsucht von Sportlern, das richtige Timing für den Abschied zu finden?

Schenk: Wir Sportler sind in einer Ausnahmesituation. Der 58-jährige Manager, der vorzeitig in Pension geht, kann sich einen schönen Lebensabend machen. Also kauft er sich endlich sein Segelboot und schippert über die Elbe. Für den 30-jährigen Sportler fängt nicht der Lebensabend an, sondern der aktivere Teil des Lebens - der muss gestaltet werden.

SPIEGEL: Steffi Graf überrascht uns seit ihrem Rücktritt mit einem veränderten Auftreten - weil sie die sportlichen Zwänge nicht mehr hat?

Schenk: Ich glaube, dass sie schon immer so war, wie sie sich jetzt gibt. Aber sie wollte nicht, dass das sichtbar wird - weil es Konzentration auf den Wettkampf kostet.

SPIEGEL: Kritiker, darunter auch Ihr Trainer, hielten Ihnen vor, dass unter der Mehrfachbelastung Werbung, Fernsehen und Studium keine 100-prozentige Konzentration auf den Sport möglich sei.

* Bei ihrem Sturz während der Olympischen Spiele in Nagano am 19. Februar 1998.

Schenk: Das muss er als Trainer so sehen. Er weiß aber auch, dass ich nicht der Typ für diesen Tunnelblick bin. Und was die professionellen Kritiker angeht, das sind Moden: Mal ist derjenige toll, der nur seinen Sport kennt und sich nicht von so schlimmen Sachen wie Werbung ablenken lässt; mal wird der mündige Athlet, der drei Sätze geradeaus reden kann, gefeiert - je nachdem, was gerade »in« ist.

SPIEGEL: Wie viel büßen Sie auf Grund Ihrer Wettkampfpause finanziell ein?

Schenk: Ich verdiene weniger als mit dem Sport, aber ich nage nicht am Hungertuch. Ich bin beim SWR ja nicht umsonst tätig. Und dann arbeite ich weiterhin mit meinen alten Werbepartnern zusammen. Das Geld kann es nicht sein, das mich zurück zum Sport treibt.

SPIEGEL: Die »Frankfurter Allgemeine« hat Sie einen »Markenartikel« genannt, der die Attribute »schön, schnell und gescheit« ...

Schenk: ... schnell ist ja nicht mehr.

SPIEGEL: Wir zitieren aus einer Zeit, als Sie noch schnell waren.

Schenk: Ich habe das gelesen. Und wenn jetzt geschrieben wird, ich sei nur noch schön, dann finde ich das eigentlich ganz witzig. Ich habe ein entspanntes Verhältnis zum Kommerz. Solange es sowohl den Unternehmen, dem Sport als auch mir hilft, haben wir doch nichts falsch gemacht.

SPIEGEL: Sie waren in einem Jahr 233 Minuten als Interviewgast auf dem Fernsehschirm - mehr als Matthäus, Schumacher oder Becker; nur Franziska van Almsick kam öfter. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Schenk: Eisschnelllauf ist eine Randsportart. Bei Olympia oder Weltmeisterschaften kommt man damit ins Programm, und sonst bleibt man draußen. Es sei denn, man bringt sich auf die Agenda anderer Sendungen. Meine 233 Minuten sind nicht im »Aktuellen Sport-Studio« zusammengekommen, sondern bei »Menschen ''97«, bei Harald Schmidt, bei »Wetten, dass ...«.

SPIEGEL: Da werden die Schönen und die Erfolgreichen eingeladen - also auch der Markenartikel Franziska Schenk.

Schenk: Aber da bedarf es einer Vorleistung außerhalb des Sports. Man muss Nebenschauplätze finden, die eine glaubwürdige Affinität zum Eisschnelllauf haben. Sie kennen meinen Werbespot für den Otto-Versand?

SPIEGEL: Sie sind mit einem Eisbären in Kanada um die Wette gelaufen ...

Schenk: ... und deshalb in eine Sendung gekommen, die außergewöhnliche Werbefilme präsentiert. Der Nachrichtenwert für die Redakteure war nicht, dass ich Weltmeisterin geworden war; die wollten was über die Dreharbeiten erfahren. Ich verknüpfe also das Thema Sport mit einem anderen Nachrichtenwert - und schon kann ich ganz neue Sendungen als Plattform nutzen. Oder auch Zeitschriften: Mit der Otto-Werbung war ich Thema in allen Mode- und Frauen-Illustrierten.

SPIEGEL: Ist der sportliche Erfolg nur noch Nebensache?

Schenk: Ich würde keinem raten, Nebenschauplätze zu inszenieren, ohne wirklich eine Basis zu haben. Eine Fotostrecke im »Playboy« mag was unglaublich Spannendes sein, und damit hat man auch garantiert das Medieninteresse, aber langfristig schadet das eher. Eine Sache ist schlecht, wenn es keine Antwort auf die Frage gibt: »Wie ist sie denn darauf gekommen?«

SPIEGEL: Wie sind Sie denn darauf gekommen, sich fotografieren zu lassen - nur mit Schlittschuhen bekleidet und mit Silberfarbe bemalt?

Schenk: Man konnte vor der WM in Hamar davon ausgehen, dass die nicht von großem öffentlichen Interesse sein würde. Also haben wir uns überlegt, mit welchen Fotos man für Aufmerksamkeit sorgen kann. Es gab damals eine Pirelli-Kampagne, auf der ein Eisschnellläufer in silbernem Anzug und roten Stöckelschuhen bei einer dilettantischen Startpose abgebildet war. Wir wollten das Foto nachstellen, mit richtigen Schlittschuhen und in der richtigen Startposition. Das Problem war, dass wir in der Kürze der Zeit keinen silbernen Laufanzug auftreiben konnten. Da kam jemand auf die Idee, mich anzumalen. Ich war erst skeptisch, aber das Ergebnis war toll. Die Bilder wurden gedruckt noch und nöcher.

SPIEGEL: Sie wurden zur Kronzeugin einer Debatte, wie Sportler die Erotik zur eigenen Vermarktung entdecken.

Schenk: Das hätte ich nicht für möglich gehalten, wer anschließend alles angemalt und bepinselt in der Medienlandschaft rumgesprungen ist. Irgendwann ist mir das auch echt auf den Senkel gegangen.

SPIEGEL: Sie haben das Foto gesperrt.

Schenk: Der Zweck war erfüllt. Es ist auch nach wie vor ein tolles Foto. Aber wir mussten dem Publikum klarmachen: »Hallo Leute, ich bin nicht nur die mit dem Silberfoto.«

SPIEGEL: Die Inszenierung gelingt nicht jedem erfolgreichen Sportler. Gunda Niemann hat 15 WM-Titel mehr gewonnen als Sie, die Schwimmerin Dagmar Hase hat eine Olympische Goldmedaille geholt und Franziska van Almsick keine. Aber in der Werbung haben Niemann und Hase nie eine Rolle gespielt. Warum?

Schenk: Warum wird das eine Model gebucht und das andere nicht? Weil es vielleicht einfach in dem Moment eher den Geschmack der Masse trifft. Man kann das sicher beeinflussen durch Sachen, die man initiiert oder die man bereit ist zu tun. Aber acht Stunden geduldig am Set zu stehen und immer ein freundliches Gesicht zu machen ist auch nicht jedermanns Ding.

SPIEGEL: Dennoch produziert der kommerzielle Erfolg Neid.

Schenk: Wenn jemand glaubt, die Verteilung der Erfolge müsse sich proportional in der Berichterstattung wieder finden, dann kann man natürlich unzufrieden werden. Aber damit kommentiert man ja nur die Funktionsweise der Medien - die ich mir zunutze mache, aber für die ich nicht verantwortlich bin. Vielen Sportlern ist es egal, ob der Journalist unter Druck ist, weil er einen festen Sendetermin hat oder Redaktionsschluss. Ich war verfügbar, so weit es ging, und ich bin Risiken eingegangen. Wenn ich nach dem Silberfoto bei der Weltmeisterschaft keine Medaille gewonnen hätte, wäre die Schlagzeile in »Bild« doch schon klar gewesen: »Nicht mal zu Silber reicht es.«

SPIEGEL: Dem Mannschaftsklima hat Ihre Popularität nicht gut getan. Ihre Kollegin Sabine Völker hat Sie »eine zu Recht unbeliebte Person« genannt.

Schenk: Leistungssport ist Konkurrenz. Wir sind nicht bei der Heilsarmee, sondern betreiben ein Geschäft. Wenn zwei um das letzte Ticket für Olympia kämpfen, geht das nicht mehr miteinander, sondern gegeneinander. Ich habe mit Sabine Völker über Jahre eine sehr fruchtbare Konkurrenz gehabt. Wir sind keine Freundinnen, aber wir haben uns gegenseitig angetrieben. Von ihrer Äußerung war ich enttäuscht.

SPIEGEL: Es soll eine breite Front der Athletinnen aus den neuen Bundesländern gegen Sie gegeben haben.

Schenk: Ich gebe ja zu, dass sich solche Geschichten gut lesen. Aber sie entsprechen nicht so ganz den Tatsachen. Ich kann mich auch an eine breite Front mitfühlender Sportler nach meinem Sturz in Nagano erinnern. Leuten, die so was schreiben, sage ich immer: Macht so eine Situation erst mal selber mit, ohne dass es zu irgendwelchen Spannungen kommt.

SPIEGEL: Frau Schenk, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteur Alfred Weinzierl.* Bei ihrem Sturz während der Olympischen Spiele in Nagano am19. Februar 1998.

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