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»Im Prinzip ist das Wahnsinn«

SPIEGEL-Interview mit Rennfahrer Walter Röhrl über den Rallye-Sport Walter Röhrl, 39, Werksfahrer bei Audi, wurde 1980 und 1982 Rallye-Weltmeister. Er gewann viermal die berühmte Rallye Monte Carlo. *
aus DER SPIEGEL 21/1986

SPIEGEL: Herr Röhrl, nach den tragischen Ereignissen der letzten Monate dem tödlichen Unfall von Henri Toivonen und Sergio Cresto in Korsika sowie den getöteten Zuschauern in Portugal und Kenia, hat Audi seinen Rückzug aus der Rallye-Weltmeisterschaft erklärt. Bedeutet dieser Schritt das Ende Ihrer Karriere?

RÖHRL: Ich hoffe nicht. Wie andere Hersteller werden auch wir weiterhin auf eine Verbesserung der Sicherheit für Fahrer und Zuschauer im Rallye-Sport drängen und in erster Linie dem Automobil-Weltverband Fisa erneut entsprechende Vorschläge unterbreiten. Wenn diese Bemühungen zu einer Erhöhung der Sicherheit an den Rallye-Strecken führen, kann ich mir vorstellen, daß der Beschluß des Audi-Vorstandes nur für den Rest dieser Saison gilt.

SPIEGEL: Halten Sie als bester Rallye-Fahrer der Welt diese Entscheidung für richtig?

RÖHRL: Es war höchste Zeit, daß eine Firma ein Zeichen setzt. Wir können nicht immer nur sagen, das ist zu gefährlich, und trotzdem weiterfahren. Mit dieser Entscheidung wollen wir Druck ausüben, der Fisa und ihrem starrköpfigen Präsidenten Jean-Marie Balestre eine Chance geben, die Mißstände zu beseitigen. Einfach nur die hochtechnisierten Gruppe-B-Autos wie den Lancia Delta S4, den Audi Sport Quattro oder den Peugeot 205 Turbo 16 zu verbieten, damit ist es nicht getan. Ich habe schon in Monte Carlo daran gedacht, nicht mehr weiterzufahren, auch in Portugal, aber ich hatte einfach nicht den Mut dazu. Dieser Anstoß von Audi ist jetzt stark genug, da sage ich, da mache ich mit. Das ist mir die Sache wert.

SPIEGEL: Das ab 1. Januar 1987 gültige neue Reglement, mit dem die Fisa nur noch seriennahe Gruppe-A-Autos für den Rallye-Sport zulassen und ihn damit wieder sicherer machen will geht Ihnen nicht weit genug?

RÖHRL: Das ist ein Alibi-Reglement das vom eigentlichen Problem der Sicherheit für die Zuschauer ablenkt. Da muß sich etwas ändern, denn ob ich mit einem Ford RS 200 mit 450 PS in die Zuschauer rase oder mit einem Golf GTI mit 175 PS, das macht keinen Unterschied. Für die Zuschauer tut die Fisa aber überhaupt nichts.

Die Herren sind unter Druck geraten, weil es Tote gegeben hat in den letzten Monaten, doch mehr als ein neues Reglement fällt ihnen nicht ein. Den Technikern können sie leicht Vorschriften machen. Sich aber einmal die Veranstalter der Rallyes zur Brust zu nehmen und für mehr Sicherheit an den Rennstrecken zu sorgen, dazu sind sie offensichtlich nicht bereit. Außerdem gilt das neue Reglement erst im nächsten Jahr. Es ergibt doch keinen Sinn zu sagen, erst ab 1. Januar 1987 sind die derzeit eingesetzten Autos zu gefährlich.

SPIEGEL: Daß sie zu gefährlich sind, steht wohl außer Frage?

RÖHRL: Natürlich. Diese Autos mit über 500 PS sind etwas Verrücktes. Wenn ein Fahrer das alles überlebt, wird er zwar später einmal von dieser Zeit schwärmen und glücklich sein, dabeigewesen zu sein, aber im Prinzip ist das Wahnsinn.

SPIEGEL: In anderen Motorsportbereichen war die Sicherheit schon immer ein zentrales Thema. Warum ging diese Diskussion am Rallye-Sport fast völlig vorbei?

RÖHRL: Wenn man einmal die letzten sechs Jahre betrachtet, dann ist ein Formel-1-Auto auf keinen Fall um mehr als drei oder vier Prozent schneller geworden.

Aber die Strecken, die Auslaufzonen wurden um 50 bis 100 Prozent verbessert. Im Rallye-Sport hat die Geschwindigkeit in dieser Zeit um 100 Prozent zugenommen, aber wir fahren immer noch auf derselben Straße, da ist noch derselbe Abgrund, derselbe Baum. Da muß man nicht sehr intelligent sein. Im zu sagen, da stimmt etwas nicht, das kann nicht vernünftig sein, was da gemacht wird. Aber wenn du dich als Fahrer beschwerst, sagen sie dir: Wenn du Angst hast, bleib halt daheim.

SPIEGEL: Sie warnen schon seit Jahren vor den zunehmenden Gefahren dieses Sports. Warum haben Sie nicht früher Konsequenzen gezogen?

RÖHRL: Das hätte ich wirklich tun sollen, aber dazu war ich zu feige, wie alle anderen auch. Doch ich war immer der einzige, der etwas gesagt hat. Dabei hatten wir alle Angst, wenn wir zum Beispiel in Portugal zu einer Sonderprüfung starteten, weil wir genau wußten, daß hinter der nächsten Kurve die verrücktesten Zuschauer der Welt warteten. Wir haben diese Angst einfach verdrängt, gehofft, daß nichts passiert. Etwas gemeinsam gegen diesen Wahnsinn zu unternehmen war undenkbar. Da habe ich mir dann eben gesagt, okay, es hat keinen Sinn, wenn ich mich da allein gegen alle stelle, ich fahre halt so weiter, daß mir nichts passiert.

SPIEGEL: Als im März in Portugal drei Zuschauer von einem Rallye-Auto getötet wurden, waren sich die Fahrer plötzlich einig und weigerten sich, weiter zu fahren. Mußte es erst Tote geben?

RÖHRL: Was in Portugal nach dem Unfall passierte, war für mich sensationell. Ich hatte, als wir uns in einem Hotel zusammensetzten, noch nie so viele Fahrer auf einem Fleck gesehen, geschweige denn erlebt, daß sie ernsthaft über ein gemeinsames Problem diskutiert hätten. Daß wir den Boykott dann auch durchzogen, obwohl einige Teamchefs großen Druck auf ihre Fahrer ausgeübt haben das war schon ein tolles Gefühl.

SPIEGEL: Die Fahrer wählten Sie spontan zu ihrem Sprecher. Seither sind Sie der Buhmann der Fisa.

RÖHRL: Diese Unverfrorenheit muß man sich einmal vorstellen. Da werden Forderungen, die ich schon seit Jahren stelle, durch den Tod von Menschen untermauert, doch anstatt daß die Herren jetzt ein schlechtes Gewissen kriegen, weil sie nichts getan haben, schlagen sie alle auf mich ein. Ein portugiesischer Journalist hat mir schon gesagt, falls ich jemals wieder nach Portugal kommen sollte, könne er für meine Sicherheit nicht garantieren.

SPIEGEL: Wie können Rennstrecken sicherer gemacht werden?

RÖHRL: Durch Absperrungen, gegebenenfalls durch eine größere Präsenz von Polizei oder Militär. Das gilt zwar nicht nur für Portugal, aber doch in einem höheren Maße als anderswo. Die Portugiesen haben die unvernünftigsten Fans und die schlampigste Organisation.

SPIEGEL: Was fasziniert Sie trotz allem am Rallye-Sport?

RÖHRL: Rallyes zu fahren ist an sich etwas Verrücktes, aber es ist eben wie alles im Leben: je verrückter, um so toller. Ich fahre Rallyes nicht wegen der Geschwindigkeit, sondern wegen der Perfektion. Ich will ein Auto perfekt beherrschen, und je schwieriger das ist desto mehr Befriedigung gibt es mir. Wenn da 550 PS auch in den Grenzbereichen der Physik noch genau das tun, was ich will, dann finde ich das einfach toll.

SPIEGEL: Als Rechtfertigung für den Rallye-Sport mußte immer der Nutzen für die Serie herhalten. Ist dieses Argument nicht schon längst überholt?

RÖHRL: Überhaupt nicht. Es ist unbestritten, daß der Motorsport mit seinem Druck des Wettbewerbs die Entwicklungszeiten um ein Vielfaches verkürzt. Das wird jeder Entwicklungschef bestätigen, auch wenn er mit Motorsport nichts im Sinn hat. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, daß auch die Formel 1 etwas für die Serie bringt. Die derzeitigen Probleme mit dem Benzinsparen werden sicherlich bald gelöst sein und die daraus gewonnenen Erkenntnisse dann auch in ganz normalen Serienmotoren Verwendung finden.

SPIEGEL: Wie viele Fahrer gibt es die so ein 550-PS-Geschoß auch in schwierigen Situationen beherrschen?

RÖHRL: Da fallen mir vielleicht zehn Fahrer ein, noch weniger können jedoch mit einem solchen Auto richtig schnell fahren. Beifahrer, die bei diesem Tempo den Streckenplan noch exakt vorlesen können, gibt es womöglich nur drei.

SPIEGEL: Wenn die Fisa die leistungsstarken Gruppe-B-Autos tatsächlich verbietet, haben die Werke Millionen Mark vergebens investiert. Verlorenes Geld?

RÖHRL: Das kommt darauf an, welche Politik das einzelne Werk verfolgte. Bei Audi ist das klar. Alles, was wir gemacht haben, mußte zu einem gewissen Prozentsatz etwas für die Serie bringen. Audi hat Geld in den Rallye-Sport investiert, an Image gewonnen und an neuen technischen Erkenntnissen für die Serienproduktion. Dieses Geld ist nicht zum Fenster hinausgeworfen.

SPIEGEL: Peugeot will gegen den Fisa-Beschluß vor Gericht klagen. Glauben Sie, daß die Fisa standfest bleibt?

RÖHRL: Die Fisa ist unberechenbar. Diese Leute machen ohne viel zu überlegen, immer das, was für sie momentan gut ist. Alles andere interessiert sie nicht.

SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, in einem seriennahen Gruppe-A-Auto, einem Audi 90 Quattro zum Beispiel, um die Rallye-Weltmeisterschaft zu fahren? RÖHRL: Natürlich. Da würde ich mir im ersten Moment zwar vorkommen wie im Kinderwagen, die absolute Spitze in diesem Sport würde etwas abgetragen, aber letztlich würde sich auch da der Beste durchsetzen. Wir dürfen eines nicht vergessen: Das Problem dieses Sports sind erst in zweiter Linie die Autos. Nur wenn die Sicherheit der Zuschauer garantiert ist, können Rallyes überleben. _(Mit tödlich verunglücktem Fahrer Henry ) _(Toivonen und Beifahrer Sergio Cresto. )

Mit tödlich verunglücktem Fahrer Henry Toivonen und Beifahrer SergioCresto.

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