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TENNIS Im Schatten

Steffi Graf und Claudia Kohde sind im internationalen Tennis nicht weniger erfolgreich als Boris Becker. Doch in der deutschen Öffentlichkeit stiehlt ihnen der Wimbledonsieger die Schau. *
aus DER SPIEGEL 18/1986

Martina Navratilova. unbestritten Nummer eins der Branche, traut der Deutschen Claudia Kohde, 22, zu, »meine Nachfolgerin zu werden«. Chris Evert-Lloyd, seit über einem Jahrzehnt eine der besten Tennisspielerinnen der Welt, hält die Deutsche Steffi Graf, 16,

gar für unwiderstehlich: »Sie ist nicht mehr aufzuhalten«.

In blanke Münze oder öffentliche Anerkennung hat sich diese Wertschätzung bei beiden Weltstars noch nicht so recht verwandelt: In der Männergesellschaft Sport finden von Frauen erbrachte Höchstleistungen - jedenfalls in der Bundesrepublik - vergleichsweise geringe Beachtung.

Selbst wenn die beiden deutschen Tennis-Damen das Finale eines Grand-Prix-Turniers - wie zuletzt in Florida - unter sich ausmachen, schalten überraschend viele Fernsehzuschauer ab. Das Endspiel von Amelia Island zog ganze drei Prozent der möglichen TV-Zuschauer an; Becker-Spiele bei ähnlichen Mitternachtssitzungen hielten mehr als 20 Prozent der Fernseher wach.

Ein Grund für die Geringschätzung weiblicher Glanzleistungen liegt nahe: Nur sechs Prozent der deutschen Sportjournalisten sind Frauen. »Sportreporter entsprechen oft dem Macho-Typ«, sagte der Münchner Psychologie-Professor Wolfgang Marx, »für den Sport noch Männersache ist, so wie schon Hemingway das Image aufgebaut hat«.

Jürgen Kilsch, der Stiefvater Claudia Kohdes, weiß, wie sehr »die Mädchen leiden, unter Wert gehandelt zu werden«.

Die Damen erhalten auch geringeres Honorar: »Wir investieren ebensoviel Zeit wie die Männer«, klagte Claudia Kohde, »bekommen aber niedrigere Gagen.« Bei den offenen Französischen Meisterschaften im Mai in Paris beträgt die Differenz an Preisgeldern 270000 Dollar. Veranstalter begründen den Unterschied

mit der geringeren Zahl der Spielerinnen, auch damit, daß Frauen (Ausnahme: die US-Open) nur über zwei Gewinn-Sätze spielen und vor allem mit dem kraftvolleren, angeblich attraktiveren Angriffsspiel der männlichen Stars.

»Wer keine Gründe hat, rationalisiert sie hier gern hin«, argwöhnt Psychologe Marx, »er sucht sich Pseudogründe.« Denn in Wirklichkeit hat sich »das Damenspiel entscheidend verändert«, so der Präsident des Deutschen Tennisbundes (DTB), Claus Stauder. »Früher spielten sie wie kleine Roboter an der Grundlinie, heute bringen die Besten attraktives, mutiges Angriffstennis.«

Warum Becker-Asse die Nation auch nach Mitternacht wach halten, ist Marx klar: »Er trat mit einem Schlag ins Rampenlicht«, analysierte er, »und das in Wimbledon, beim bekanntesten Turnier der Welt.«

Mit einem Male hatten die Deutschen auch im Aufsteigersport Tennis ihren Champion. Ein Sieg bei einem Sportklassiker wie dem Turnier in »Wimbledon zählt soviel wie der Gewinn der Box-Weltmeisterschaft im Schwergewicht oder des WM-Titels in der Formel 1. Becker war der erste - selbst wenn Steffi Graf oder Claudia Kohde in Wimbledon nachziehen sollten, werden sie bei den Fans nicht mehr die gleiche Begeisterung entfachen wie er.

»Sie haben uns mehr unterdrückt als aufgebaut«, warf Claudia Kohde den

Funktionären vor. »Wer auf den DTB setzt, landet nie in der Weltklasse.« Übertrieben oder nicht - DTB-Präsident Stauder will »alles daransetzen, den Mädchen aus dem Popularitäts-Schatten herauszuhelfen«.

Offenbar ist es der Männer-Riege im Tennis-Bund damit sogar ernst. Für ihren Auftritt beim Federation-Cup im Juli in Prag, der Mannschafts-Weltmeisterschaft, ist Steffi Graf und Claudia Kohde eine Gage von jeweils 40000 Mark zugesagt worden.

Ein erster Schritt in Richtung Gleichbehandlung, immerhin. Mehr kassierte auch Becker nicht für seine Spiele im deutschen Daviscup-Team.

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