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FUSSBALL Im Sitzen köpfen

Bei Eintracht Frankfurt muß schon wieder ein neuer Präsident gewählt werden. Auf den aussichtsreichsten Kandidaten wirft ein dubioser Ex-Geschäftspartner Schatten.
aus DER SPIEGEL 48/1988

Im Frankfurter Nachtklub »Le Jardin«, zwischen Börse und Bankenviertel gelegen, hingen einige Herren in Champagnerlaune dem Gedanken nach, was man aus Geld alles machen könne. Gebäudereinigungs-Unternehmer Klaus Gramlich, 49, wettete darauf, daß er sich den Konsultitel der Karibikinsel Grenada kaufen könne.

Bei einem Hamburger Titelhändler zahlte Gramlich 10 000 Mark an. Doch mit der Würde wurde es nichts. Die Amerikaner besetzten, im Herbst 1983, das Eiland.

Dafür kam Gramlich, in Österreich promovierter Jurist, zu Titelehren, die ihm noch viel lieber waren. Die Mitglieder von Eintracht Frankfurt wählten ihn zu ihrem Präsidenten. Seine einzige Empfehlung für das Amt hielt ihm einmal Trainer Branko Zebec abfällig so vor: »Du nur Präsident, weil dein Vater Präsident.« Vater Rudi hatte früher 17 Jahre lang den Verein geführt.

Der erste Repräsentant des Spitzenklubs am Main fiel in der Folge den Fans vor allem dadurch auf, daß er sich selbst darstellte. Auf die Ehrentribüne ließ er sich von exotischen Schönen begleiten. Über das Kopfsteinpflaster der Freßgaß, Frankfurts schicker Promenade, stolzierte Gramlich junior unüberhörbar mit Eisen unter den Absätzen.

»Klack-klack«, wie ihn Bekannte bald bespöttelten, präsentierte sich im Fußball-Magazin »Kicker«, nach der Bedeutung seiner Reinigungsfirma »Elite« befragt, als »Porsche in meiner Branche«.

Das ist durchaus branchentypisch. In der Bundesliga haben anstelle der Patriarchen, wie einst Gramlich senior oder Wilhelm Neudecker (Bayern München), smarte Managertypen die Macht übernommen, vor allem Juristen und Betriebswirte. Das Ehrenamt bietet, was die Standesordnung verbietet: Werbung in eigener Sache, bei den Klienten gleichermaßen wie auf dem gesellschaftlichen Parkett.

In Köln ließ sich der Rechtsanwalt Dietmar Artzinger-Bolten, 49, schon vor der Wahl zum FC-Präsidenten mit Pappkrone ablichten, in München bekam Bayern-Chef Fritz Scherer jetzt das Bundesverdienstkreuz am Bande. Der Wirtschaftsdozent soll als Fußball-Präsident, so die Begründung, zur Steigerung des Ansehens der Bundesrepublik Deutschland in der Welt beigetragen haben.

Mit rhetorischem Geschick haben die Akademiker die Mitglieder fest im Griff. In Dortmund ließ der Jurist Gerd Niebaum einen Schatzmeister wählen, der sich der Versammlung erst nach der Wahl vorstellte. In der vergangenen Woche eroberte der Betriebswirt Michael Zylka den Schalker Präsidentenstuhl, obwohl er außer ein paar müden Witzchen nichts zu bieten hatte. 675 Kumpel aber hatte gefallen, daß der Kandidat in Lederjackett und Jeans antrat.

Und nicht selten bleibt neben der Ehre auch Geld hängen. Der Ex-Präsident des Hamburger SV, der mediengewandte Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Klein, der vehement für eine Vergabe der Fußballfernsehrechte an die Bertelsmann-Tochter Ufa eintrat, unterzeichnete unlängst einen Fünfjahresvertrag als Berater für Sport-Marketing - bei Bertelsmann. Nürnbergs Präsident Gerd Schmelzer wurde vorgeworfen, 100 000 Mark Provision dafür kassiert zu haben, daß er das Vereinsgelände zum Freizeitpark umbauen lassen wollte. Er hatte bei seiner Wahl schon erklärt, sich vom Amt auch »privat Vorteile zu versprechen«.

Bescheidener profitierte da Hannovers Präsident Fredo Henze, ein Lkw-Gebrauchtwagenhändler. Er bestellte zwei seiner Profis zu einem Phototermin, bei dem er auf der Laderampe eines Lkw posierte, die Kicker mußten als Staffage mit Bällen jonglieren.

Aber selbst bei ganz einfachen Auftritten sind Präsidenten wie Gramlich vor Fehlern nicht gefeit. Nach der 1:4-Schlappe bei Bayer Uerdingen im letzten August machte Gramlich, den es oft vor die Fernsehkameras drängte, vor erstauntem TV-Publikum seiner Mannschaft ein »Kompliment«, daß sie »so hervorragend Fußball spielt«.

Kein Wunder, daß auf der Jahreshauptversammlung Mitte November der Autowaschstraßen-Unternehmer Josef Wolf, 50, mit der Bemerkung vom eitlen »Schicki-Micki« den Nerv des aufgeladenen Publikums traf. Die Mitglieder wählten Wolf. Aber nur, reagierte Verwaltungsratsmitglied Hans Michel erschrocken, weil sie »alles andere außer Gramlich« an der Spitze haben wollten.

Vier Tage später präsentierte das Kontrollorgan einen neuen Kandidaten, der den »Gernegroß« Wolf, so ein Verwaltungsratsmitglied, wieder stürzen sollte: Matthias Ohms, 44, ein Frankfurter Devisenmakler, der mit seiner Firma »Intermoney« Millionen umsetzte.

Doch letzte Woche schmiß Wolf freiwillig hin. Der Neun-Tage-Präsident fühlte sich durch ständige Attacken, die von üblen Beschimpfungen am Telephon bis zu zerstochenen Reifen reichten, restlos zermürbt.

Der neue Favorit Ohms, ein Gramlich-Freund, hatte seinem Spezi das Präsidentenamt immer ein wenig geneidet. Phasenweise hatte der Finanzmann sogar einen Titel Vorsprung. Er schaffte es 1982, Honorarkonsul von Pakistan zu werden.

Das Gerangel um die Präsidentschaft kommt zu einer Zeit, da der Klub auch sportlich von seinem Ruf eingebüßt hat. Bei dem Werbeslogan »Faszination Eintracht«, mit dem der Klub zu Beginn der Saison die Zuschauer locken wollte, denken die Fans nur an vergangene Zeiten: als Jürgen Grabowski seine Gegenspieler elegant umkurvte, bei Freistößen von Bernd Nickel der Ball dreimal die Richtung änderte und Bernd Hölzenbein selbst im Sitzen noch den Ball ins Tor köpfte.

Getrickst wird jetzt nur außerhalb des Stadions. Wolf und Ohms gerieten am vorletzten Samstag im »Aktuellen Sport-Studio« des ZDF aneinander. Unbeeindruckt von der Mahnung des Moderators Karl Senne, daß »live« gesendet werde, bezichtigte Herausforderer Ohms den promovierten Ökonomen, er habe »Leichen im Keller«, er habe »Bauherrenmodelle an Eintracht-Spieler verkauft« und sie damit zum Offenbarungseid gezwungen. Wolf fühlte sich nach »Manier von Dallas und Denver« verfolgt.

Bis vor zwei Jahren, so mußte Wolf dann aber zugeben, hatte er mit dem früheren Eintracht-Vizepräsidenten Wolfgang Zenker Geschäfte gemacht. Der hatte Anfang der achtziger Jahre an ungefähr 80 Bundesliga-Profis Bauherrenmodelle verkauft, darunter etwa auch an den damaligen Eintracht-Spieler Bum Kun Tscha, als der Koreaner noch kaum ein Wort Deutsch verstand.

Der damalige Torhüter Jürgen Pahl, aus der DDR zur Eintracht gekommen, drohte im vergangenen Jahr, den Verein regreßpflichtig zu machen. Denn Zenker habe Pahl, so schrieb dessen Anwalt, »einen Lizenzspielervertrag unter der Bedingung aufgenötigt«, daß er »ein sogenanntes Bauherrenmodell« von ihm erwerbe. Pahls Einbuße: rund 70 000 Mark.

Eine dubiose Ex-Verbindung macht auch Ohms zu schaffen. Lange Zeit war der Devisenmakler Joachim Schmidt sein Geschäftspartner. Der inzwischen inhaftierte Geldjongleur legte ein Geständnis in der VW-Devisenaffäre ab, bei der das Volkswagenwerk im Jahr 1985 um mindestens 480 Millionen Mark betrogen wurde. Ohms hatte sich bereits 1981 von Schmidt getrennt, weil es »unterschiedliche Auffassungen« über die Ausübung des Gewerbes gegeben habe.

Bei Ohms tätig ist hingegen eine andere Person, die ebenfalls in die VW-Geldaffäre verwickelt ist: Anneliese Klomfass, die als Sekretärin von Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl dem Makler Schmidt Dienstgeheimnisse verraten haben soll. Die entlassene Vorzimmerdame erledigt jetzt die Konsulatsgeschäfte des Devisenhändlers Ohms.

Der smarte Finanzjongleur hat im Kampf um den begehrten Vorsitz bei der Eintracht einen Bonus. Ohms stand dem Klub einmal mit knapp 700 000 Mark bei, wie er sagt »cash on the table«.

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