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SPIEGEL Gespräch »Im Tennis ist es wie beim Boxen«

John McEnroe über Boris Becker, John McEnroe und die internationale Tennis-Szene *
aus DER SPIEGEL 37/1985

SPIEGEL: Mr. McEnroe, das Wunderkind, der Tennis-Mozart, der neue Superstar - kein Superlativ schien dramatisch genug, Boris Becker nach seinem Sieg in Wimbledon und seinem Triumph gegen die USA im Daviscup zu beschreiben. Das Ende von John McEnroe als Nummer eins des Welttennis schien zu drohen ...

McENROE: ... Leute, die so was glaubten, waren ganz schöne Träumer ...

SPIEGEL: ... aber seit Montag letzter Woche ist Ernüchterung unter den Becker-Bewunderern zu erkennen. Ihr Held zeigte kein Selbstvertrauen, keine Selbstbeherrschung bei seiner Niederlage gegen den Schweden Nyström. Er zeigte Schwächen, Gefühlsausbrüche. Wie stark ist Boris Becker denn wirklich?

McENROE: Hier in New York führte er sich auf dem Platz auf wie ein Siebzehnjähriger, und das sah ich zum erstenmal bei ihm. Dabei ist er sehr gut, und er wird wohl noch besser werden. Schon als ich im März in Mailand gegen ihn spielte, hatte er alle Schläge drauf. Aber damals war er noch ein bißchen ungestüm.

Ob er wirklich lange Jahre als Profi bestehen wird, hängt auch davon ab, ob er in Zukunft auf dem Platz herumhechtet wie ein Fußballtorwart oder nicht. So etwas könnte seine Karriere ein bißchen verkürzen. Eines Tages wird er sich das Bein brechen, wenn er das so weitermacht. Als Siebzehnjähriger tut man halt so was, aber ich bin sicher, in drei Jahren wird er sich derartige Einsätze zweimal überlegen.

SPIEGEL: Seine Qualitäten als Torwart sind unbestreitbar, aber was ist mit seinem Tennis, wo sehen Sie seine Schwächen?

McENROE: Er hat eigentlich keine wirklichen Schwächen. Deswegen eben könnte er ein ganz Großer werden. Es gibt allerdings Sachen, an denen er arbeiten kann, Beständigkeit etwa. Im Spiel gegen Nyström zum Beispiel wurde er ungeduldig und verpatzte eine Menge Schläge. Das Spiel auf einem Hartplatz ist eben anders als auf Rasen. Und ich muß mich wiederholen: Man kann auf Hartplätzen einfach nicht herumhechten. Irgendwann verletzt man sich dabei. Aber sein Aufschlag ist sehr stark für sein Alter. Er handelt nicht wie ein Siebzehnjähriger und sieht wirklich nicht so aus. Ich habe noch nie einen Jungen gesehen, der so früh so weit war.

SPIEGEL: Selbst John McEnroe nicht.

McENROE: Bei weitem nicht. Ich war damals ein echter Siebzehnjähriger. Becker spielt und benimmt sich, als wäre er 20 oder 21, aber wir werden ja sehen, was in den nächsten paar Jahren los ist. Vielleicht wächst er noch fünf Zentimeter und nimmt noch ein bißchen zu. Er wird hart arbeiten müssen, um seine Form zu halten. Aber er ist aus dem Holz geschnitzt, aus dem Meister gemacht werden.

SPIEGEL: Fürchten Sie, der große John McEnroe, Boris Becker? Fühlen Sie sich von ihm bedroht?

McENROE: Er ist für jeden eine ernsthafte Herausforderung. Das ist für _(Mit Redakteuren Helmut Sorge, Teja ) _(Fiedler und Stenograph im Garten seines ) _(Hauses auf Long Island, USA. )

den Tennis-Sport gut, das Tennis hat auf ihn gewartet. An jedem beliebigen Tag kann er wirklich jedem ein hartes Match liefern. Es hängt von der Art des Bodens ab, auf dem wir spielen. Am stärksten ist Becker auf Rasen, der Erfolg in Wimbledon ist ein Beweis dafür.

SPIEGEL: War Wimbledon vielleicht nur ein Märchen: ein junger unbekümmerter Spieler mit großem Talent und Kampfgeist gewinnt, weil die Spitzenspieler wie Sie selbst, von jemand anderem als Becker geschlagen wurden.

McENROE: Ich bin sicher, wenn wir in ein paar Jahren zurückblicken, wird es wie ein Märchen scheinen. Auch er wird erkennen, wie glatt es damals ging, verglichen mit dem, was ihn von jetzt an erwartet. Er hat einige gute Spieler in Wimbledon geschlagen, keine Frage. Doch der schnelle Rasen hat ihm den Erfolg erleichtert. Da muß man nicht viel nachdenken, sondern hart schlagen können und reaktionsschnell sein. Beides kann der Becker.

Alles kam zusammen, alles paßte. Die Presse war sehr lieb zu ihm, sie sagte nette Dinge und baute ihn auf. Das macht viel aus, gerade in seinem Alter.

SPIEGEL: Trotzdem, Boris Becker, Wimbledon-Sieger 1985. Hat Sie das verblüfft?

McENROE: Aber sicher. Ich hätte das nie gedacht. Ich nicht, und ich glaube auch sonst niemand. Aber schon damals, wenn man sich anschaute, was der Junge spielen konnte, war erkennbar, daß er äußerst gefährlich ist.

SPIEGEL: Wenn Sie mit einem neuen, gefährlichen Gegner wie Becker konfrontiert werden, sehen Sie sich dann seine Vorrunden im Stadion oder auch auf Video an?

McENROE: Nein, eigentlich nicht. Becker habe ich nur ein bißchen im Fernsehen gesehen. Und da gewinne ich dann so ''ne Vorstellung, was ich mache, auf welche Art ich grundsätzlich spielen sollte. Nach den ersten Schlägen, den ersten Spielen sieht man doch schon, was einer zu bieten hat.

SPIEGEL: Von da ab vertrauen Sie auf Ihren Instinkt?

McENROE: Man verläßt sich auf seinen Instinkt. Was dann abläuft - da muß man fähig sein sich anzupassen. Man kann nicht auf den Platz gehen mit einem starren Plan und sagen, so muß es laufen, ich ändere meine Taktik nicht, ganz egal, was passiert.

Ich bin doch nicht bekloppt. Wenn man anfängt zu verlieren - ich spiel'' dann doch nicht auf dieselbe Art weiter. Das wird auch Becker noch lernen. Wissen Sie, irgendwie hat er eine eindimensionale Art zu spielen. Er will grundsätzlich Superbälle spielen und wird schnell ungeduldig.

SPIEGEL: Das ist wohl mit jugendlicher Ungeduld zu erklären.

McENROE: In Wimbledon hat ihm das geholfen. Er dachte nicht nach. Es lief einfach. Aber inzwischen ist ihm das alles wahrscheinlich ein bißchen bewußt geworden.

SPIEGEL: Wie stark beeinträchtigt eine Niederlage wie die von Becker gegen Nyström die Moral und das Selbstbewußtsein eines Siebzehnjährigen?

McENROE: Das wird ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringen. Ich bin überzeugt, daß er tatsächlich geglaubt hat, er könne die Tenniswelt im Handstreich erobern. Das wäre für uns alle sehr peinlich gewesen. Ein blutjunger Neuling, der alles gewinnt. Vor seiner Niederlage machte ich mich bereit, die Dinge klarzustellen: McEnroe ist noch immer die Nummer eins.

SPIEGEL: An Ihrer Stelle verwies Nyström Becker wieder in seine Grenzen, und die deutschen Zeitungen erschienen mit Schlagzeilen wie »Boris weinte«, eine Reaktion, die sich John McEnroe nicht erlauben würde, oder?

McENROE: Ich habe niemals wirklich geweint. Vielleicht einmal, im Qualifikations-Turnier für die US Open vor neun Jahren. Ich hatte einen Matchball und wurde durch eine Schiedsrichter-Entscheidung um den Sieg betrogen. Ich war damals auch 17 Jahre alt. Es war für mich eine so große Sache, ungeheuer wichtig. Wut, Enttäuschung haben mir die Tränen in die Augen getrieben.

SPIEGEL: Und dann nie wieder.

McENROE: Nein. Doch Becker sah schon auf dem Platz ein bißchen aufgelöst aus. Aber was erwarten Sie denn von einem Kerl in seinem Alter. Wenn der Junge immer mit seinem unerschütterlichen Selbstbewußtsein herumstolzieren würde, mein Gott, da stimmte doch was mit ihm nicht.

SPIEGEL: Besteht für ihn nicht die Gefahr des »zuviel, zu bald«, das Risiko, daß er von seinem Manager in zu viele, zu schwere Turniere hineingetrieben wird, mit dem Ergebnis, etwa mit 21 Jahren ausgebrannt zu sein?

McENROE: Die Entwicklung kann niemand vorhersagen. Sicher wird er von nun an die Welt aus einem anderen Blickwinkel sehen. Jetzt ist er einer der größten Namen im Tennis, er kann die Konkurrenz nicht mehr überraschen, er kann nicht mehr unauffällig, nahezu heimlich, eine Runde um die andere überstehen. Doch was für eine Karriere: Vom Nobody zum Star und das innerhalb eines Monats.

SPIEGEL: Aber nun stehen Becker schwere Zeiten bevor?

McENROE: Es sind mehr die Probleme jenseits des Tennisplatzes als die Turniere selbst, die ihn belasten werden. Es wird ihm noch verdammt viel härter fallen, bevor es wieder besser wird.

SPIEGEL: Boris Becker mußte bereits nach seinem Erfolg in Wimbledon erkennen, wie Ruhm zur Last werden kann. Genießen Sie es, ein Star zu sein? Ist es für Sie leicht, die Erwartungen der Öffentlichkeit zu erfüllen, die gierig nach jedem Detail Ihres Privatlebens schnappt?

McENROE: Das ist alles äußerst schwierig für mich. Als ich jünger war, habe ich das einfach nicht erwartet. In erster Linie betrachte ich mich als Sportler. Ich sehe mich nicht als Star. Ich bin glücklich, daß ich gerade jetzt einer der

Besten bin und hoffentlich noch für eine ganze Weile bleibe. Ich glaube, Tennis ist ein großartiger Sport, und mir macht er großen Spaß. Aber auch in meinen wildesten Träumen hätte ich nicht erwartet, daß ich eigentlich überall in der Welt von den Leuten erkannt werde.

SPIEGEL: Stört Sie das?

McENROE: Das stört mich. Manchmal will ich in ein Geschäft gehen, und schon sagen die Leute: Mensch, John McEnroe. Man hat immer das Gefühl, von hinten angestarrt zu werden. Sogar, wenn die Leute vielleicht gar nicht wissen, wer du bist, denkt man selbst, sie wüßten es. Ich komme jetzt viel besser damit klar. Früher, sagen wir, als ich erstmals in den Ranglisten als Weltbester geführt wurde, da hat mich diese Neugier der Leute doch sehr irritiert.

Heute versuche ich die positiven Seiten zu sehen und ich sage mir: Ich kann mir ein Haus in New York leisten, eins am Strand in Kalifornien und all'' die schönen Sachen, die dazugehören. Daß ich fürs Tennisspielen einmal einen solchen Haufen Geld bekommen sollte, hatte ich mir im Traum nicht vorgestellt.

SPIEGEL: Es muß Sie eigentlich verblüffen, daß so viele Amerikaner so schnell Boris Becker, einen Deutschen, als ihren neuen Tennishelden verehren. Warum ist das John McEnroe nie passiert?

McENROE: Ich habe gar nicht mitgekriegt, daß das mit Becker so lief. Aber es ist schon wahr: Manchmal fühle ich mich ein bißchen unglücklich, weil die Amerikaner nicht unbedingt immer hinter ihren Landsleuten stehen. Manchmal unterstützen sie lieber den Underdog, den offensichtlich Unterlegenen oder auch ein neues Gesicht, wie Becker eben. Das ist irgendwie hart.

SPIEGEL: Sicher sind Sie auch auf andere Gründe gestoßen, warum Sie ein ungeliebter Held sind. Gelegentlich sehen Sie auf dem Tennisplatz aus wie einer, dem es dort nicht paßt.

McENROE: Mir gefällt es dort. Ich fühle mich wohl vor so vielen Leuten. Ich gehe gerne da raus und zeige, was ich kann. Doch wenn ich etwas schlecht mache, stört es mich. Und was kommt dann dabei heraus? Ich will immer das perfekte Match spielen, aber weil das nicht geht, bin ich wütend auf mich selbst. Ich bin ein Idealist. Wenn ich auf dem Platz bin, möchte ich, daß alle Zuschauer bei Spielbeginn sitzen, daß alle zur richtigen Zeit klatschen und nicht versuchen, mich anzumachen.

Gestern spielte ich gegen Nyström zwei der besten Sätze, die ich jemals gespielt habe. Und was passierte? Anstatt das zu honorieren, wie es meiner Meinung nach sein sollte, weil man so gelungenes Tennis eben nicht alle Tage sieht, fingen sie an, bei meinen Doppelfehlern und leicht verschlagenen Bällen zu klatschen. Ich sage Ihnen, das nimmt mich mit. Damit komme ich nicht klar.

SPIEGEL: Ihr Biograph beschreibt Sie als einen »launischen, komplizierten Profi, der unfähig zum Kompromiß ist, mit einer Perfektionssucht, die normale Menschen nicht begreifen«.

McENROE: Ich glaube, man muß immer nach oben streben. In Amerika wird man dazu erzogen. Man muß die Spitze anpeilen, der Beste sein, das Beste aus sich herausholen, um sich selbst zu verwirklichen. So wurde ich erzogen. Das ist Teil des amerikanischen Way of Life.

Ich wurde von meinen Eltern und anderen dazu angehalten, auf dem Tennisplatz nicht zu lächeln oder zu scherzen, sondern sehr ernsthaft zu sein. Auf dem Platz zu stehen, bedeutet, sich zu konzentrieren. Und das Ergebnis? Ich wäre gerne ein bißchen lockerer, vielleicht sogar ein bißchen komisch, aber ich fürchte, dann würde ich meine Konzentration verlieren und damit die Perfektion.

SPIEGEL: Die erwartet niemand. Sie selbst stellen sich unter diesen Zwang.

McENROE: Ich weiß. Die Aussichten, daß ich es wirklich schaffe, sind sehr gering. Aber man muß sich, auch nach vielen erfolgreichen Jahren, selbst nach vorne treiben. Dabei kommt es natürlich auch zu Exzessen, zu Wutausbrüchen, Empörungsszenen. Ich bin schon 50mal auf den Platz gegangen und habe mir gesagt: »John, gerate nicht in Wut, sei ganz cool, spiel'' das Match und reg'' dich nicht über ein paar Fehlentscheidungen oder ein paar mißglückte Schläge auf. Zack, das erste Spiel ...

SPIEGEL: ... und John McEnroe bestätigt wieder einmal seinen Ruf als der böse Junge des Tennis.

McENROE: Auf dem Platz habe ich eine ganz andere Mentalität als sonst. Vor dem Spiel bin ich immer ein bißchen nervös. Und dann läuft da draußen plötzlich irgendwas schief, und zack ist es wieder so, als hätte ich mir nicht fünf Minuten vorher vorgenommen, nichts zu machen und niemanden anzuschreien.

Deswegen habe ich Borg so bewundert. Jahraus, jahrein keine Beschwerden. Auf die Dauer muß es ihm aber doch etwas ausgemacht haben. Alles immer hineinzufressen, ist verdammt schwer. Sogar wenn ich zu Hause auf meinem eigenen Platz spiele, klappt es nicht. Wie oft habe ich mir vorgenommen: »John, jetzt spielst du mal den Borg.« Erfolglos natürlich. Ich werde wütend, und das hält zwei Spiele an.

SPIEGEL: Wie viele Schläger zertrümmern Sie in so einer Phase?

McENROE: So viele sind das nicht, es sind eben sehr gute Schläger.

SPIEGEL: Einige Ihrer Kritiker unterstellen, daß Ihre Ausbrüche und Dispute nur Taktik seien: Sie versuchten, Ihren Gegner durch die dauernden Unterbrechungen nervös zu machen und gleichzeitig den Schiedsrichter einzuschüchtern, damit er den nächsten umstrittenen Ball zu Ihren Gunsten gibt.

McENROE: Nein. Wenn Sie zu einem Schiedsrichter hingehen und ihm sagen, daß er nicht weiß, wovon er redet ...

SPIEGEL: Was Sie ja so manches Mal deutlich erklärt haben ...

McENROE: ... dann kannst du wirklich nicht davon ausgehen, daß du der Nutznießer der nächsten Entscheidung bist, schon gar nicht, wenn der Schiedsrichter vermutet, daß du ihn lächerlich machst. Nein, nein, ich protestiere, weil ich mich nach dem perfekten Match sehne. Und für dieses perfekte Match brauche ich einen Schiedsrichter, der von seinem Stuhl herab die richtige Entscheidung trifft. Aber ganz sicher, so manches Mal schade ich mir selbst.

SPIEGEL: Stört es Sie nicht, wenn Sie in der »New York Times« lesen, daß Sie »die schlechteste Werbung für amerikanische Werte seit Al Capone« sind?

McENROE: Ich wußte nicht einmal, daß so etwas geschrieben stand.

SPIEGEL: Aber was Charlton Heston, der amerikanische Filmschauspieler machte, haben Sie doch sicherlich gehört. Er nahm eine Einladung in die Königliche Loge in Wimbledon nicht an, weil er nach seinen eigenen Worten nicht als Amerikaner dasitzen und die Peinlichkeit miterleben wollte, »einen anderen Amerikaner zu sehen, der Schande über sein Land bringt«. Er meinte Sie.

McENROE: Was Charlton Heston sagte, juckt mich nicht.

SPIEGEL: Die »New York Times« kümmert Sie auch nicht?

McENROE: Es stört mich, wenn so was in der Zeitung steht. Die Leute glauben solche Sachen. Konstruktive Kritik macht mir nichts aus, und manchmal verdiene ich, kritisiert zu werden. Aber jedesmal, wenn ich in der Nase bohre, schreibt die Presse darüber, das stört mich.

SPIEGEL: Als Engel auf dem Platz treten Sie ja nun wirklich nicht auf, ein bißchen sollten Sie sich die Kritik schon zu Herzen nehmen.

McENROE: Absolut. Niemand behauptet, daß ich ein Engel bin. Wer hat denn sowas gesagt?

SPIEGEL: Sie sind sich doch bewußt, daß ziemlich viele Zuschauer zu Ihren Spielen kommen, wie andere zu Formel1-Rennen. Wer die besucht, will Unfälle sehen. Bei Ihnen wollen sie Ihre Wutanfälle miterleben, Ihre Streitereien mit Schiedsrichtern, vielleicht sogar Handgreiflichkeiten.

McENROE: Sie wollen eben nicht nur großes Tennis sehen, damit allein geben sich die Leute offenbar nicht mehr zufrieden. Das ist das Problem. Ein kleiner Teil der Tennisfans möchte sehen, wie ich die Schiedsrichter anschreie. Das macht sie glücklich. Und sie glauben, da wäre was geboten worden für ihr Geld.

SPIEGEL: Zumeist erfüllen Sie diese Erwartungen.

McENROE: Aus welchem Grund auch immer sie kommen, ob ich nun rumschreie oder mich beschwere, letztendlich sehen sie doch bei meinem Tennis zu, ob es ihnen nun paßt oder nicht. Und darum geht es mir: mein Tennis. So wie ich es spiele, ist es eine große Werbung für diesen Sport.

SPIEGEL: Sie könnte sogar noch positiver sein, wenn Sie aufhören würden, Ihre Gegner zu beleidigen.

McENROE: Das passiert halt, das kommt einfach so über mich.

SPIEGEL: Und Sie sagen nachher zu sich selbst, mein Gott, was ist mir da nun wieder rausgerutscht.

McENROE: Genau so.

SPIEGEL: Die Zuschauer erinnern sich nicht an drei Stunden brillanten Spiels, sondern an 15 Sekunden Streitereien, drei Sekunden, die Sie brauchen, einem störenden Photographen die Kamera aus der Hand zu treten.

McENROE: So, und was machen wir nun dagegen?

SPIEGEL: Diese Frage müssen Sie beantworten.

McENROE: Ich bin doch auch nur ein Mensch und keine »Berühmtheit« mit dem Kopf in den Wolken und Null Ahnung von der Wirklichkeit. Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ich mache Fehler, und das sehen die Leute. Ich bin kein Roboter, und ich will auch keiner werden. Ich will ich selbst sein, unabhängig, frei.

SPIEGEL: Becker wird von seinem Coach und seinem Manager begleitet. Borg hätte kaum existieren können ohne Lennart Bergelin, der wie ein Vater zu ihm war. Gibt es jemand, auf dessen Rat Sie hören?

McENROE: Solche Leute habe ich nicht. Nicht einen einzigen. Ich erledige alles selber.

SPIEGEL: Das war Ihre eigene Entscheidung?

McENROE: Ich wollte keine Leute um mich rum, die mir erzählen, wann ich trainieren soll, mir meine Schläger tragen und mir sagen, wie großartig ich wieder mal gespielt habe. Mich hat es nie gestört, wenn das Leben etwas hart war.

Darüber daß es schwer gewesen ist, bin ich heute eigentlich ganz froh. Allerdings, auf meinen Vater habe ich schon mal gehört. Und ich werde das auch weiterhin tun. Er ist mein Manager. Auf ein paar andere Leute höre ich auch. Ich nehme an, was mir vernünftig erscheint. Aber ich glaube nicht, daß viele Leute überhaupt verstehen, was ich manchmal ertragen muß. Ich glaub'', nicht mal meine Eltern.

SPIEGEL: Wenn Sie sagen, »ertragen«, was meinen Sie damit?

McENROE: Allein schon der Druck, Nummer eins zu sein, ist ganz schön hart. Wo immer ich rumlaufe, kennen mich die Leute. Ich geh'' ins Restaurant, und schon wollen die Kellner mein letztes Tennismatch mit mir diskutieren. Dazu habe ich absolut keine Lust.

SPIEGEL: Warum reist Ihr Coach nicht mit Ihnen zu Turnieren. Der sieht Sie doch kaum je in einem Spiel.

McENROE: Das ist meine persönliche Entscheidung. Manchmal könnte ich ihn schon brauchen. Aber dann reicht es meist, ihn anzurufen und ihn ein paar Sachen zu fragen. Er kennt meine Art zu spielen. Wenn zum Beispiel etwas mit meiner Rückhand nicht stimmt, kann er mir am Telephon ein paar Tips geben, ohne mich und meine Schläge zu sehen. Ich kenne ihn, seit ich zwölf Jahre alt bin. Er war mein erster Tennislehrer.

SPIEGEL: Sie haben fast alles im Tennis erreicht, Wimbledon und den Daviscup gewonnen, jahrelang Platz eins der Weltrangliste besetzt. Was motiviert Sie heute? Geht''s um Geld oder das Gefühl, der beste Tennisspieler der Welt zu sein?

McENROE: Ich könnte morgen ohne weitere Einnahmen angenehm leben. Ich weiß allerdings nicht, ob ich so gut leben könnte, wie ich möchte. Ich habe mich an diesen aufwendigen Stil gewöhnt.

SPIEGEL: Hat es in der letzten Zeit in Ihrer Karriere Augenblicke gegeben, in denen Sie sich sagten, laß den ganzen Mist, schmeiß die Brocken doch hin?

McENROE: Manchmal kommt dieses Gefühl in einem hoch, aber das hält nicht lange an. Als Wichtigstes: Ich habe heute mehr Spaß am Tennisspielen als vor fünf Jahren. Ich freu'' mich über die Tatsache, daß ich immer noch besser werde. Und ärmer bin ich dabei auch nicht geworden. Ich habe nie ernsthaft daran gedacht, Schluß zu machen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ich die nächsten drei oder vier Jahre im Tennis nicht mehr dabei bin, außer toi, toi, toi,

wegen einer Verletzung oder weil ich plötzlich gegen fast jeden verliere.

SPIEGEL: Ein konkretes Ziel im Tennis kann es für Sie kaum noch geben. Gewonnen haben Sie ja eigentlich alles.

McENROE: Ich würde unheimlich gern einmal in Paris gewinnen, denn bei den »French Open« war ich noch nie erfolgreich. Ich werd''s im nächsten Jahr wieder versuchen und mich so gut wie nur möglich vorbereiten. Ich werde mich mehr reinhängen als in Wimbledon. In Wimbledon habe ich zu viele miese Sachen erlebt, vor allem die britische Presse hat mir schwer zugesetzt.

SPIEGEL: Möglich ist es, daß Sie das nächste Mal nicht in Wimbledon antreten?

McENROE: Ja, aber wahrscheinlich ist es nicht. Das erste Mal, bevor ich dort gewonnen habe, sagte ich zu meinem Vater, »wenn ich jemals dieses Turnier gewinne, gehe ich nie wieder hin«. Mir ging''s in London einfach zu schlecht. Das macht keinen Spaß, es ist sinnlos, überhaupt hinzufahren. Die Ironie der Geschichte ist, daß ich seitdem jedes Jahr dort gespielt habe.

SPIEGEL: Die Briten nehmen vielleicht Ihre Drohungen nicht mehr ganz so ernst.

McENROE: Öffentlich habe ich nicht gedroht. Ich habe es nur meinem Vater gesagt. Die Engländer wußten davon nichts.

SPIEGEL: Gibt es aus Ihrer Sicht heute einen Spieler, den Sie als ebenbürtig betrachten oder den Sie - ganz im geheimen natürlich - bewundern?

McENROE: Mein Idol war Rod Laver, er ist mein Held. Ich würde mich nie trauen, zu behaupten, ich sei besser als er, ich mag auch nicht erlauben, wenn irgendwelche Leute sagen, ich sei der beste Tennisspieler aller Zeiten. Aber ich meine, daß ich in Bestform gegen jeden eine Chance habe. Mein Spiel reicht dazu aus. Ich schlag'' den Ball nicht so hart wie Lendl, wahrscheinlich habe ich auch keinen so guten Passierschlag wie er. Wilander oder Connors können immer wieder mal bessere Returns spielen als ich. Und Leute mit einem stärkeren Aufschlag gibt''s einige.

SPIEGEL: Denken Sie dabei an Becker?

McENROE: Becker kann praktisch jeden schlagen. Das weiß ich schon seit dem Turnier in Paris im letzten Jahr. Da habe ich mit ihm trainiert. Ich hab'' mich vor einem meiner Spiele mit ihm eingeschlagen. Damals war er 16 und konnte den Ball schon sehr hart treffen.

Ich möchte trotz allem, trotz aller Konkurrenz, Becker oder anderer, eigentlich annehmen, daß alles in allem niemand besser ist als ich. An einem schlechten Tag ist natürlich alles ganz anders, da kann man dann verlieren. Ich werde immer wieder mal verlieren. Dieses Gefühl ist mir nicht fremd.

SPIEGEL: Stecken Sie Niederlagen leicht weg? Oder gehen Sie anschließend auf einen abgelegenen Platz und trainieren acht Stunden?

McENROE: Beim Training werden Sie mich nach einer Niederlage mit Sicherheit nicht finden. Das wäre der letzte Platz. Ich bin ein ziemlich guter Verlierer. Man hat mich von Kind an gelehrt, daß die Sonne immer wieder aufgeht.

SPIEGEL: Niederlagen bedeuten für Sie keine schlaflosen Nächte?

McENROE: Ich glaube, das hängt davon ab, gegen wen man verliert. Nachdem Lendl mich im vergangenen Jahr im Finale von Paris geschlagen hatte, verbrachte ich wohl die schlimmste Nacht meines Lebens. Ich konnte überhaupt nicht schlafen. Ich hatte so um die 15 Bier getrunken und spürte nichts davon, aber auch gar nichts, so wütend war ich und so aus dem Häuschen.

Ich hatte ja schon zwei Sätze gewonnen, und dann vermurkste ich das Match noch. Zwei Sätze lang hatte ich gespielt wie bis dahin noch nie auf einem Sandplatz, und dann ließ ich das Spiel noch aus den Händen gleiten.

SPIEGEL: Von Lendl geschlagen zu werden, muß Ihnen besonders weh tun; gute Freunde sind Sie ja wohl nicht.

McENROE: Wir kommen miteinander aus. Wir treffen uns nicht gerade zum Essen, aber wir sagen »hallo«.

SPIEGEL: Würden Sie ihn zum Kaffee einladen?

McENROE: Nein, ich glaube nicht. Aber Lendl ist kein Sonderfall. Im Profi-Tennis ist es wie beim Boxen, nur daß bei uns keiner totgeschlagen wird. Im Boxen und im Tennis, so traurig das auch ist, sind die Linien klar gezogen: Einer kämpft gegen einen, einer gewinnt, einer verliert, was anderes existiert nicht. Und immer geht es um mehr als eine Handvoll Dollar.

SPIEGEL: Gibt es einen Gegner, den Sie unter allen Umständen schlagen wollen?

McENROE: Daß ich Lendl schon einen Monat vor den »US Open« geschlagen habe, war sehr wichtig. Ich habe nämlich in diesem Jahr schon ein paar Spiele verloren. Ich mußte unter allen Umständen wieder auf das richtige

Gleis kommen, um nicht auf der Stelle zu treten.

Vor ein paar Jahren habe ich gegen Lendl siebenmal hintereinander verloren. Danach willst du eigentlich nicht mehr, daß er dich grüßt. Andere Niederlagen nimmt man nicht so schwer. Als ich 1980 gegen Borg in Wimbledon im fünften Satz verlor, sagte ich mir, okay Junge, daß war das beste Spiel, das du jemals verloren hast. Langfristig war das ein positives Erlebnis für mich. Es war eins der tollsten Matches der Tennisgeschichte überhaupt und gab diesem Sport eine neue Dimension.

SPIEGEL: Gehen Sie mit einem Haßgefühl gegen Ihre Rivalen auf den Platz?

McENROE: Ich hasse ihn überhaupt nicht, niemals. Wenn ich hasse, spiele ich schlechter. Wenn Connors haßt, spielt er besser. So ist Connors. Er baut seinen Haß auf und gerät so in wilde Besessenheit. Wenn ich in diesen Gemütszustand gerate und wirklich zornig auf jemand bin, fange ich an, nachzulassen. Ich sehe meinen Gegner als Hindernis, das aus dem Weg zu räumen ist.

Hassen? Nein, das ist nicht mein Stil. Ich mag es wirklich nicht. Das ist manchmal richtig ungesund. Man wird zu persönlich und vergißt dabei, was man tun sollte. Man fängt sogar an, daran zu denken, wie kann ich dem Typen mit dem Ball einen Körperschuß verpassen, und die Konzentration ist weg.

SPIEGEL: Die großen Turniere haben Sie in diesem Jahr nahezu alle gespielt. War der Ausnahmespieler des nächsten Jahrzehnts unter Ihren Kontrahenten, der John McEnroe der neunziger Jahre?

McENROE: Sicherlich ist Becker Anwärter auf diese Rolle.

SPIEGEL: Wer sonst?

McENROE: Die beiden Schweden Wilander und Edberg. Vor ein paar Monaten hätte ich gesagt, Edberg ist den beiden anderen etwas voraus. Jetzt sieht es so aus, als überhole Becker ihn, Wilander ist allerdings dicht dahinter.

SPIEGEL: Versuchen Sie mal, in Prozenten auszudrücken, welche Chance Becker hat, jemals Nummer eins zu werden?

McENROE: Eine bessere als jeder sonst. Aber Achtung: Ich werde auch noch eine Zeitlang mitmischen.

SPIEGEL: Wo sind denn die jungen Amerikaner, die Ihnen gefährlich werden können?

McENROE: Im Augenblick sehe ich keinen. Aber die Amerikaner starten ihre Profi-Karriere meist, wenn sie etwas älter sind. Das liegt am College-System. Man sieht keine fünfzehn-, sechzehnjährigen Amerikaner, denen Verträge angeboten werden wie etwa Becker und die bezahlt werden fürs Herumfahren.

In den USA ist es anders. Da ist die Schule wichtiger. Ich glaube, die Jungen, die mit 16 Profi werden, machen einen Fehler. So früh sollte man das nicht tun. Die Europäer werden Profis, sobald sie stark genug sind, ein Match zu gewinnen. Ich bin mit 19 Profi geworden.

SPIEGEL: Anders als Boris Becker, der nun nicht mehr wie ein normaler Junge aufwächst, konnten zumindest Sie ein paar Teenager-Jahre genießen.

McENROE: Die Leute sollten sich ernsthafter Gedanken machen, warum Björn Borg schon mit 25 Schluß machte: Weil er schon als Teenager Tennisprofi war und seine Jugend nie genießen konnte. Ich glaube, man muß ein bißchen etwas über das Leben erfahren, muß ein ganz normales Leben führen bis zu einem gewissen Alter, ganz egal wie gut man im Tennis ist. Das sollte jeder mal ausprobieren. Auf''s College gehen, ein Jahr oder so, wie ich es machte. Diese Kinder heute im Tennisgeschäft wissen nicht, auf was sie sich einlassen.

SPIEGEL: Wenn Sie einen Sohn hätten, würden Sie ihn mit 16 Profi werden lassen?

McENROE: Nein.

SPIEGEL: Was würden Sie ihm sagen?

McENROE: Ich würde ihm raten: Wenn du wirklich gut genug bist, dann bist du auch in ein paar Jahren noch gut genug.

SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, daß John McEnroe als, sagen wir, 15. der Weltrangliste noch Tennis spielen wird, mit Boris Becker oder einem anderen als der Nummer eins?

McENROE: Wenn ich dann die Nummer zwei, drei oder vier wäre, käme ich möglicherweise damit klar. Aber ich weiß nicht wie lange.

SPIEGEL: Für Ihr Ego wäre das sicher schmerzlich.

McENROE: Das allerbeste wäre es sicher nicht. Aber genau kann ich das nicht sagen. Wenn ich auf den 30. Geburtstag zugehe, bin ich seit fast 12 Jahren im Profi-Geschäft.

Irgendwann hat man es einfach satt, kann man keinen Platz mehr sehen, keinen Schläger und keinen Flughafen. Dann fängt man an nachzudenken, ob man langsam was anderes machen sollte. Ich weiß heute noch nicht, was es sein wird. Aber ich werde ganz sicher etwas anderes machen. Ich werde mich nicht bis zum 50. Geburtstag in Sachen Tennis quälen, so sehr liebe ich Tennis auch wieder nicht.

SPIEGEL: Mr. McEnroe, wir danken Ihnen für das Gespräch.
*KASTEN

John Patrick McEnroe *

wurde 1959 in Wiesbaden geboren, während sein Vater in der Air Force diente. Linkshänder McEnroe, 26, begann mit acht Jahren Tennis zu spielen, er wurde 1978 Profi. Seither siegte er bei nahezu allen bedeutenden Turnieren wie in Wimbledon (dreimal), bei den US Open und im Masters. Die Nummer eins im Welttennis verdiente bis Ende August allein an Preisgeldern 8 093 929 Dollar. Jährlich, so schätzen Experten, kommen durch Werbeverträge und Schauturniere, die seine eigene Firma »Tennis Over America« organisiert, fünf Millionen Dollar hinzu.

Mit Redakteuren Helmut Sorge, Teja Fiedler und Stenograph im Gartenseines Hauses auf Long Island, USA.

H. Sorge, T. Fiedler
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