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In der Imagefalle

Warum ist Rudi Völler ein Liebling der Massen? Der Rummel um seinen Abschied ist dem Musterprofi peinlich.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Der Jubel schmerzt fast wie ein Foul: In den Ohren dröhnt noch das langgezogene »Ruuudi«-Gebrüll aus der Fan-Kurve, die Schultern sind blau vom ewigen Klopfen, die Augen rot von den Blitzlicht-Orgien der Fotografen. In solchen Nächten, sagt Rudi Völler, »habe ich mich manchmal im Bett gefragt, was eigentlich so besonders an mir ist«.

Abschiednehmen ist anstrengend. Keiner weiß das besser als Völler, 36, der gerade die längste Good-bye-Tournee der Bundesliga-Geschichte absolviert hat. Doch der Satz über die Nachtgedanken bleibt eine der wenigen Äußerungen, die verraten, was er über den Zirkus denkt, der über ihn hereingebrochen ist, seit er sein Karriere-Ende angekündigt hatte.

Über Monate erstreckte sich die Jubelarie um den grau gewordenen Profi, den die Kollegen nur »Tante Käthe« nennen. In Freiburg erhielt er noch nach dem Spiel minutenlange Ovationen. Auf St. Pauli applaudierten die Fans sogar, als Völler zum Ausgleich gegen ihre eigenen Kicker traf. Beim HSV radebrechte Präsident Uwe Seeler vor dem Anpfiff eine rührend kitschige Rede, die, wie so viele Ansprachen, mit denen der 90malige Nationalspieler bedacht wurde, mit »Sportsgeist« anfing und mit »nie vergessen« endete.

Selbst in Dortmund haben sie ihn gefeiert, schon bei den Aufwärmübungen. Zuerst hat er ungläubig in die Borussia-Fan-Kurve geschaut, die das Lied von »Rudi, dem bestem Mann« grölte. Nur zögernd bedankte er sich: »Ich konnte es gar nicht fassen, schließlich ging es für die doch um die Meisterschaft.«

Als er vom Dortmunder Kapitän die obligatorischen Blumen überreicht bekam, wirkte er fast ein wenig gereizt, tänzelte von einem Bein auf das andere. Ein knappes »Okay«, ein kumpelhaftes Kopfnicken, »laß uns Fußball spielen.«

Der »Rudi« würde sich nie beschweren. »Es gibt schlimmere Schicksale, als beliebt zu sein«, sagt er. Aber gleichzeitig scheint er froh, wenn am Dienstag dieser Woche mit seinem Abschiedsspiel in Leverkusen zwischen der Nationalmannschaft und einer Weltauswahl endgültig Schluß ist - nicht nur mit Rennen, Grätschen und Ellbogenchecks, sondern auch mit all den Lobhudeleien und Dankesworten.

»Ich hab' mich über alles gefreut«, sagt Völler artig. Dabei wirkten viele der Abschiedspräsente so gedankenlos peinlich, als habe der Schenker vor dem Spiel noch hektisch im hintersten Schrank der Geschäftsstelle gekramt: Der Karlsruher SC überreichte einen farbigen Bildband »100 Jahre KSC«, Uerdingen spendierte einen Kugelschreiber in Schmuckschatulle, in St. Pauli drückte ihm Präsident Weisener ein Lebkuchenherz vom Rummelplatz nebenan in den Arm. »Es bekommt einen besonderen Platz«, hat er jeweils mit einem sanften Lächeln wissen lassen. Welchen, das sagt er nicht.

Die Abschiedstournee sei schließlich auch nicht seine Idee gewesen, sagt der Weltmeister von 1990. Irgendein Journalist habe am Anfang der Saison das Thema aufgebracht und dann sei es irgendwie losgegangen. Daß diese Reise so lang und exzessiv zelebriert wurde, hat freilich nicht nur damit zu tun, daß Völler als ehrlicher, sympathischer, kumpelhafter Typ gilt - das traf für andere populäre Spieler vor ihm ähnlich zu. Doch Vogts, Overath, Grabowski und viele weitere gaben ein Abschiedsspiel - und fertig.

Das leidenschaftliche »Servus, mach's gut«-Theater ist vielmehr Ausdruck einer neuen Zeit, in der sich echte Anteilnahme und kühles Geschäftsinteresse seltsam verquicken. Die Fans lieben Rudi Völler, weil sie den Fußball weiter lieben wollen, der ihnen in der Zeit der großen Gagen, Gala-Shows und aufgeblasenen Popanzen immer mehr zu entschwinden scheint. Die Medien, die Sport in Quoten und Auflage rechnen, lieben Völler, weil sie im an Identifikationsfiguren armen Profibusiness noch Typen brauchen.

Vielleicht ist seine Popularität auch damit zu erklären, daß sich zwei Szenen in den Publikumsköpfen festgesetzt haben, in denen er eher als Opfer, denn als Held aufgetreten ist. Ein Foul von 1985, als ihn der grobmotorische Bayern-Ausputzer Klaus Augenthaler mit einem brutalen Foul vom Sprinttempo auf Null stoppte - und Bayern-Trainer Udo Lattek mit dem zynischen Spruch, Völler habe das Pech gehabt, »zu schnell« gewesen zu sein, ein bitteres Bonmot ans Krankenbett sandte.

Dann, bei der Weltmeisterschaft 1990, als der Holländer Frank Rijkaard ihn im Achtelfinale in einem kurzen Scharmützel erst an den Haaren zog und schließlich bespuckte - und Völler obendrein vom Schiedsrichter des Feldes verwiesen wurde.

Der Abstiegskampf mit Leverkusen, »wo wir doch vor ein paar Wochen vom Uefa-Pokal geträumt haben«, hat das Image vom wackeren Recken zudem verstärkt. Das »Ruuuuudi« von den Rängen fiel wohl deshalb besonders tief und inbrünstig aus. Lieblinge dürfen nicht absteigen.

»Die Sabrina hat wunderbar mitgespielt«, sagt die »ran«-Redakteurin, die gerade von einem Dreh mit Völlers Ehefrau für eine Home-Story zurückkommt. »Prima«, sagt Völler, aber wieder ist da dieses Lächeln, das verrät, was er von dem ganzen Rummel hält. Sich ihm zu entziehen, das kommt nicht in Frage. »Schließlich«, sagt der brave Völler, »lebe ich als Profi ja davon.«

Aus einer Imagefalle zu entkommen ist nicht einfach, das gilt besonders für Buhmänner wie Stefan Effenberg oder Mario Basler. Für Völler, der all die Jahre auf die Rolle des guten Jungen abonniert war, ist es nahezu unmöglich: »Nicht meine Schuld«, sagt er, »man hat mich halt in diese Schublade gesteckt.« Gebetsmühlenartig wiederholt er in jedem Interview, »daß ich ganz anders sein kann«, und verweist auf seine Wutausbrüche. »Als netter Kerl von nebenan tituliert zu werden kann auch nerven.«

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