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Im Invaliditätsfall 200 000 Mark ...

aus DER SPIEGEL 21/1971

Einerseits sind sie wie die geistlichen Herren, andererseits aber auch wie der Teufel gekleidet: schwarz. Man weiß also nicht, woran man mit ihnen ist, und das schlägt gegen sie zu Buch. Sie »Schwarzkittel« -- wie die Wildschweine -- zu nennen gilt nicht als Ungehörigkeit. Auch hat noch niemand behauptet, die Begegnung mit ihnen bringe Glück, wie die Begegnung mit einem Schornsteinfeger. Eher reagiert man auf sie wie auf eine schwarze Katze, die von links nach rechts über den Weg huscht.

Einige Zeitgenossen scheint sogar der Verdacht zu plagen, sie hätten es in den »Pfeifenmännern"* überhaupt nicht mit Menschen zu tun. Sid jedenfalls, der Düsseldorfer Sportinformationsdienst, teilte im Herbst vergangenen Jahres mit, die Teilnehmer an einer -- einschlägigen -- Fernsehdiskussion hätten in dem »Grundsatz« übereingestimmt: »Auch Schiedsrichter sind nur Menschen ...«

Nicht Übermut veranlaßt uns, über diese grundsätzliche Beschwörung des »Nur-Menschen« hinauszugehen. Doch ereignet es sich dieser Tage einmal wieder, daß mehrere Unternehmen unserer Wirtschaft, deren Schicksal uns nicht gleichgültig sein kann, vom Ruin bedroht werden.

Schwarze Wolken ballen sich am frühsommerlichen Himmel über wenigstens fünf Großfirmen, und mit Sicherheit werden zwei von ihnen ins Gras beißen müssen. Allein die Frage, welche von den fünf in Betracht kommenden Unternehmen Konkurs anzumelden haben werden, ist noch offen, und es gehört schon ein gehöriges Maß an sozialer Verantwortungslosigkeit dazu, diese Ungewißheit als belebend oder gar »köstlich« zu empfinden.

Genauso eine Haltung aber empfehlen uns die Verbandsbosse der Fuß-

* Pfeifenmann: eine nur im Zusammenhang mit Fußball straflos übliche Bezeichnung die niemanden dazu verleiten sollte, andere als Schiedsrichter »Pfeife« zu nennen.

ball-Branche, denn von dieser ist hier die Rede, die sich unaufhaltsam ihrer Talsohle nähert. Sie appellieren nicht etwa an die Sozialpartner, obwohl, wenn schon nicht Spargel und Schinken, so doch Frankfurter Würstchen noch drin sein sollten. Sie rufen kein Gremium von Weisen zusammen, was einem nachgerade so selbstverständlich zu sein hätte wie das Niesen im Fall eines Schnupfens: nein, diese Herren ziehen regelrecht eine Lotterie zur Ausgestaltung der bevorstehenden Trauerfälle auf.

Es sagt das Vorletzte über die Beschaffenheit des Verbandskonsortiums, daß es die Zuteilung der schwarzen Lose seinen Hofnarren überläßt. Und über das Letzte, die Tatsache, daß sich diese Herren -- wie Potentaten des Mittelalters -- Hofnarren halten, ist denn doch wohl einiges zu sagen. Die Qualifikation dieser Hofnarren besteht nämlich nicht allein in ihrer persönlichen Beschaffenheit (welche die gediegenste sein soll und worauf auch Wert gelegt wird, wie man uns versichert hat). Sie besteht vielmehr darin, daß sich die zu Hofnarren ernannten Männer gewissen Bedingungen blindlings unterwerfen.

Wo jeder Politiker, Vorstandsvorsitzer und Chefredakteur die Erinnerung an sein »Wort von gestern« als ein verdammtes Ansinnen von sich weisen darf, haben die Hofnarren zu ihrem gestrigen Tun oder Unterlassen bis in alle Ewigkeit zu stehen. Sie haben nämlich, so hat man es ihnen auferlegt, jeweils gestern »Tatsachen« festgestellt, und was gestern eine Tatsache war, das hat nunmehr eine Tatsache zu bleiben.

Ein Hofnarr mag entdecken, daß die gestrige Tatsache, die eines der fünf bedrohten Unternehmen dem Ruin überantwortet hat, keine Tatsache war. Doch er hat zu schweigen und sein Gleichgewicht aus der ihm gleichfalls auferlegten Behauptung heraus wiederherzustellen, daß er in diesem Handel der einzige Beteiligte gewesen ist, für den es nicht um Geld ging.

Es ist immer wieder faszinierend, wie sich die Gesellschaft in ihrer Prügelei ums Geld eine Erinnerung an den Unwert des Geldes angesichts der Ewigkeit erhält. Was allerdings den Bundesliga-Fußball angeht. so muß man nachgerade statt von Faszination von Greueln sprechen.

Der Bundesliga-Fußball, längst ein Unternehmen der Unterhaltungsbranche, eine vollfette Portion Show-Business, läßt sich noch immer als »Sport« verkaufen, als ein zwar auch auf Gelderwerb, doch in der Substanz weiterhin auf den gesunden Menschen mit gesundem Innenleben gerichtetes Bemühen -- weil es den Schiedsrichter gibt. Er personifiziert das Unwägbare, das Zufällige, das nicht Auszurechnende und jenen Eifer. den keine Fehlentscheidung ruinieren kann, weil er eben nicht um des Geldes willen mit dem Anpfiff losgelegt hat.

»Die Anständigen, die Steuern und Abgaben bezahlen, sind die Dummen.«

Der Ball sei weiterhin rund, der Rasen ewiggrün, behaupten kalte Köpfe, die mit dieser Behauptung weiterhin verdienen wollen. Die Vokabel Sport löst nach wie vor bei der Mehrheit der Bevölkerung die Gedankenverbindung Geld nicht aus. Doch dieser Tage ließ der Präsident der Münchner Bayern -- der »Abendzeitung« zufolge -- wissen, er habe den Standpunkt. man solle keine Schulden machen, inzwischen aufgegeben: »Ich bin nicht mehr darauf aus, eine Saison mit Gewinn abzuschließen, denn die Anständigen, die Steuern und Abgaben bezahlen, sind die Dummen«

Ein wackerer Unternehmerstandpunkt, und wer an dem rütteln möchte, der nehme zur Kenntnis, daß die Be-Wertung der Vorgänge am nach wie vor runden Ball und auf dem ewiggrünen Rasen noch immer der Entscheidung von schwarzgekleideten Personen überlassen bleibt, denen irgendein kommerzielles Interesse nicht unterstellt werden kann.

Zwischen dem 1. Mai und dem 30. Juni dieses Jahres werden von den Klubs der Bundesliga an die 16 Millionen Mark für Neueinkäufe von Spielern ausgegeben werden. Auf exakt diese Zahl wird auch die Gesamtverschuldung der höchsten Spielklasse im Bundesfußball geschätzt. Man spielt Lotterie, und aus der fallen jährlich zwei heraus. Die Frage nach den Absteigern hat die Frage nach dem Meister überrundet, denn die Folgen des Abstiegs sind weitaus aufregender als die der Meisterschaft. Suppenstar Beckenbauer beklagte denn auch, daß zu den Spielen seiner Mannschaft immer weniger Zuschauer, zu denen der Abstiegskandidaten jedoch immer mehr kämen.

Da sitzt Freund Schlich am Abend vor dem »Spieltag« (was auch wieder so ein Wort ist, das die Illusion pflegt, es gebe um Tanz, Tand und anderes fröhliche Treiben), sieht im Fernsehen vor der Tagesschau die Werbung und auch den Stollenstar Huberbichler, wie er als Werbeträgerakteur am Werben ist. Schau einer an, sagt sich Freund Schlich: schau an, der Huberbichler. Am nächsten Tag, auf der Fahrt zum Platz, liest Freund Schlich eine Gazette, und in der begegnet ihm der Huberbichler doch tatsächlich schon wieder. Nun sieh doch einer an, der Huberbichler, murmelt Freund Schlich, der Junge respektiert wirklich die Vielfalt der Werbeträger, der behält sich nicht dem Fernsehen vor. Freund Schlich ist voll Hochachtung. doch kann er sich selbiger nicht länger hingeben, da er ins Grübeln kommt, ob die Taxifahrt zum Stadion angesichts seiner Spesen vernünftig ist.

»Die Zeiten bleiben immer, die Menschen werden schlimmer.«

Am Nachmittag dann gibt Freund Schlich ein Tor nicht, denn er hat den Ball die Linie nicht überschreiten sehen. Freund Schlich überlebt Huberbichlers und seiner Kameraden Zorn, auch der Raserei des Publikums hält er stand, ohne dieser ein wenig später eine kleine Konzession zu opfern. Freund Schlich ist stolz, auch er hat mal Schiller auswendig lernen müssen, und von daher spukt noch was in ihm. Vielleicht geht Freund Schlich auch ein ähnlich geflügeltes Wort seines Schiedsrichterobmanns im Deutschen Fußballbund Degenhard Wolf durch den Sinn: »Die Menschen sagen immer, die Zeiten werden schlimmer. Die Zeiten bleiben immer, die Menschen werden schlimmer.« Nun, gegen diesen Verfall hat Freund Schlich heute mal wieder die Trillerpfeife hochgehalten, bis er ja, bis er später im Fernsehen das von ihm nicht anerkannte Huberbichler-Tor als ein unbestreitbares Tor sieht. »Höchst fatal«, bemerkt da Schlich, »diesmal leider auch für mich.«

»Durch Geld werden unsere Schiedsrichter auch nicht besser. Sie brauchen Vertrauen«, dieses andere Degenhard-Wolf-Wort könnte Freund Schlich jetzt einfallen, doch fragt sich, ob es ihn trösten würde. Wie soll man ihm vertrauen, könnte er sich fragen, nachdem sein Selbstvertrauen einen Riß erlitten hat. Müßte sich Freund Schlich, entschieden angeschlagen, nicht während des restlichen Wochenendes auf seinen Beruf ab Montag vorbereiten, so wäre immerhin vorstellbar, daß Freund Schlich auch ans Nachdenken über Huberbichler und seine private Einstellung zu Huberbichler geriete. Doch, wie gesagt, am Montag ist Freund Schlich wieder Filialleiter, Platzwart oder was auch immer. Und ein Beruf fordert den ganzen Mann. Das erlebt Freund Schlich schließlich an jedem Wochenende.

Aus dem Show-Geschäft der Bundesliga wird nie mehr etwas werden, woran der Amateur-Papst Avery Brundage sein Wohlgefallen hätte. Es wird sich Krisen ausgesetzt sehen, wie jede Sparte der Unterhaltungsbranche; etwa der zunehmenden Unlust von immer mehr Menschen, sich in ihrer Freizeit unter noch mehr Menschen zu begeben.

Bevor es soweit ist, wäre allerdings noch einiges möglich. So würde beispielsweise ein höheres Salär die Bundesliga-Schiedsrichter, die vorerst nur im Fall der Vollinvalidität infolge freiwilligen Dienstes ans große Geld (an 200 000 Mark) geraten, in die Lage setzen, manches zu studieren, was sie sich selbst gegenüber unparteiischer macht. Moralisch hochgeschirrt. wie sie derzeit ihres Amtes zu walten haben. ist ihnen sogar die Erkenntnis verschlossen, daß es Leute gibt, die man ganz einfach nicht leiden kann.

Die Tatsachenentscheidung wird wohl auch dann fortzubestehen haben, von kapitalsten Fällen abgesehen, wenn das Unternehmen Bundesliga & Co. einmal ernsthaft vom Publikumsabfall gefordert wird (also bald). Doch eine Tatsachenentscheidung, die aus der Zusammenarbeit eines Teams von zwei Schiedsrichtern auf dem Platz und zweien an den Außenlinien hervorgeht (eines Teams, das stets geschlossen auftritt), könnte der Gefahr. durch die Fernsehkamera überführt zu werden, beachtlich gewachsen sein.

Henning Venske, der akustische Frankenstein des NDR-Hörfunks, würzte unlängst die Ansage einer Sportsendung mit der Geschichte von den Teufeln, die sich erfrechen, die Engel zu einem Fußballspiel aufzufordern. Von Gott seien sie ja eh verlassen, hält man ihnen vor, doch ob sie nicht wenigstens hätten bedenken können, daß alle großen Fußballspieler Engel waren und sich also im Himmel befinden. »Aber die Schiedsrichter«, sagen die Teufel. Und damit werden sie ganz gewiß recht behalten, solange Bundesliga-Schiedsrichter nichts anderes als den um Ordnung bemühten Zufallsfaktor spielen unter Bedingungen. deren Änderung wohl auch von ihnen betrieben werden könnte.

Sie müssen ja nicht gleich einem frischen Beispiel folgen und total nach Vorschrift pfeifen.

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